Der Künstler Guido Zimmermann mit zwei seiner Kuckucksuhren, die wie Frankfurter Hochhäuser gestaltet sind
Guido Zimmermann funktioniert Frankfurter Plattenbauten zum sozialkritischen Wandschmuck um. Zum Beispiel mit der "Cuckoo Block Frankfurt Green Edition" (links) und der "Cuckoo Block Niederrad Firestone". Bild © Jan Kaesbach, Guido Zimmermann

Langweilig, spießig, Schwarzwald: Ins moderne Frankfurt scheinen Kuckucksuhren nun wirklich nicht zu passen. Tun sie doch! Der Künstler Guido Zimmermann haucht ihnen mit Plattenbau-Look der Marke Niederrad Großstadt-Leben ein - und übt nebenbei Sozialkritik.

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Traditionelle Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald? Nichts, was sich der Frankfurter Maler und Grafitti-Künstler Guido Zimmermann freiwillig an die Wand hängen würde. Trotzdem hat sich der 40-Jährige ausgiebig mit dieser Uhr beschäftigt - zur Freude vieler Frankfurter.

hessenschau.de: Sie basteln Kuckucksuhren im Look Frankfurter Hochhäuser – wie kommt man auf so eine Idee?

Guido Zimmermann: Angefangen hat es mit einem Wandbild, an dem ich an einem Jugendhaus am Ben-Gurion-Ring gearbeitet habe. Um die Ecke gibt es eine Hochhaussiedlung. Ich beziehe mich gerne auf den Ort und hatte mich gerade mit der klassischen Kuckucksuhr auseinandergesetzt - als Künstler beobachtet man ja seine Umwelt und interpretiert Sachen neu. Also sprühte ich eine Uhr in Plattenbauform. Die Kinder der Wohnhaussiedlung haben das gesehen und fanden es super, sie haben ihre Heimat wiedererkannt. In meinem Atelier habe ich dann eine Kuckucksuhr umgebaut und ihr mit einer urbanen Hülle eine neue Seele eingehaucht. Das war der Anfang.

hessenschau.de: Inzwischen haben Sie verschiedene Serien von Hochhaus-Kuckucksuhren gefertigt, mehrere davon basieren auf Frankfurter Motiven. Was macht ein Hochhaus für Sie interessant?

Zimmermann: Ich recherchiere sehr viel nach Wohnblöcken in markanten Vierteln. Zum Beispiel war die Mainfeld-Hochhaussiedlung in Frankfurt-Niederrad Vorbild für meine Cuckoo Block Frankfurt Green und Red Edition. Ein Gebäude muss für mich attraktiv sein, das ist ein sehr persönlicher Blick. Es gab dort diese schön-hässlichen Farbverläufe an den Balkonen, und die Gebäude sahen richtig heruntergekommen aus. Dieser alte Waschbeton und diese 70er-Jahre-Hässlichkeit des Plattenbaus haben ja auch etwas Ästhetisches. Inzwischen wurde dort renoviert und die Häuser modern gestrichen.

Oder das Gebäude muss eine interessante Geschichte für mich haben. Ich habe zum Beispiel den sogenannten "Elfenbeinturm", den inzwischen gesprengten AfE-Turm der Frankfurter Goethe-Universität, nachgebaut. Der Name "Elfenbeinturm" ist übrigens entstanden, weil ein Freund von mir ihn damals auf das Gebäude gepinselt hat. Bei meiner Elfenbeinturm-Uhr habe ich ihn das dann auch draufschreiben lassen. Durch die Uni gibt es viele Menschen, die mit dem Turm Erinnerungen verbinden.

"Elfenbeinturm" als Kuckucksuhr von Guido Zimmermann
Original und Nachbildung vom Freund bepinselt: der AfE-"Elfenbeinturm" Bild © Guido Zimmermann

hessenschau.de: Wie detailgenau arbeiten Sie? Könnte ein Bewohner seine Wohnung an den Gardinen wiedererkennen?

Zimmermann: Insgesamt achte ich schon sehr aufs Original, die Leute sollen das Haus ja sofort wiedererkennen. Bei den Gardinen bleibe ich aber eher allgemein, ich setze da auch mal einen Kaktus oder eine Katze ins Fenster, damit die Menschen etwas zu entdecken haben. Es gibt auch kleine Räume, in die man hinschauen kann. In manchen habe ich Miniaturen meiner Bilder an die Wand gehängt, sozusagen eine Ausstellung in der Ausstellung. Es macht Spaß, wenn die Leute dann mit der Nase an den Fenstern kleben und entdecken, was dort alles im Raum ist. Manche machen auch Vorschläge, was man noch hineinstellen könnte.

Weitere Informationen

Open Doors Atelierfrankfurt

Die "Cuckoo Blocks" und andere Werke von Guido Zimmermann sind an diesem Wochenende zum Tag der offenen Tür seiner Ateliergemeinschaft in Frankfurt zu besichtigen. Öffnungszeiten: Freitag, 23. November, 18 bis 22 Uhr, Samstag, 24. und Sonntag 25. November, 14 bis 19 Uhr. Adresse: Schwedlerstr. 1-5, 60314 Frankfurt, Raum 3.14. Die Uhren sind übrigens ab 2.500 Euro pro Stück zu haben.

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hessenschau.de: Was ist beim Erstellen die größte Herausforderung?

Zimmermann: Anfangs war die Entwicklung der Prototypen der größte Aufwand. Alles muss an exakter Stelle sitzen, wenn man zum Beispiel um nur einen Millimeter falsch liegt und eine Seitenwand zu weit herausguckt, verzieht sich das ganze Gebäude und das Pendel schleift. Auch die Materialbeschaffung war nicht einfach. Für die Satellitenschüsseln habe ich sehr lange nach stabilem Material gesucht, bis ich Knöpfe gefunden habe, die die richtige Größe und Form hatten und in ausreichender Zahl vorrätig waren.

hessenschau.de: Und ticken die Uhren auch richtig?

Zimmermann: Ja, die gehen alle! Bei meinen Einzelstücken wie dem Elfenbeinturm sind noch analoge Uhrwerke drin mit den Gewichten und so weiter. Da kaufe ich tatsächlich alte Kuckucksuhren auf und überarbeite sie. Die anderen haben ein elektrisches Innenleben. Man kann sie auch so einstellen, dass der Kuckuck nur tagsüber herauskommt, und es gibt eine Innenraumbeleuchtung zum Ein- und Ausschalten.

hessenschau.de: Ihre Uhren haben auch eine sozialkritische Komponente.

Zimmermann: Die ursprüngliche Kuckucksuhr hat sich die Mittelschicht als kleinen Luxus gegönnt, im Plattenbau wohnen eher die, die sich eine bessere Wohnung nicht leisten können. Die Uhr thematisiert den Mietnotstand der Großstädte. Neben der Kritik geht es aber auch immer um einen Schuss Ironie mit Augenzwinkern, ich vereumele ja auch ein bisschen das Biedere der Kuckucksuhr. Die Handgranate als Gewicht zum Beispiel ist eine kleine Provokation, sie spielt auf das harte Leben im Block an. Es soll aber nicht ernst und bitter wirken. Ich finde, Kunst muss ein Konzept verfolgen, aber auch unterhaltend sein und Spaß machen.

hessenschau.de: Wo wohnen Sie eigentlich, auch in einem Plattenbau?

Zimmermann (lacht): Nein, in einer schönen Altbauwohnung nicht weit von meinem Atelier.

Das Gespräch führte Anikke Fischer.