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Audioseite Filmtipp: "Eine Handvoll Wasser" mit Jürgen Prochnow

Filmstill "Eine Handvoll Wasser": Jürgen Prochnow und Milena Pribak alias Konrad und Thurba betrachten ein Aquarium.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Weltstar mit einem jungen Regisseur in Hessen einen Film dreht. Jürgen Prochnow hat es getan. Jetzt kommt das Flüchtlingsdrama "Eine Handvoll Wasser" in die Kinos. Es geht um eine besondere Freundschaft.

Konrad kennt sich mit Fischen aus, mit Menschen eher nicht. Auf die redselige Nachbarin reagiert er kaum, die einzigen Kontakte zur Außenwelt sind die erwachsene Tochter und der Fernseher, vor dem er abends allein sitzt.

Auch Veränderung ist nicht Konrads Sache. In seinem Haus hat der 85-Jährige seit dem Tod seiner Frau nichts mehr verändert, ihr Zimmer nicht und auch nicht das der Tochter. Nur seine Fische, die pflegt er noch.

Milena Pribak

In diese Welt platzt eines nachts Thurba herein - ungewollt. Die zwölfjährige Jemenitin ist vor der Abschiebung ihrer Familie in Konrads Keller geflohen. Der vermutet einen Einbrecher, einen "Zigeuner" gar, und schießt mit einer Nagelpistole um sich. Er verletzt Thurba, will sie erst gleich wieder rausschmeißen, verarztet sie dann aber doch. Es ist der Beginn einer zarten Freundschaft.

Jürgen Prochnow als Griesgram

Das ist die Geschichte von "Eine Handvoll Wasser", dem Spielfilmdebüt des Frankfurter Regisseurs Jakob Zapf. Gedreht hat er den Film im Jahr 2019 an verschiedenen Orten im Rhein-Main-Gebiet. Für die Hauptrolle des griesgrämigen Konrad konnte er niemand Geringeren als Hollywood-Legende Jürgen Prochnow ("Das Boot", "Air Force One") gewinnen.

Ihm habe schlicht das Drehbuch gefallen, erzählt Prochnow im Interview mit dem hr: "Es hat mich sehr angesprochen, weil ich denke, dass Flucht ein ganz aktuelles Thema ist in Deutschland." Jakob Zapf habe ihn beim ersten Treffen an seinen Sohn erinnert, fügt der 80-Jährige augenzwinkernd an, das habe ihn zusätzlich bestärkt.

Zapf: "Habe super viel gelernt"

Zapf wiederum erlebte Prochnow als unkompliziert und hilfsbereit: "Er ist sehr zielstrebig, weiß genau, was er aus einer Szene rausholen will und kann dann auch einen ganz eigenen Drive entwickeln, um das zu spielen."

Viele Szenen seien so sehr schnell entstanden. An anderen hätten sie beide nochmal gemeinsam gearbeitet: "Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, ich habe super viel gelernt", erinnert sich Zapf.

Cast Film "Eine Handvoll Wasser"

Film soll für Verständigung werben

Der 38-Jährige will mit "Eine Handvoll Wasser" für Verständigung werben. "Es gibt zu wenig Kinofilme, die sich mit Flüchtlingsthemen auf eine Weise auseinandersetzen, sodass andere Leute sie verstehen und mitfühlen", so Zapf.

Außerdem gehe es bei der Diskussion dieses Themas immer nur um die Gegenwart: "Es gibt so viele Menschen, die in ganz unterschiedlichen Phasen Deutschlands nach Deutschland kamen oder von hier fliehen mussten. Das verbindet doch die Vergangenheit und die Gegenwart sehr stark."

Berührt vom Blick der Trümmerkinder

Gepackt habe ihn das Thema, als er Fotos von den sogenannten Trümmerkindern des Zweiten Weltkriegs gesehen habe. Der Blick ihrer Augen habe ihn an den Blick der Flüchtlingskinder erinnert, die 2015 nach Deutschland kamen.

Diese Verbindung soll der Film schaffen und so Menschen aus unterschiedlichen Welten abholen. Auf der einen Seite die Welt von Thurba, auf der anderen Seite die von Konrad: "Wenn Kunst neben Erbauung oder Unterhaltung einen Sinn hat, dann Verständigung und Empathie zu fördern", sagt Zapf.

Prochnow: Erinnerungen an eigene Flucht

Wie Verständnis und Empathie wachsen können, erleben die Zuschauer im Laufe des Films zusammen mit Konrad. Der findet über die Freundschaft mit Thurba wieder einen Sinn im Leben - was auch seine innere Versteinerung auflöst. Am Ende bringt er sich für das Mädchen sogar selbst in Gefahr.

Diese Entwicklung zu zeigen habe ihn gereizt, erklärt Prochnow. Zudem habe er eigene Fluchterfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg einbringen können - seine Familie floh vor den Bomben der Alliierten aus Berlin zu den Großeltern nach Pommern und von dort wieder zurück, als die russische Armee vorrückte.

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Audioseite Regisseur Jakob Zapf im Porträt

Jakob Zapf Tonio Kellner
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"Vergisst man sein Leben lang nicht"

Das seien Erfahrungen, "die sehr prägend für einen Menschen sind", wie Prochnow weiß: "Ich erinnere mich an diese Flucht und eben auch an die Schrecken, die das ausgelöst hat. Das vergisst man ja sein Leben lang nicht." Bis heute könne er Sirenen nicht hören.

Deswegen sei sein Wunsch, sagt Prochnow, dass der Film bei den Zuschauenden "etwas auslöst und sie zum Nachdenken bringt". Zapf wiederum wünscht sich, dass sie ein Gefühl dafür mitnehmen, dass "wir zusammen und in Solidarität Lösungen finden können, auch für Situationen, die zunächst aussichtslos erscheinen."

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Kurzkritik

Die Idee des Films - knorriger Alter trifft auf liebenswertes Kind - ist nicht neu: "Eine Handvoll Wasser" orientiert sich an Klassikern wie "Der kleine Lord" oder "Gran Torino". Die Geschichte von Konrad und Thurba ist dabei vor allem zum Ende hin etwas vorhersehbar, der zweite Erzählstrang rund um Konrads Tochter wirkt fast didaktisch. Auch mancher Dialog wirkt plakativ: Dass Konrad vor Thurba über Ausländer schimpft, hätte es nicht gebraucht, denn wie der Griesgram tickt, verstehen die Zuschauenden schon in den ersten Filmminuten.

Die große Stärke des Films ist, dass er berührend, aber nicht rührselig ist. Das liegt am Drehbuch, das an den richtigen Stellen immer wieder eine gesunde Portion Humor platziert hat - etwa, wenn Konrad mit Thurba einkaufen gehen muss, weil er beim Waschen ihren Pullover hat einlaufen lassen. Die vielleicht größte Stärke von "Eine Handvoll Wasser" ist aber die Besetzung: Die Rolle des Konrad ist wie für Jürgen Prochnow geschrieben. Er trägt den Film allein durch seine Leinwandpräsenz und ist dabei bestens flankiert von Kinderdarstellerin Milena Pribak, der man ihre erste Hauptrolle nicht anmerkt.

Fazit: ein sehenswerter Film.

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