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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Theater auf der Suche nach dem Teufel in uns

Kayne West und Mephisto

Künstler, die zu Mitläufern oder Verrätern werden: In gleich zwei hessischen Theatern ist das ab Oktober Thema. Es geht dabei auch um den Teufel in jedem von uns.

Wann verraten Künstler demokratische Werte, weil sie sich mit Populisten oder Diktatoren gemein machen? So wie der Rapper Kanye West, der für Donald Trump wirbt, oder der Autor Peter Handke, der die Kriegsverbrechen des ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic kleinredet?

Oder wie der Schauspieler Gustaf Gründgens, der zur Zeit der NS-Diktatur Karriere machte und zum Intendanten des Staatlichen Schauspielhauses und zum Staatsschauspieler ernannt wurde. Er liefert die historische Vorlage für das Stück "Mephisto" von Klaus Mann, in dem ein Schauspieler sich zum Bühnenzugpferd der Nationalsozialisten macht (mehr in der Infobox am Ende). Gleich an zwei hessischen Theatern ist das Stück jetzt zu sehen.

"Typus unserer Zeit"

Für Thomaspeter Goergen, den Dramaturgen des Staatstheaters Kassel, ist "Mephisto" (Wiederaufnahme ist am 10. Oktober) ein hochaktuelles Stück über Verrat, das nur vordergründig von einem Karrieristen im Dritten Reich handelt: "Im Grunde ist Mephisto der Typus unserer Zeit geworden", sagt er - ein Mensch mit Doppelgesicht, bei dessen Tun die einen jubeln und die anderen sich und ihre Werte verraten fühlen.

Doch wo beginnt der Verrat? Beim Bruder, der plötzlich AfD wählt, bei der Mutter, die glaubt, Corona gebe es gar nicht - oder bei einem Fußballer wie Mesut Özil, der sich von einem Diktator wie Recep Tayyip Erdogan vereinnahmen lässt?

Mephisto, der Verräter

"Menschen, die wie wir sind, denken auf einmal anders", sagt Goergen. Das Problem dabei: "Es findet kein Diskurs mehr statt." Am Staatstheater Kassel ist die Hauptfigur Mephisto ein Verräter. Er ist der Schauspieler, der seine Seele an die Nazis verkauft, der Schützling Herman Görings.

Am Schauspielhaus Frankfurt inszeniert Claudia Bauer den Mephisto ebenfalls, Premiere ist am 3. Oktober. Für die Regisseurin ist in der Figur des Mephisto ein anderer Aspekt von Bedeutung. Für Claudia Bauer geht es eher um den politischen Mitläufer, der nicht aktiv verrät, sondern sich wegduckt.

"Wann stehen Menschen auf?"

"Wann stehen Menschen auf und sagen, ich kann in diesem System nicht weiter funktionieren?" fragt sie sich. "Wann muss ich etwas dagegen tun, demonstrieren oder mich radikalisieren oder auswandern? Wann ist da für jeden Einzelnen der Punkt gekommen?"

Für Claudia Bauer gehen auch hierzulande immer wieder Menschen den Weg des geringsten Widerstands, wie jüngst in Thüringen, wo sich ein FDP Politiker mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ.

"Nachrichten voller Diktatoren"

Die Frage, wie Menschen auf undemokratische Werte oder den Umbau ganzer politischer Systeme reagierten, würden immer brennender, sagt Bauer. "Man muss nur ein Medium einschalten und sieht Diktatoren, die die Nachrichten bevölkern."

Regisseurin Bauer geht am Schauspielhaus Frankfurt auch der Frage nach dem Teufel in jedem Menschen nach. Machen Menschen den Mund auf, wenn Kollegen diskriminiert werden, wenn Frauen sexuell belästigt oder Migranten benachteiligt werden?

Brandaktuelle Fragen

Die Parallelen zum Dritten Reich scheinen dabei noch nicht groß. Doch Demokratien leben vom Einsatz jedes Einzelnen. Insofern stellen die Aufführungen am Schauspiel Frankfurt und am Staatstheater Kassel brandaktuelle Fragen. Und so gibt die Geschichte des "Mephisto" den Zuschauern die Gelegenheit, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.

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Darum geht es in Mephisto

Das Theaterstück basiert auf dem Roman "Mephisto" des Autoren Klaus Mann (1906-1949), dem ältesten Sohn des Schriftstellers Thomas Mann. Er verarbeitet darin die Rolle des berühmten Schauspielers Gustaf Gründgens in der Zeit der NS-Diktatur – ohne ihn beim Namen zu nennen, bei Mann heißt die Hauptfigur Hendrik Höfgen. Dieser blieb während der NS-Zeit in Deutschland und diente dem Regime. Das tat er nach Manns Überzeugung aus Opportunismus. So schaffte er es, zum Favoriten Hermann Görings aufzusteigen. Später wurde er zum Intendanten der Staatlichen Bühnen Berlins. Gründgens' berühmteste Rolle war ausgerechnet die des Teufels Mephisto in Goethes "Faust".

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Sendung: hr2-kultur, 01.10.2020, 8.12 Uhr