Giovanni Speranza

Wir befinden uns im Jahr 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Ganz Deutschland spricht vom Kinosterben. Ganz Deutschland? In Bad Nauheim stemmt sich ein Werbefachmann gegen den Trend und belebt ein geschlossenes Kino wieder. Wie und warum, erzählt Giovanni Speranza im Interview.

Er sei durchaus als Verrückter abgestempelt worden, sagt Giovanni Speranza. Denn: Er will mitten in der Corona-Pandemie und mitten im drohenden Kinosterben ein Lichtspielhaus wiederbeleben. Vor zwei Jahren wurde das "Fantasia" an der Kurstraße in Bad Nauheim (Wetterau) geschlossen, im Februar 2021 soll es als "FilmBühne" wieder eröffnen. Kreativer Kopf dahinter ist der Werbefachmann Giovanni Speranza. Wie er mit seinem Konzept Geld verdienen will, erklärt er im Interview.

hessenschau.de: Herr Speranza, die Kinos kämpfen überall ums Überleben, Sie wollen mitten in der Corona-Pandemie ein neues eröffnen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Giovanni Speranza: Aus meinem Beruf als Marketing-Manager. Da gibt es einen Begriff für ein solches Vorgehen: antizyklisch werben und antizyklisch handeln. Das kann oft der Schlüssel zum Erfolg sein.

hessenschau.de: Aber es gibt ja mehrere Faktoren, die den Kinobetreibern nicht erst jetzt zusetzen – zum Beispiel die Konkurrenz durch die Streamingdienste.

Speranza: Es gibt zwei verschiedene Arten von Kinos: einmal die Programmkinos und dann die größeren, die Mehrsaalkinos. Diese unterscheidet grundsätzlich die Filmauswahl. Bei den Programmkinos ist es den Zuschauern egal, wann der Film ausgestrahlt wird, Hauptsache, er hat eine Botschaft, er ist - fast schon - künstlerisch entwickelt worden. Bei den herkömmlichen Kinos geht es darum, den neuesten Film zu sehen und darüber zu sprechen. Es geht also eher um Konsum: Ich möchte der erste sein, der den Film sieht.

Zahlen belegen, dass der Kinogänger - sowohl derjenige, der ins Programmkino geht als auch derjenige, der ins herkömmliche Kino geht - auch einen Streamingdienst hat. Das heißt, der Streamingdienst ergänzt die Auswahl des Cineasten. Der grundsätzliche Unterschied ist nun das Erlebnis. Natürlich können Sie ein großes Wohnzimmer haben und einen tollen Bildschirm, aber es ist doch etwas anders, mit 50 wildfremden Personen gemeinsam einen Tagtraum zu erleben, der auf einer Leinwand gespielt wird, das Raunen im Saal, das können Sie bei sich im Wohnzimmer nicht nachspielen.

hessenschau.de: Ich gehe bewusst aus, in dem Fall ins Kino, weil ich etwas erleben möchte. Und der Film ist letztendlich nur ein Teil davon. Wie kann das in einem Programmkino aussehen?

Speranza: Mir hilft es zurückzuschauen nach dem Motto: Rückschritt ist der wahre Fortschritt (lacht). Wenn ich mir überlege, wie Kino vor 60 Jahren gemacht wurde, dann sehe ich ein Kino, in das ich gerne gehen würde. Warum also nicht einfach wieder ein Kino machen, bei dem es Platzeinweiser gibt, bei dem es eine Bedienung im Saal gibt, wo es Diskussionen mit Regisseuren und Produzenten vor oder nach dem Film gibt? Also: Es geht um das ursprüngliche Kinoerlebnis.

hessenschau.de: Sie sagen dabei selbst, mit Filmen kann man kein Geld verdienen. Womit dann?

Speranza: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es so: Vorstellungen fangen ab 15 Uhr an. Es gibt aber auch die Zeit bis 15 Uhr, in der der Saal genutzt werden kann - beispielsweise für Weiterbildungskonzepte, für Schulen, wir könnten Unternehmen die Geschäftsberichte hier im Kino präsentieren lassen. Es ist ein Einfaches, eine kleine Bühne zu bauen und dort beispielsweise ein Mal die Woche Kabarett oder Lesungen stattfinden zu lassen. Das heißt, ich habe in meinem Konzept geschaut, wo bleibt denn Platz für Neues und für Anderes. Damit kann man das Kino auch betriebswirtschaftlich in den schwarzen Bereich bringen.

