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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Warum junge hessische Autoren und Autorinnen gendern

Collage drei Autoren, Sprechblase mit Genderstern

Das Gendern erreicht den Literaturbetrieb: Zwei hessische Autoren und eine Autorin erklären, welche Bedeutung das für sie hat und wie sie in ihren Werken damit umgehen.

Das generische Maskulinum war in der deutschen Sprache lange das Maß der Dinge: Ob bei Studenten, Bäckern oder Ärzten - bei diesen Sammel-Bezeichnungen waren stets Menschen beider Geschlechter gemeint. Gegen dieses "Mitmeinen" hat sich in den vergangenen Jahren eine starke Bewegung entwickelt. Die kritisiert, dass beim generischen Maskulinum Frauen und nicht-binäre Menschen ausgeschlossen werden.

Gendern für junge Autoren und Autorinnen wichtig

Alternative Vorschläge gibt es einige: Gendersternchen, Doppelpunkt oder das Binnen-I wie zum Beispiel in KollegInnen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat es kürzlich abgelehnt, solche Schreibweisen in sein amtliches Regelwerk aufzunehmen. Geschlechtergerechte Sprache sei "eine gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Aufgabe, die nicht allein mit orthografischen Regeln und Änderungen der Rechtschreibung gelöst werden kann", heißt es in der Begründung.

Die Diskussion ist aber in vollem Gange. Auch in der Literatur. Noch wird in den allermeisten Romanen nicht gegendert. Das bestätigen die großen deutschen Verlage auf Anfrage. Doch es gibt Ausnahmen. Es sind vor allem junge Autoren und Autorinnen, denen das Gendern wichtig ist. Hier erklären drei von ihnen, was das Gendern für sie und ihre Arbeit bedeutet.

Juan S. Guse wechselt zwischen Femininum und Maskulinum

Juan S. Guse

Der Autor Juan S. Guse hat in seinem zweiten Roman "Miami Punk" etwas anders gemacht als noch im ersten Buch. Eine kleine Veränderung und doch wurde er bei Lesungen mehrfach darauf angesprochen. Guse verwendet beim Schreiben nicht mehr ausschließlich die rein männliche Form für Personen- oder Berufsgruppen, wie Ärzte, Lehrer, Bauarbeiter.

"In der Literatur handhabe ich das so wie im Privaten, dass ich einfach willkürlich zwischen Femininum und Maskulinum wechsle. Beispiel: Die Arbeiterinnen gehen in den Hafen, aber die Gärtner bleiben zuhause", erklärt der Seligenstädter Autor. 

"Der Sprung muss in die Literatur"

Während des Studiums habe er anfangen, das generische Maskulinum immer mal wieder auszutauschen, "weil es einfach so bescheuert ist, wenn man sich einmal drüber Gedanken macht." Doch in seinem Erstlingswerk wagt er diesen Schritt zunächst nicht. Erst bei Lesungen zum Buch habe er festgestellt, dass er gar nicht mehr so spricht, wie er noch im Buch geschrieben hat: "Da ist mir klargeworden, dass der Sprung auch in die Literatur muss."

Diesen Ansatz verfolgt Guse mittlerweile nicht nur in seiner eigenen Literatur. Wenn er seinem kleinen Sohn eine Geschichte übers Baggerfahren vorliest, lässt er mal den Baggerfahrer und dann wieder die dazugedichtete Baggerfahrerin den Sand wegschaufeln: "Inzwischen geht mir das ganz natürlich von der Hand."

Alicia Zett versucht genderneutral zu schreiben

Autorin Alicia Zett hält ein Buch in der Hand

In ihren Büchern versucht die Frankfurter Autorin Alicia Zett möglichst genderneutral zu schreiben. Das bedeutet: Statt Studenten und Studentinnen (das wäre männlich und weiblich gegendert) verwendet Zett das Wort Studierende: "Nicht jede Person ist männlich oder weiblich. Es gibt auch was dazwischen", begründet Zett ihre Entscheidung.

Gerade weil ihr jüngstes Buch "Not your Type" die Geschichte eines Trans-Charakters behandele, sei eine Sensibilität für Sprache so wichtig. Über den Vorwurf, genderneutrale Sprache zerstöre die Literatur, kann sie nur lachen: "Meine Bücher sind nicht weniger literarisch als andere, nur weil ich versuche, genderneutral zu schreiben". 

Alicia Zett wünscht sich eine bewusste Auseinandersetzung mit der Thematik. Sie selbst frage sich auch oft am Ende einer geschrieben Seite, wieso sie einen Sanitäter und keine Sanitäterin verwendet habe. Genderneutrales Schreiben sei eigentlich gar nicht so schwer, allerdings "gibt es noch nicht für alles das richtige Wort, aber vielleicht kommt das ja noch", sagt sie lächelnd. 

Eno Liedtke benutzt keine Pronomen mehr

Autor Eno Liedtke

Eno Liedtke hat ein geschlechtsneutrales Kinderbuch geschrieben. Das fängt damit an, dass in seinem Buch "Sterne im Kopf" die Hauptfigur ohne Pronomen auskommt. "Ich möchte, dass sich alle Menschen - auch jenseits von Mann und Frau - angesprochen fühlen. Die Wertschätzung verschiedener Geschlechtsidentitäten wird über Literatur gesteuert", sagt der Marburger Autor.

"Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Kinder lernen sehr schnell. Je früher wir damit anfangen, desto schneller verstehen sie das auch und stolpern später nicht darüber", sagt er.

In seinem Text verwendet er das Gender-Sternchen, vor dem sich viele Literaturschaffende scheuen: Freund*innen heißt es da. Aussprache: Freund - kurze Pause - innen. Ein sogenannter Glottisschlag - wie bei Spiegel-Ei.  

Sendung: hr2 Am Morgen, 12.04.2021, 7:30 Uhr