Collage, Neckermann-Gebäude, Tanzende junge Frau, Fußgängerzone

Das Unesco-Welterbekomitee hat die Darmstädter Mathildenhöhe zum Welterbe ernannt. Manchmal erkennt man die Besonderheit von Kulturgütern ja erst mit größerem zeitlichen Abstand. Fünf Vorschläge für die Zukunft.

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Audioseite Welterbekomitee entscheidet über Darmstädter Mathildenhöhe

Die Darmstädter Mathildenhöhe
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Hessen hat seit diesem Samstag eine neue Welterbestätte: Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe ist auf der 44. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees ausgezeichnet worden. Sie ist damit die siebte Stätte nach dem Obergermanisch-Raetischen Limes, dem Kloster Lorsch, der Grube Messel, dem Nationalpark Kellerwald-Edersee, dem Bergpark Wilhelmshöhe und dem Oberen Mittelrheintal.

Lauter altehrwürdige Stätten, deren Schönheit und Bedeutsamkeit man manchmal erst mit etwas zeitlichem Abstand erkennt. Was wird man wohl in 50 Jahren als so wertvoll einschätzen? Wir haben fünf Vorschläge für die Kandidatenliste im Jahr 2071:

Die Treppenstraße in Kassel

Fußgängerzone Treppenstraße Kassel

1953 kommt sie schwer in Mode: die Fußgängerzone. Kassel hat in Deutschland die Nase vorn und eröffnet im November die Treppenstraße, die kürzeste Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt - 275 Meter lang, über 15 Höhenmeter immer den Hang runter, 104 Stufen, dazwischen Rampen für Kinderwagen.

Das Problem der Nachkriegsstadt ist ein Vorteil für die Planer: Jede Menge zerstörte Häuser, dafür aber eben auch ein freier Blick bis zum Auepark und weit und breit nichts, was den Ideen im Weg stehen könnte.

Anfangs ist die Treppenstraße einfach nur ein Weg. Dann kommen die Häuser, die Geschäfte, und schließlich kommen auch die Stars: Curd Jürgens, Walter Giller und Heinz Erhardt drehen dort Filme und sorgen für nordhessischen Glamour. Der hr-Tatort hat vor zwei Jahren nochmal zu Dreharbeiten vorbeigeschaut, ansonsten ist Deutschlands erste Fußgängerzone heute eher ein beschaulicher Ort.

Gekauft wird längst woanders, und im Hauptbahnhof gibt es schon lange keinen Fernverkehr mehr. Die Nachkriegsarchitektur der Treppenstraße aber hat immer mehr Fans. Unter Denkmalschutz steht sie schon, und wenn sie in 50 Jahren dann mal Weltkulturerbe ist, läuft’s auch wieder mit den Menschenmassen. Ganz bestimmt.

Von Dagmar Fulle

Das "Elefantenklo" in Gießen

Elefantenklo Gießen

Es ist das Wahrzeichen von Gießen geworden. Und nirgendwo sonst in Deutschland ist der Spitzname für ein Bauwerk gebräuchlicher als in Gießen. Niemand dort sagt "Fußgängerüberführung Selterstor" - alle sprechen vom Elefantenklo. Was durchaus liebe-, wenn nicht sogar respektvoll gemeint ist.

Sicher, die überdimensionierte Fußgängerbrücke mit den drei großen eckigen Öffnungen erinnert an ein riesiges Plumpsklo. Die Betonplatte vom Ausmaß eines Olympiaschwimmbades ist nicht gerade eine Augenweide. Ein Funktionsbau aus dem Geiste der Wirtschaftswunderjahre, um den Autos freie Fahrt in die Stadt und den Fußgängern sicheren Zugang zu den Konsumzonen im Seltersweg zu ermöglichen.

In 50 Jahren werden nur noch Fahrräder und Elektrobusse unter der Fußgängerüberführung verkehren. Und niemand wird mehr von Bausünde sprechen. Während andere Städte die Bauten und Plätze des Betonzeitalters aus den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts abreißen, hinter Fassaden verstecken oder mit Architektenpetersilie dekorieren, werden die Gießener ihre markante Fußgängerplattform erhalten. Alle 30 Jahre eine Sanierung ist nach heutigem Stand ohnehin günstiger und ökologischer als Abriss und Neubau.

Als ein in Beton gegossenes Symbol für den Spagat zwischen autogerechter Stadt und Fußgängerzone im Geist des vergangenen Jahrhunderts soll das Elefantenklo im Gedächtnis bleiben.

Im Jahr 2071 wird Mittelhessen reich an Welterbestätten sein. Nicht nur die Keltenwelt am Glauberg wird dann in der begehrten Liste der Unesco stehen. Auch die Stadt Gießen wird sich rühmen dürfen, ein Welterbe zu beherbergen, davon bin ich überzeugt.

