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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Man muss sensibel mit den Objekten umgehen"

Herero in Ketten mit deutschem Soldaten, Brosche

Nach langen Verhandlungen hat Deutschland seine Schuld am Völkermord in Namibia anerkannt. Das könnte auch Bewegung in die Debatte um die Rückgabe von Raubgütern bringen. Davor stehen aber noch viele Unklarheiten, wie ein Beispiel aus dem Frankfurter Weltkulturen Museum zeigt.

Sich während eines Kriegszuges privat bereichern? Für Eugen Stuhlmann, Oberleutnant der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, war das nichts, was er vor der Welt verheimlichen wollte. In seinem Tagebuch schreibt der 1872 geborene Soldat ganz offen, wie er um 1905 in verlassenen und zerstörten Herero-Dörfern im heutigen Namibia Waffen und Schmuck einsammelte.

Perlenbesatz für Umhang, Herero, Namibia

Mehrere Stücke dieses Raubguts vermachte er später dem Völkermuseum in Frankfurt, dem heutigen Weltkulturen Museum. Eines dieser Schmuckstücke, eine wertvolle perlenbesetzte Brosche der Herero, ist bis 18. Juli in der Ausstellung "Hidden in plain sight. Vom Unsichtbarmachen und Sichtbarwerden" zu sehen.

"Aktiv Rückgaben anstoßen"

Die Ausstellung will sich kritisch mit dem Kolonialismus und dessen Auswirkungen auseinandersetzen. Ob dazu auch gehört, Ausstellungsstücke zurückzugeben?

Für Afrika-Kuratorin Julia Friedel gibt es darauf mehr als nur eine Antwort: "Ich glaube, man muss sehr sensibel mit diesen Objekten umgehen und sie einzeln nach ihrer Geschichte, also sprich nach ihrer Provenienz befragen", sagt sie. "In dem Moment, wo wir klare Unrechtskontexte identifizieren können, ist es - glaube ich - schon wichtig, auch aktiv Rückgaben und ähnliches anzustoßen."

Land Hessen führt Befragung durch

Die Brosche ist für sie eindeutig Raubkunst, erklärt sie: "Man kann einfach sagen, dass dieses Objekt den Besitzer nicht gewechselt hätte, wenn dieser Völkermord nicht stattgefunden hätte. An der Stelle muss man sagen, dass wir durchaus darüber nachdenken, solche Objekte aktiv zu restituieren, also zurückzugeben, weil der Sachverhalt einfach so klar ist."

So klar ist es aber in den seltensten Fällen. Wie viele Raubgüter in hessischen Museen lagern, ist bislang unbekannt. Für die Suche nach NS-Raubgut in Landesmuseen hat die Landesregierung 2015 die Zentrale Stelle für Provenienzforschung eingerichtet. Nach Angaben von Volker Schmidt, Sprecher des Kunstministeriums, erhalten diese Stelle, die Landesmuseen selbst und der Hessische Museumsverband seit 2021 jährlich 500.000 Euro für die Aufarbeitung ungeklärter Provenienzen.

"Damit wird aktuell unter anderem eine großflächige Befragung der Kulturgut bewahrenden Einrichtungen in Hessen durchgeführt, um Objekte außereuropäischer Herkunft zu ermitteln", erklärt Schmidt. "Diese Umfrage ist eine wichtige Basis dafür, in Folgeprojekten Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten festzustellen."

Museen vor vielen Unklarheiten

Neben Personalmangel in der Provenienzforschung sei ein großes Problem dabei, dass aus der Kolonialzeit wenige so klare Aufzeichnungen wie die von Eugen Stuhlmann erhalten sind, ergänzt Julia Rajkovic-Kamara, Sprecherin des Weltkulturen Museums. In vielen Fällen sei unklar, wie einzelne Objekte den Besitzer gewechselt haben. Deswegen wisse auch ihr Museum nicht genau, wie viele seiner Objekte Raubkunst sind.

Und selbst bei eindeutigem Raub sei häufig nicht klar, wer berechtigt für eine Rückgabe ist: ein Staat, Museen innerhalb des Staates, eine Gruppe, die als Fürsprecher in Erscheinung tritt oder ein Individuum? Unklar sei auch oft, welchen Umgang sich die Beteiligten wünschen, sagt Rajkovic-Kamara: "Wollen sie das Objekt zurück oder eine Entschädigung?" Wichtig sei es, mit den Ansprechpartnern vor Ort auf Augenhöhe zu reden.

"Selbst keine Entscheidungsmacht"

Auf deutscher Seite stünden vielfach bürokratische Hürden im Weg: "Wir als Museum verwalten die Objekte ja nur", erklärt Rajkovic-Kamara. "Wenn zum Beispiel die Stadt Frankfurt ein Objekt zurückgibt, muss das aus dem Haushalt herausgenommen werden."

Kuratorin Julia Friedel wünscht sich deswegen klare Vorgaben von der Politik: "Wir als Museen können ja nur Empfehlungen aussprechen und Projekte erarbeiten, in denen man mit Herkunftsgesellschaften in den Dialog tritt", sagt sie. "Aber es ist so, dass wir eben keine Entscheidungsmacht haben und auf die Entscheidungen, die Bund und Länder treffen, angewiesen sind."

"Im Austausch mit Vertretern der Herero"

Ein Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama (etwas 1904-1907) im Zentrum der namibischen Hauptstadt Windhuk. Die Inschrift laut übersetzt etwa: «Ihr Blut nährt unsere Freiheit».

Was die Brosche der Herero angeht, so gebe es noch keine konkreten Pläne für eine Rückgabe. "Einen individuellen Vorbesitzer konnten wir in unserer Forschung nicht ausfindig machen", berichtet Friedel. "Aber wir sind an einem Projekt des Deutschen Zentrum Kulturgutverluste beteiligt, das den Austausch mit anderen Museen und schließlich auch Vertretern der Herero bezüglich des Umgangs mit solchen Objekten sicherlich voranbringen wird."

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Das historische Versöhnungabkommen

Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im heutigen Namibia, damals unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika. Zwischen 1904 und 1908 schlug die Kolonialmacht Aufstände der Herero und Nama brutal nieder. Bis zu 100.000 Menschen kamen ums Leben, sie wurden erschossen oder vertrieben, verhungerten und verdursteten. Es war der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, dessen explizite Anerkennung die Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang verweigerte.

Im Mai 2021 verständigten sich die Regierungsdelegationen aus Namibia und Deutschland schließlich auf ein Versöhnungsabkommen. Demnach werde sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor der Nationalversammlung Namibias förmlich entschuldigen. Wiedergutmachung werde in Form von Sozialprojekten in den historischen Siedlungsgebieten in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre geleistet.

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