Cantanda Cantabile

Theaterbesuche sind wieder möglich, die Schwimmbäder haben wieder geöffnet, viele Sportarten sind wieder erlaubt, doch das gemeinsame Singen im Chor ist weiter fast ausgeschlossen. Die Bedingungen sind so speziell, dass kaum ein Chor richtig proben kann.

Statt sich gemeinsam einzusingen, schalten sie jeden Montagabend Handys oder Computer an, um wenigstens miteinander zu skypen: Die 22 Sängerinnen des Frauenvokalensembles "Cantando Cantabile" aus Wiesbaden und ihr Chorleiter Ernie Rhein dürfen sich nicht zum gemeinsamen Singen treffen. Singen im Chor war nach dem Lockdown Mitte März zunächst unmöglich und ist seit Mitte Mai nur unter erheblichen Auflagen erlaubt.

Die Gefahr, einander im geschlossenen Raum durch mögliche Viren in der Atemluft anzustecken, während man eng beieinander steht, ist zu groß. "Mir fehlen die Proben sehr. In dieser Zeit nicht gemeinsam singen zu können, ist nicht schön", beschreibt Chormanagerin Regina Möller die Situation.

Hessens bester Frauenchor bleibt vorerst stumm

Aus Wiesbaden, dem Taunus, aus Darmstadt, Frankfurt, dem Idsteiner Land, Mainz und sogar Gelnhausen stammen die Sängerinnen. Vor Corona nahmen sie teilweise weite Fahrten auf sich, um gemeinsam zu proben. Das kleine Ensemble hat auf Chorwettbewerben schon etliche Preise gewonnen und ist seit dem Hessischen Chorwettbewerb der bester Frauenchor in Hessen.

Für den Sommer 2020 hatte Cantando Cantabile sich das aufregendste vorgenommen, was ein Chor wagen kann: die World Choir Games. Der größte Chorwettbewerb der Welt, mit 30.000 internationalen Sängern, der in diesem Sommer im belgischen Flandern stattgefunden hätte. Im Juli wollten sie sich in gleich zwei Wettbewerbskategorien mit den ganz großen Laienchören der Welt messen. Dieser Traum ist erst einmal geplatzt. Auch die World Choir Games sind abgesagt – wegen Corona.

Der Traum vom weltgrößten Chorwettbewerb

Cantanda Cantabile

"Das ist unglaublich schade, dass die World Choir Games ausfallen, der Chor war nach dem Jubiläumskonzert im Januar auf einem so hohen Niveau, wir hätten uns dort mit den internationalen Chören wirklich gut messen können", bedauert Chroleiter Ernie Rhein. Andere Chöre zu hören, gemeinsam zu singen, miteinander zu feiern - das hat das Virus durchkreuzt, das derzeit immer noch die ganze Welt ausbremst.

Jetzt versucht der Chor, nach vorne zu schauen. Wann und wie ist die nächste Probe möglich? Online miteinander zu proben, schließt Ernie Rhein für seinen Chor aus: "Ohne Nähe ist Chorsingen ab einem gewissen Niveau nicht machbar. Es geht nicht nur darum, richtige Töne zu singen. Man muss den Ausgleich zwischen den einzelnen Stimmen proben, Vokale angleichen, eine gemeinsame Klangfarbe finden." Denn die Stücke sind sehr anspruchsvoll, oft achtstimmig.

Aber natürlich wird dabei tief geatmet und oft auch gespuckt. Um das Zwerchfell zu aktivieren, ertönen beim Einsingen die hervorploppenden Plosive "p, t, k!" Mit einem kräftigen Ausatmen macht man die Lungen wieder frei fürs erneute tiefe Einatmen. 

Ist gemeinsames Singen wirklich riskant?

Chorsingen gilt in Zeiten von Corona als besonders riskant. In Berlin erkrankten im März 60 von 80 Sängern der Domkantorei im Umfeld einer Probe. Nach einem Baptisten-Gottesdienst in Frankfurt am 10. Mai, bei dem auch gesungen wurde, waren bald rund 200 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Experten vermuten: Ansteckende Tröpfchen oder Aerosole könnten beim Singen besonders weit fliegen und tiefer in die Lunge eindringen. Besonders gefährlich sei Singen in geschlossenen Räumen.

Eine neue Studie von Musikmedizinern aus Freiburg kommt jedoch zum Ergebnis, dass die Infektionsgefahr beim Singen und Musizieren möglicherweise nicht so groß ist wie bisher befürchtet. Voraussetzung sei ein großer Abstand von zwei Metern. Sie empfehlen also, in sehr großen Räumen wie Konzertsälen oder Kirchen zu singen und regelmäßig zu lüften. Diese Möglichkeit hat nicht jeder Chor.

Chorlandschaft ist gefährdet

Chorleiter Ernie Rhein

Und so geht es vielen hessischen Chören an die Existenz. Der Chorleiter muss bezahlt werden, auch die Miete für den Probenraum. Ein Großteil finanziert sich über die Vereinsstruktur und über Auftritte. Bleiben die Auftritte aus, kommt von dieser Seite kein Geld in die Kasse.

Zwar können Vereine finanzielle Hilfen beim Land beantragen. Michael Neigert, Präsident des Hessischen Chorverbandes in Schlüchtern, fürchtet aber, dass viele ältere Mitglieder jetzt früher aus dem Chor austreten. Chöre, die ohnehin Nachwuchsprobleme hätten oder in denen vorwiegend Ältere singen, für die es besonders gefährlich wäre, an Covid-19 zu erkranken, würden die derzeitige Zwangspause damit möglicherweise nicht überstehen.

Beim Hessischen Sängerbund in Oberursel sind allein 1.200 Chöre registriert, mit 46.000 Mitgliedern. Präsident Claus-Peter Blaschke bedauert in Zeiten von Corona nicht nur den kulturellen Verlust, auch sozial sieht er das Problem, dass gerade für viele ältere Menschen das wöchentliche Proben im Chor nicht nur ein Hobby, sondern wichtiger sozialer Zusammenhalt war.

Singen unter freiem Himmel?

Aber viele Chöre seien nicht untätig, stellt er fest. Seit die Bestimmungen für private Treffen und Veranstaltungen in Hessen Mitte Mai gelockert wurden, seien vielfältige Ideen entstanden, wie Chorsänger möglichst risikoarm proben können.

Denn die Freiburger Studie kommt auch zu dem Schluss: Am ungefährlichsten scheint das Singen im Freien. Landesweit einheitliche Empfehlungen für Chorproben gibt es in Hessen zwar nicht. Chöre müssen ihre Proben aber als Veranstaltung mit detailliert ausgearbeitetem Sicherheits- und Hygienekonzept anmelden. Die Entscheidung, ob sie proben dürfen, liegt dann bei Gemeinden, Gesundheitsämtern und Kreisen.

Proben in kleinen Gruppen

Cantando Cantabile wird zumindest in kleinen Gruppen im Freien proben. Das Sicherheitskonzept mit festgelegten Abständen, eigenen Stühlen und begrenzter Sängerzahl ist schon in Arbeit.

Es besteht die Hoffnung, dass nach den Sommerferien wieder mehr möglich ist. Cantando Cantabile hat ein neues Ziel. Die erste Deutsche Chormeisterschaft im November in Koblenz. Und die World Choir Games sind auch nur verschoben – auf Juli 2021. Der Traum vom weltgrößten Chorwettbewerb ist also noch nicht ganz ausgeträumt.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Hessens bester Frauenchor will zur Olympiade der Chöre

Mitglieder des CHors
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