"Lass uns nachher eine Runde spazieren gehen". Laaangweilig!? Muss nicht sein, auch wenn in Coronazeiten nicht viel anderes geht. Auf zu neuen Pfaden!

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Spazierengehen mit Geistern und Kompass

Hand hält Smartphone mit "Ghosthunting" auf dem Bildschirm
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Seit dem zweiten Corona-Lockdown ist Spazierengehen das neue Ausgehen und nahezu die einzige Möglichkeit, mal Menschen zu treffen. Aber was am Anfang noch schön und irgendwie auch besonders war, nervt langsam. Man zieht immer die gleiche Furche im Stadtpark, kennt inzwischen jeden Strauch beim Namen, begrüßt jeden neuen Grashalm per Handschlag. Langweilig!

Gegen diese Tristesse haben wir Spaziergänge gefunden, die etwas anspruchsvoller sind und die Freude am Gehen, Laufen und Wandern wieder zurückbringen.

Stadtspaziergang mit vielen Infos

Wie wäre es mit einem Hörspaziergang? Also nicht die alte gewohnte Strecke und eben dabei irgendwas hören. Echte Hörspaziergänge wie etwa die "Talk Walks" sind unterhaltsame Stadtspaziergänge in Frankfurt oder Kassel. Sie führen zu ausgefallenen und idyllischen Orten, wie in das Naturschutzgebiet Dönche bei Kassel oder in die Altstadt von Frankfurt-Höchst.

Die Macher haben die Talkwalks aufwändig produziert und nach Themen sortiert. Alles was man dafür braucht, sind ein Smartphone und ein Kopfhörer. Die Dateien kann sich jeder gratis auf der Webseite runterladen und beim Spazierengehen abspielen. Ein Qualitätsmerkmal sind die hochkarätigen Stadtführer und der stimmungsvolle Klangteppich. So führt der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) höchstpersönlich durch die Höchster Altstadt und erklärt die von der Stadt angeschobenen Veränderungen.

Geisterjagd durch Frankfurts Innenstadt

Und wer offen für richtig experimentelle Stadtführungen ist, sollte dem Künstlerpaar Haike Rausch und Torsten Grosch auf ihren "Ghost Huntings" folgen. Rausch und Grosch gehören zum Frankfurter Kunstverein Quersumme 8 und haben akustische Spaziergänge entworfen, die sie Geisterjagden nachempfunden haben. "Wir haben uns auf die Suche nach elektromagnetischen Feldern in der Innenstadt gemacht", sagt Heike Rausch, "und diese mit einem speziellen Gerät hörbar gemacht."

Beim Ghost Hunting gehe es darum, die eigenen Hörgewohnheiten auf die Probe zu stellen und verborgene Klänge kennenzulernen. An jeder der neun Stationen in Frankfurt begeben sich die Spaziergänger auf eine Abenteuerreise, um eine klangliche Mischung aus verfremdeten Tönen elektromagnetischer Felder und von Rolltreppen, Sendemasten, Fahrstühlen oder Parkautomaten zu erfahren.

Mit Geocaching in die Natur

Eine Frau hält ein Smartphone mit einer Schatzkarte ins Bild

Wer lieber etwas mehr Action hat und gerne Rätsel und Aufgaben löst, für den gibt es Geocaching. Das ist zwar nicht neu, aber in Lockdownzeiten erfreut sich diese Art des Wanderns oder Spazierengehens neuer Aufmerksamkeit. "Cache" kommt aus dem Englischen, es handelt sich um einen versteckten Schatz, den man mittels App auf dem Smartphone aufspüren soll. Wie die Beute aussieht, variiert stark, je nachdem, wer sie auslegt, von kleinen Trophäen bis zu ganzen Schatzkistchen. In jedem Fall liegt auch immer ein Logbuch dabei, in das sich die Finder eintragen können.

"Es gibt so viele unterschiedliche Caches und tolle Ideen von Leuten, die da rumbasteln, und es ist so schön zu sehen, was die Leute sich für eine Mühe geben." Für Geocaching-Fan Nicole Kohlhepp ist es eine perfekte Kombi aus Nervenkitzel und Outdoor-Spaß. "Ich lerne wieder mit einer Karte umzugehen, meine Orientierung zu verbessern und natürlich mit dem Kompass zu arbeiten, weil man den überwiegend benutzt."

Von der Geisterjagd über die digitale Schatzsuche bis zum akustischen Stadtspaziergang: In Coronazeiten braucht niemand mehr die immer gleichen Furchen durch den Stadtpark zu ziehen.

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Zum Artikel Die große Freiheit - vom Spaziergang

Spaziergänger in Kassel
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Spazierengehen - eine Wissenschaft

Die Promenadologie stammt aus Kassel und wurde in den 1980er Jahren von Lucius Burckhardt entwickelt. Es geht darum, sich die Bedingungen der Wahrnehmung bewusst zu machen und die Wahrnehmung zu erweitern, sagt der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar. Er hat in Kassel studiert, entwirft Stadtspaziergänge und berät Kommunen bei der Stadtplanung.

Die Praxis des Spazierengehens hätten Städter im ausgehenden 18. Jahrhundert für sich erfunden. "Damit taten es die Bürger dem Adel gleich, der viel freie Zeit hatte und in eigenen Parks spazierte." Es ging um Lustwandeln und darum, andere Menschen zu treffen und sich auf den Promenaden zu zeigen. "Es ging um Teilhabe am öffentlichen Leben", sagt Weisshaar, und um eine nicht zweckgebundene Fortbewegung von einem Ort zum anderen. "Der Spaziergänger ist kein Verkehrsteilnehmer im eigentlichen Sinne."

Und heute gelte es als Luxus, das Auto stehen zu lassen und sich die Zeit für einen Spaziergang zu nehmen. Außerdem fördere das Gehen an der frischen Luft die Kreativität. "Unterwegs können wir gut denken, der Körper ist in Anstrengung, aber eben nicht zu stark, so dass wir eben noch Kapazitäten in unserem Hirn frei haben." Und gerade in Corona-Zeiten empfänden viele Menschen das Spazierengehen, auch mangels Alternativen, als sehr entspannend.

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Tipps, wie Sie Sich im Wald richtig verhalten, finden Sie hier: