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Zukunftsforscherin Lena Papasabbas: "Frauen leben jetzt anders"

Frauen mögen nur rote Rosen, flackernden Kerzenschein und Sex mit ganz viel Gefühl: Ist das wirklich so? Zwei Künstlerinnen aus Frankfurt werfen einen anderen Blick auf weibliche Lust.

Ein silbernes Siphon, gefüllt mit rosa Schaum. Zwei pfirsichfarbene Bälle, die mit einer Sicherheitsnadel zusammengehalten werden. Anna Neros Kunst wirkt grafisch, bisweilen sogar abstrakt. Erst bei genauerer Betrachtung wird klar: In vielen ihrer Bilder sind Sex Toys dargestellt.

Visuell eindeutiger arbeitet Sonja Yakovleva. Sie verarbeitet in ihrer Kunst sexuelle Fantasien; großformatige Scherenschnitte zeigen lustvolle Orgien und erotische Begegnungen. Sie wisse zwar nicht, ob eine Orgie auch so ablaufen würde, wie sie sich das vorstelle, sagt Yakovleva. In ihren Bildern könne sie aber Welten erschaffen, die ihr gefallen.

Dass Anna Nero und Sonja Yakovleva erotische Experimentierfreude öffentlich ausstellen, zeigt: Sexualität wird mittlerweile nicht mehr nur aus männlicher Perspektive gedacht.

Zukunftsforscherin: Perspektive auf Sex hat sich verändert

Die Zeichnung zeigt ein silbernes gebogenes Rohr, das mit rosa Schaum gefüllt ist

Spätestens seit der Serie "Sex and the City" sei die Auseinandersetzung mit weiblicher Sexualität nicht länger nur eine private, sagt Katharina Leiber. Sie verkauft seit 20 Jahren Sexspielzeug und stellt fest: "Die Leute wollen immer mehr aus sich raus. Sie wollen mehr kennenlernen." 

Sex Toys zum Beispiel seien heute nicht vor allem Problemlöser für vermeintlich einsame Singles oder gelangweilte Paare, sondern eine Möglichkeit Sex noch individueller und vielfältiger zu erleben, so Leiber. Kulturantrophologin Lena Papasabbas vom Frankfurter Zukunftsinstitut sieht den Grund dafür im gesellschaftlichen Aufstieg der Frau. "Früher mussten Frauen sich darum kümmern, einen guten Partner zu bekommen, der sie finanziell absichert. Das ist jetzt vorbei", erklärt sie. Stattdessen täten sich eine Vielzahl von Möglichkeiten auf - von der polygamen Beziehung bis hin zur Trennung.

Sinnlichkeit als Impuls für Kunst

Für die Frankfurter Künstlerin Anna Nero ist es selbstverständlich, dass Lust, Sex und Spiel in ihrer Arbeit stattfinden. "Es hat mit meinen persönlichen Präferenzen zu tun", erklärt sie sachlich. "Der sinnliche Impuls ist bei mir der Anreiz, überhaupt Kunst zu machen. Ob der jetzt immer sexuell ist, sei mal dahingestellt."

Eine Frau mit schwarzen Haaren und schwarzem Overall sitzt auf einem Stuhl und blickt in die Kamera

Sie interessiere sich für Oberflächen, Farbverläufe und, ja, auch für Irritation, so Nero. "Etwas sieht aus wie ein Dildo, hat aber Stacheln. Wie könnte man das wohl anwenden?" Manchmal beobachtet sie, wie Menschen ihre Arbeit betrachten und entsprechende Motive beschämt ignorieren. Kinder dagegen würden ihre bunten, ansprechend geformten Bildelemente ganz unvoreingenommen einfach als Rundungen, Wellen oder Schleifen wahrnehmen.

"Männer machen seit Tausenden von Jahren erotische Kunst"

Auch für Sonja Yakovleva ist die künstlerische Auseinandersetzung mit Erotik keine große Sache. Innerhalb der Kunstwelt sei von ihrer Arbeit niemand schockiert. Wenn sie allerdings auf der Datingplattform Tinder gefragt wird, was sie beruflich macht und sie dann auf ihren Instagram-Account verweist, sieht die Sache oft schon ganz anders aus, sagt die Frankfurterin. Männer hielten sie entweder für "eine notgeile Frau, mit der man alles machen kann" oder beendeten den Kontakt direkt.

Eine Frau mit Sonnenbrille und Kopftuch

Wenn man als Frau erotische Kunst mache, sei man gleich "verdächtig". Wenn Männer nackte Frauen malen, werde das dagegen anders bewertet, kritisiert Yakovleva. "Dann ist sie seine Muse", meint sie. Niemand würde einen männlichen Künstler in einem solchen Fall als "Freak" oder "notgeilen Sack" bezeichnen.

Anna Nero stört vor allem, dass erotische Kunst sofort mit Bedeutung aufgeladen wird, sofern kein Mann dahintersteckt. "Wenn man sich als Frau mit Sexualität auseinandersetzt, wird direkt eine politische Komponente dazu gedichtet", sagt sie. "Ich finde es halt einfach geil. Weiße Männer machen seit Tausenden von Jahren erotische Kunst und keiner hat was dagegen oder findet das bemerkenswert."

Prognose: Umgang mit Sex wird offener

Die Arbeit der Künstlerinnen Nero und Yakovleva mag Ausdruck eines modernen Umgangs mit weiblicher Lust sein. Ein unverkrampfter Umgang mit nicht-männlicher Sexualität sei trotzdem noch nicht selbstverständlich, erklärt Katharina Leiber. Während die eine Hälfte der Kundinnen und Kunden in ihrem Sexshop autark und neugierig im Angebot stöbere, sei die andere Hälfte eingeschüchtert oder gehemmt. Dafür macht sie auch einen "Overkill an überall verfügbarer Pornografie" verantwortlich - überall sehe man Idealbilder, wie man zu sein habe.

Wen die gegenwärtige Aufmerksamkeit für wilde Sexpraktiken oder neue Beziehungskonzepte einschüchtert, unter Druck setzt, vielleicht sogar verärgert, kann Zukunftsforscherin Papasabbas beruhigen. Sie glaubt, sobald Menschen aus einem Modell ausbrechen, wählen sie oft erst einmal das andere Extrem, also etwa eine polyamouröse offene Beziehung statt einer monogamen Ehe. "Aber grundsätzlich pendelt sich das dann wieder ein", sagt sie. "Und wünschenswerterweise stehen dann verschiedene Lebensmodelle einfach gleichwertig nebeneinander."

Blick auf eine Ausstellung mit einem großformatigen Scherenschnitt

Folgt man Papasabbas, wird in Zukunft niemand mehr Anstoß nehmen an einem gemalten Dildo oder einer in Papier geschnittenen Gruppensex-Szenerie. Bis dahin wünscht sich Sonja Yakovleva ein bisschen weniger Aufregung um ihre Motive, aber auch um die eigene Person. "Ich bin nicht hundert Prozent am Tag eine Sex-Künstlerin", sagt sie. "Das Leben besteht ja nicht zu hundert Prozent aus Sex."