Seenotrettung Weltkulturenmuseum

Eine Ausstellung zur zivilen Seenotrettung ist derzeit im Frankfurter Weltkulturenmuseum zu sehen. Die Schau will anecken und auf die Hürden beim Retten von Menschenleben aufmerksam machen.

Videobeitrag

Video

zum Video Ausstellung über zivile Seenotrettung

hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 05.06.2020
Ende des Videobeitrags

Vier Jahre ist es her, da hatte der amerikanische Regisseur Skye Fitzgerald die Wahl: Er drehte gerade seinen Dokumentarfilm "Lifeboat" 24 Meilen vor der Küste Libyens, als er über 3.000 Menschen sah, die auf sinkenden Booten trieben. "Siehst du jemandem beim Ertrinken zu, oder legst du deine Kamera weg und hilfst?", fragte er sich. Er meldete sich freiwillig für die Mission Sea-Watch.

"Lifeboat" wurde später trotzdem fertig und ist einer der Filme, die seit Freitag in der Ausstellung "SW5Y - Fünf Jahre zivile Seenotrettung" im Frankfurter Weltkulturenmuseum zu sehen sind. Mit weiteren Filmen, Fotos und persönlichen Aufzeichnungen versuchen die Kuratorinnen, auf die humanitäre Tragödie an Europas Außengrenzen aufmerksam zu machen.

"Reaktion auf das Versagen Europas"

"Die zivile Seenotrettung ist eine Reaktion auf das Versagen Europas an der südlichen europäischen Außengrenze", sagt Jelka Kretschmar. Sie wende sich gegen das "aktive Sterbenlassen von Menschen".

Kretschmar arbeitet seit zwei Jahren als Aktivistin in Vollzeit für die Organisation Sea-Watch. Für das Weltkulturenmuseum hat sie zusammen mit Kuratorin Leonie Neumann die Ausstellung konzipiert.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Was sonst noch wichtig ist – Warum die Pandemie den Tunnelblick verschärft

Flüchtlinge auf überladenem Boot
Ende des Videobeitrags

Hilfe behindert und kriminalisiert

Vor fünf Jahren gründete der Unternehmer Harald Höppner in Deutschland den privaten Verein "Sea-Watch", um geflüchtete Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Er kaufte einen alten Fischkutter, den er "Sea-Watch" taufte. Die italienische Marine-Rettungsoperation "Mare Nostrum" war zuvor beendet worden.

Seitdem geraten die ehrenamtlichen Seenotretter immer wieder in die Schlagzeilen. Ihre Hilfe sei unerwünscht, sagt Jelka Kretschmar. Seit zwei Jahren werde die zivile Seenotrettung von den italienischen Behörden aktiv behindert und kriminalisiert.

"Vorwürfe traurig bis lächerlich"

"Eigentlich ist es eine Farce", sagt Kretschmar. "Die Kriminalisierung trägt auf der einen Seite bei uns zur Professionalisierung bei, weil wir natürlich unglaublich viele Ressourcen bereitstellen müssen, um den Vorwürfen beizukommen, die gegen uns erhoben werden. Der Klassiker sind zum Beispiel technische Mängellisten, die man bekommt, wenn man in Italien anlandet." Die Palette an Vorwürfen reiche von lächerlich bis traurig.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Fünf Jahre zivile Seenotrettung

Seenotrettung Weltkulturenmuseum
Ende des Audiobeitrags

Höhepunkt der aktiven Behinderung sei die Verhaftung der Kapitänin Carola Rackete gewesen, die im Juni 2019 über 50 Menschen das Leben rettete und dafür bestraft werden sollte. Im Weltkulturenmuseum wird nun bis zum 30. August die Arbeit der Helfer und die Not der Geflüchteten auf zwei Etagen fotografisch festgehalten.

Menschenrechte mit Füßen getreten

Es ist eine Ausstellung, die anecken soll, sagt Kuratorin Leonie Neumann. "Ich denke, dass wir auch öffentliche Debatten aufgreifen und zeitgenössisches Geschehen dokumentieren. Ganz klar ist, dass Menschen an der europäischen Grenze aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe selektiert werden." Gerade ein ethnologische Museum sei ein geeigneter Ort dafür, dieses Thema zu behandeln.

Eine Schau, die eindrücklich zeigt, wie die Festung Europa seit etlichen Jahren universelle Menschenrechte mit Füßen tritt. Die Ausstellung versucht, Helfern und Geflüchteten eine Stimme zu geben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.06.2020, 16.45 Uhr