Kulturzentrum Kassel

225 Quadratmeter Bruchbude, viele freiwillige Helfer und der Wille, etwas zu verändern: In Kassel nehmen Musiker ihr Glück selbst in die Hand und bauen sich ein Kulturzentrum mit Proberäumen und einer Bühne.

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In der Ecke stapeln sich Heizkörper. Dämmmaterialien, Holzhaufen und die pink-weiße 70er-Jahre-Tapete neben dem Eingang sind mit einer Staubschicht überzogen. Claus Szypura steht vor dem großen Board mit den Plänen in dem Raum, in dem in Zukunft bis zu 100 Menschen Konzerten lauschen können. In der Hand hält er einen Bleistift. Er setzt an und hakt ab. "Eine Aufgabe weniger", sagt er. Bis das Kulturzentrum "dasfranzulrich" - in der Franz-Ullrich-Straße - fertig ist, gibt es allerdings noch eine ganze Menge Punkte abzuhaken.

Kulturzentrum Kassel

Claus Szypura ist der Initiator vom "dasfranzulrich". Aus der Not heraus kam er auf die Idee, selbst für mehr Kulturraum zu sorgen: "Für junge Künstler, für Bands, für Theaterspielende, für Schriftsteller. Ein Ort, an dem man sich treffen kann". Künstler könnten dort zum ersten Mal die Bühne betreten. So oft es möglich ist, geht Szypura auf die Baustelle und arbeitet für seinen Traum. "Es wird sich anfühlen, wie ein Zuhause", erzählt er. Er wünscht sich, dass sich die Leute im "dasfranzulrich" treffen, proben und wenn sie von dem Kulturzentrum sprechen sagen: "Ey, lass mal nach Hause gehen."

Proberäume sind Mangelware

Auch Szypuras Sohn Julian Blumnauer werkelt in den Räumen des geplanten Kulturzentrums. Er ist der Sänger der Kassler Band Mykket Morton - und gab den Anlass für das aufwändige Projekt. "Wir haben ewig lang nach einem Proberaum gesucht", sagt Blumnauer. Seine Bandkollegen und er hätten aber keinen gefunden.

Kulturzentrum Kassel

"Wir sind alle keine Bauarbeiter"

Die Suche nach einem geeigneten Ort begann vor zwei Jahren. Fündig wurden die Bandmitglieder und Claus Szypura am Kasseler Kulturbahnhof. "Das Gebäude war am Anfang wirklich ein Bruchhaufen. Wir sind hier reingekommen und haben uns gedacht: Ist das überhaupt möglich, was wir hier vorhaben?", erinnert sich Musiker Blumnauer. Alles habe einfach furchtbar ausgesehen.

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Dennoch haben sie die Herausforderung angenommen. Musiker, wie die Mitglieder der Kassler Band Call Us Janis, helfen mit. Sänger Jaro Huber erzählt, dass auch seine Band keinen Proberaum finden konnten. Kassel böte nicht viele Möglichkeiten. "Aber anstatt wegzuziehen, wollen wir versuchen, es selber attraktiv zu machen."

Alle Bauarbeiten bewältigen die Musiker in Eigenregie. Claus Szypura ist gelernter Schreiner und leitet die vielen Freiwilligen an, die alle keine Bauarbeiter oder Handwerker sind. "Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen", sagt Blumnauer. "Da ging natürlich am Anfang einiges schief." Ein fünf Meter Balken etwa wurde 50 Zentimeter zu kurz abgeschnitten. Doch mit jeder Aufgabe hätten die Freiwilligen dazu gelernt.

Kulturzentrum soll im Herbst öffnen

Zwei Proberäume und auch das Tonstudio sind bereits fertig. Hier wird Blumnauer in Zukunft arbeiten und Musik mischen. Und wenn der große Veranstaltungsraum mit Küche und die barrierefreie Toilette fertig sind, warten noch die Instrumentenwerkstatt und das Büro auf ihren Ausbau.

Es gibt noch eine Menge zu tun und eine Menge zu bedenken. "Wir müssen uns über die Heizung Gedanken machen, das Gebäude hat keine. Wir müssen uns Gedanken machen über Schalldämmung und über Wärmedämmung. Und später über Elektrik und die Innenraumakustik“, zählt Claus Szypura auf. Jetzt arbeiten er und sein Sohn aber erst einmal am Lüftungssystem für den Veranstaltungsraum.

Kulturzentrum Kassel

Das Projekt hat die Macher bislang etwa 25.000 Euro gekostet - finanziert aus Eigenmitteln und über Crowdfunding. Bis Mitte Oktober haben Szypura, Blumnauer und die anderen Musiker noch Zeit, mit allen Aufgaben fertig zu werden. Dann soll ihr neues Zuhause in Kassel eröffnet werden. "Es wäre unheimlich schön, wenn sich das hier so etabliert, dass die Leute gerne hier herkommen. Und dass die Leute schätzen, was wir machen", sagt Blumnauer und setzt die Bohrmaschine wieder an.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 13.8.2019, 16.45 Uhr