Von Hadwiga Fertsch-Röver

Das Rathaus von Offenbach

Rathaus Offenbach, Eingang

Eigentlich sind es zwei Gebäude in einem: Ein dreieckiges Hochhaus, 72 Meter hoch, für die Ämter der Stadtverwaltung, das auf erstaunlich schlanken Säulen über einem breiten Basisgebäude aufgeständert ist. Hier sind das Stadtparlament, die Fraktionen und das Büro des Oberbürgermeisters untergebracht. "Auf diesen Säulen ruht die Demokratie", will die Architektur des Stuttgarter Büros Maier, Graf und Speidel uns sagen.

Der damals populäre Stil des Brutalismus hatte mitnichten brutale Klötze im Sinn, sondern wollte vielmehr die Wirkung des reinen Materials ("béton brut" - roher Beton) zur Geltung bringen. Vor allem im Inneren des Offenbacher Rathauses, das 1971 eröffnet wurde, ist das zu erleben. Die rohen Betonwände weisen eine feine Maserung auf, die von der Holzverschalung stammt, in die der Beton gegossen wurde. So entsteht trotz der groben Formen eine organische, beinahe handwerklich wirkende Oberflächenstruktur.

Schon 2006 wurde das Offenbacher Rathaus unter Denkmalschutz gestellt. Zu seinem 100. Geburtstag 2071 kann es sich über die Aufnahme ins Weltkulturerbe freuen. Eine Ehre, die die Nachbarstadt Frankfurt leichtfertig verspielt hat: Hier wurde das brutalistische Technische Rathaus abgerissen und machte einer umstrittenen Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt Platz.

Von Christoph Scheffer

Das alte Neckermann-Gebäude in Frankfurt

Neckermann-Areal in Frankfurt

Das Internet hat einen Ort. Die ganze digitale Welt hat ein Fundament, das ganz profan aus Stahl, Beton und Glasfaser besteht. Und ein Teil dieses Fundaments, ein ziemlich großes, steht im Rhein-Main-Gebiet.

Einer der weltgrößten Internetknoten, der Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX), ist in Frankfurt und Offenbach verortet. An über 30 Standorten stehen die Rechenzentren, die mit gigantischem Energieverbrauch den weltweiten Datenaustausch erst möglich machen.

Wenn also das Welterbe-Gremium im Jahr 2071 nach einem Bauwerk sucht, das symbolisch für die digitale Transformation steht: Wie wäre es mit dem alten Neckermann-Hauptgebäude an der Hanauer Landstraße? Die Zentrale des früheren Versandhändlers Neckermann - erbaut von Star-Architekt Egon Eiermann - war einst Symbol für den Konsumhunger des Wirtschaftswunder-Deutschlands.

Heute investiert dort das IT-Unternehmen Interxion eine Milliarde Euro, um weitere Rechenzentren - zum Beispiel für Online-Händler - in das Gebäude zu pflanzen. Den "ersten denkmalgeschützten Supercomputer der Welt" nannte es der Frankfurter Planungsdezernent bei der Bekanntgabe der Pläne. Passt doch super als Überschrift für das Welterbe-Bewerbungsschreiben.

 Von Alexandra Müller-Schmieg

Techno - komplexe Rhythmusmuster fürs immaterielle Kulturerbe

Zwei junge Leute tanzen in Disko-Licht

Der Legende nach wurde die Bezeichnung für elektronisch erzeugte Beats in einem Plattenladen in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs erfunden. Die Rhein-Main-Region und besonders Frankfurt wurde Anfang der 1990er Jahre zum Mekka der Tanz- und Feierwütigen.

Zu wummernden Bässen und pumpenden Beats wurde fast schon kultisch den Göttern am DJ Pult gehuldigt. Größen wie Sven Väth, DJ Talla oder DJ Dag waren in Frankfurt und Umgebung zu Hause. Bei sogenannten Raves in leerstehenden Tunneln und U-Bahnhöfen, verlassenen Lagerhallen, unter Autobahnbrücken oder bei Partys in ganz normalen Clubs tanzten sich ihre Anhänger in eine rauschhafte Ekstase, meistens die Nacht hindurch bis zum Morgen, Mittag oder Nachmittag des nächsten Tages.

Techno war allerdings nicht nur Musik, Techno war Kultur. Von einem eigenen Kleidungsstil - darunter zum Beispiel überdimensionale Röhrenhosen oder Fischnetz-Tops, gerne in Neonfarben - über Design und Dekoration bis hin zu einer eigenen Philosophie entstand ein Kult.

Diese einmalige Verschränkung von Lebenseinstellung, sozialer Praxis mit Musik und Tanz, für deren Entstehung die Rhein-Main-Region so maßgeblich war, macht sie zu einem heißen Kandidaten für die Deklaration als "immaterielles Kulturgut" 2071.

Von Tamara Marszalkowski

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