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Filmbühne Bad Nauheim
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hessenschau.de: Wie waren die Reaktionen bei den Menschen in der Region? Vor zwei Jahren hat ja genau an der Stelle das Kino "Fantasia" geschlossen.

Speranza: Die waren überwältigend. Ich habe damit nicht gerechnet, führe es aber auch darauf zurück, dass die Menschen gerade jetzt im Lockdown light eine große Sehnsucht nach einem normalen Leben entwickelt haben - und da gehört das Kino glücklicherweise dazu. Ich glaube, das wäre in jedem anderen Ort, der seit zwei Jahren kein Kino mehr hat, das aber seit 1926 existiert hatte, ähnlich gewesen. Mich haben wildfremde Menschen angerufen und angeschrieben und sich bedankt, und das, obwohl das Kino noch gar nicht geöffnet ist.

hessenschau.de: Aber werden die Menschen nicht enttäuscht sein, wenn vor ihrer Haustür eben nicht der neuste James Bond läuft?

Speranza: Absolut, aber es geht nicht darum, das Kino für jedermann zu bauen. Mein Anspruch ist es, eine Unternehmung zu bauen, die eine gewisse Sinnhaftigkeit hat. Das heißt nicht, dass ich mich jetzt als Bildungsinstitution sehe, ich bin immer noch im Unterhaltungsbusiness, aber zum Beispiel soll unser Kinderprogramm ausschließlich Filme ab dem Prädikat "wertvoll" enthalten. Genauso wird es mit den anderen Filmen sein. Ich spiele nicht den Film, den jeder aus der Zeitung kennt, sondern den Film, den wir gemeinsam mit dem Kurator aussuchen und für sinnvoll erachten, der eine gewisse Ausstrahlung, eine gewisse Aussage und Ecken und Kanten hat. Da geht es nicht um Kommerz sondern um Inhalt und Wert.

hessenschau.de: Apropos Kurator, Sie sprechen von einem Shootingstar der Drehbuchszene, Doron Wisotzky, der das Buch zur Sönke-Wortmann-Komödie "Contra" geschrieben hat. Welche Rolle soll er spielen?

Speranza: Wir kennen uns seit knapp 30 Jahren und wir haben immer die Leidenschaft Kino, die Leidenschaft Film, die Leidenschaft Unterhaltung geteilt. Als ich ihm erzählt habe, dass ich das Kino hier in Bad Nauheim wiederbeleben will, da hat er so freudig reagiert, dass mir spontan die Idee kam, ihn mit einzubeziehen. Und er hat sofort zugesagt. Jemanden an meiner Seite zu wissen, der gerade das Drehbuch für einen Sönke-Wortmann-Film geschrieben hat, bestätigt mich und gibt mir eine gewisse Art von Sicherheit, dass ich dem Anspruch gerecht werden kann, ein solches Programm anbieten zu können.

hessenschau.de: Welche Rolle spielt es, dass Sie quasi Wand an Wand zu dem alten Kino aufgewachsen sind?

Speranza: Das Kino hat mich seit meiner Jugend abends im Bett beschäftigt, es war damals nicht so abgeschirmt wie heute. Es hat mich geprägt. Dieses Kino wurde 1926 gebaut und die Grundstruktur des Saals ist noch vollkommen erhalten. Daraus darf man kein Parkhaus oder eine Lagerfläche machen! Es liegt in unserer Verantwortung, so etwas zu erhalten und weiterzutragen. Und meine Eltern wohnen auch heute noch ein Haus weiter. Das heißt, meine Mutter kann mich künftig aus ihrem Küchenfenster sehen, wenn ich den Hof hier kehre.

Das Gespräch führte Martin Kersten.

Sendung: hr-iNFO, 06.11.2020, 20.35 Uhr