Zu sehen sind ein Foto des English Theatre Frankfurt und eine Visulaierung des Casals Forum.
English Theatre in Frankfurt, künftiges Casals Forum in Kronberg/Taunus Bild © English Theatre Frankfurt

Wenig ist klar definiert im aktuellen Brexit-Poker, doch eines steht fest: Der drohende Ausstieg Großbritanniens aus der EU hinterlässt auch in der hessischen Kulturszene Spuren. Allerdings nicht nur negative.

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Der Brexit wirft seine Schatten voraus, und sie legen sich nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf kulturelle Institutionen. Eine feste Größe im Kulturbetrieb ist das English Theatre in Frankfurt. Im 40. Jahr seines Bestehens - bezieht man seinen Vorläufer Café Theater ein - hat es sich längst als größte englischsprachige Bühne auf dem europäischen Festland etabliert.

Nun könnte das Theater zu einem der Leidtragenden eines drohenden "harten Brexit“ werden: Es arbeitet auch mit britischen Schauspielern, die in Frankfurt Gastauftritte haben. Ein ungeregelter EU-Austritt könnte für sie inmitten des laufenden Spielbetriebs den Verlust ihrer Arbeitserlaubnis bedeuten.

"Das würde uns hart treffen"

Bereits zweimal ist das zwischen der britischen Premierministerin Theresa May und der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen im Londoner Unterhaus durchgefallen, für den Montagabend ist dort die nächste Debatte über das weitere Vorgehen geplant. Ein ungeregelter, harter Brexit ist das Szenario, vor dem Theaterintendant Daniel Nicolai am meisten graut: Die Show würde stillstehen.

"Das würde uns wirklich hart treffen. Denn ich sage mal, der ganze Spielbetrieb ist ja überwiegend über Karten finanziert. Und die Leute sind gewöhnt, dass die bei uns, ich sag mal ab September bis Juni/Juli bei uns Programm angeboten kriegen. Und für Theater ist das ganz tödlich. Wenn hier auf einmal ein halbes Jahr kein Theater ist, dann ist es auch sehr schnell weg“, sagte er der Sendung Hauptsache Kultur im hr-fernsehen.

Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre in Frankfurt
Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre in Frankfurt Bild © hr

Hoffnung auf Brexit-Verschiebung

Nicolai hofft auf eine Brexit-Verschiebung, um Regelungen für seine britischen Künstler zu finden. Ob die von der EU eingeräumte Frist bis April oder Mai dafür ausreichen wird, ist ungewiss.

Probleme drohen auch in umgekehrter Richtung. Johanna Heanley arbeitet bei der Bühne als Stage Managerin. Die Deutsche lernte dort ihren heutigen Mann kennen, einen britischen Schauspieler. Beide leben in London, pendeln aber viel zwischen Deutschland und der britischen Metropole.

Doppelte Staatsbürgerschaft als Lösung

Nach dem Brexit wird sie in Großbritannien eine Immigrantin sein und ein Visum brauchen. Das war so nicht vorgesehen, sagt Heanley: "Wir sind eigentlich davon ausgegangen, wir können einfach zusammen sein, wir können irgendwie mal in England sein, mal in Deutschland sein, wir können frei wählen, wo wir sein wollen. Aber jetzt mit dem Brexit weiß man halt nicht, inwieweit das weiter möglich sein wird mit dem Hin- und Herreisen."

Ein Verlust der EU-Freizügigkeit würde auch Simon Bailey treffen. Der britische Sänger arbeitet freiberuflich an der Oper Frankfurt. Er versucht jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen. Das habe ausschließlich berufliche Gründe, sagt er. Seit dem Brexit-Referendum ist die Zahl der Briten, die einen deutschen Pass beantragt haben, stark gestiegen.

Chamber Orchestra of Europe kommt nach Kronberg

Schon seit geraumer Zeit steht fest, dass das Chamber Orchestra of Europe, derzeit mit Hauptsitz in London, künftig eng an das neue Casals Forum der Kronberg Academy angedockt wird. Als "Orchestra in Residence" wird es den Kammermusiksaal für seine Proben- und Arbeitsphasen nutzen und vom nahen Frankfurter Flughafen aus zu seinen weltweiten Tourneen starten.

Casals Forum Kronberg
So soll das Casals Forum in Kronberg aussehen Bild © picture-alliance/dpa

Start wird in der Konzertsaison 2021/22 sein. Dann sollen im Vordertaunus auch Studierende der Academy, Orchestermitglieder und Dirigenten neue Projekte entwickeln. Diese Entscheidung ist sicher nicht allein eine Folge des britischen Ausstiegs aus der EU, hat sie aber womöglich vorangetrieben. Es gibt in Hessen also nicht nur Brexit-Verlierer.

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Kronberg Academy und Chamber Orchestra of Europe

Die Kronberg Academy hat sich der Förderung junger Talente verschrieben und bildet herausragende Geiger, Bratschisten und Cellisten aus. Das künftige Casals Forum wird mit seinem Konzertsaal zentraler Ort für alle Aktivitäten der Academy sein. Namensgeber ist der katalanische Cellist Pablo Casals (1876–1973). Das Chamber Orchestra of Europe wurde 1981 gegründet und spielte unter anderem unter Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt und Bernard Haitink.

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