Collage: Frankfurter Ratssilber und Fassade des Historischen Museums

Was tun mit Kunst, die rassistische Klischees transportiert? Einfach hängen lassen oder weg damit ins Depot? Das Historische Museum in Frankfurt hat einen Mittelweg gefunden - in Form einer neuen Themen-Tour.

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"Blickwechsel" im Historischen Museum Frankfurt

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Das Frankfurter Ratssilber dürfte zu den prunkvollsten Objekten im Historischen Museum in Frankfurt gehören. Die teils rund einen Meter hohen, reich verzierten Silberskulpturen entstanden zwischen 1899 und 1912 und sollten im Rathaus das Selbstbewusstsein der wirtschaftlich erfolgreichen Stadt demonstrieren. Auch ein "Schwarzer Sklave" als Halter eines Trinkhorns ist zu sehen - ein Motiv, das ganz im Zeichen kolonialistischer Begeisterung entstand.

Wenn Besucherinnen und Besucher dieser Tage an der roten Vitrine des Ratssilbers vorbeigehen, dürfte ihr Blick aber auf andere Ausstellungsstücke fallen. Diese gehören dort vermeintlich nicht hin: Rund drei Dutzend Handys verschiedenster Ausführungen liegen zu Fuße des Ratssilbers.

Neue Sicht auf überlieferte Geschichten

Die Handys sind Teil der neuen Themen-Tour "Blickwechsel - dem Rassismus auf der Spur", mit dem das Historische Museum Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen bis heute aufarbeiten will. Für die Tour haben überwiegend nicht-weiße Künstlerinnen und Künstler, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten 18 Exponate kritisch kommentiert - teils mit Texten, teils mit Audios, teils, indem sie Objekte hinzugefügt haben. Das Ziel: eine neue Sicht auf die im Museum überlieferten Geschichten.

Marie N‘gouan, Mitarbeiterin des Museums, ist Ideengeberin dafür, das Ratssilber zu ergänzen. "Der Blick auf die Handys soll irritieren", sagt sie. Die Mobiltelefone sollen darauf aufmerksam machen, dass die Ressourcen des Globalen Südens immer noch ausgebeutet werden. In diesem Fall sei es Silber, das zu Schmuck und in Handys verarbeitet wird.

Weißes Publikum mit "Völkerschauen" belustigt

Ein weiteres kommentiertes Objekt ist ein Werbe-Plakat für eine so genannte "Völkerschau" in Frankfurt im Jahr 1896. Für ein Eintrittgeld von 20 Pfennig konnten sich Frankfurter damals im Zoologischen Garten 22 "Mädchen-Schönheiten" und vier Männer aus dem polynesischen Samoa ansehen. Mit solchen Schauen sollte das weiße Publikum belustigt und die vermeintliche weiße Überlegenheit demonstriert werden, um den Kolonialismus zu rechtfertigen.

Plakat, auf dem die Köpfe Schwerzer Frauen zu sehen sind.

Die Menschen waren teils verschleppt, teils angeworben worden. In Frankfurt lebten sie unter miserablen Bedingungen. Im Zoo mussten sie dann nachspielen, wie ihr Leben auf dem Dorf vermeintlich aussah - bei den Zuschauenden verfestigten sich rassistische Stereotype.

"Bilder und Konzepte bis heute im Kopf"

"Bis heute haben wir diese Bilder und Konzepte von damals im Kopf und wenden sie auf Menschen an", sagt Kuratorin Puneh Henning. In einem Audiobeitrag dreht die Aktivistin und Co-Koratorin Aanchel Kapoor solche rassistischen Zuschreibungen um und wendet sie auf weiße Menschen an, zum Beispiel, indem sie Tierlaute verwendet.

Als es das Projekt entwickelte, hat das Team auch überlegt, ob es solche Plakate überhaupt weiter zeigen soll, erzählt Henning. Tatsächlich habe das Team ein Plakat mit Gewaltdarstellungen ausgetauscht. Ganz verschwinden sollte das Thema aber nicht: "Wir dachten, dann ist dieser Teil der deutschen Geschichte im Museum nicht mehr repräsentiert", erklärt Henning. "Wir finden aber wichtig, dass über die Zeit der Völkerschauen gesprochen wird und so ein Bewusstsein dafür entsteht, dass sich bestimmte Bilder in den Köpfen fortsetzen."

Debatte noch nicht abgeschlossen

Es sei immer schwierig zu entscheiden, ob man solche Objekte weiter zeigt: "Natürlich repräsentiert oder reproduziert so ein Bild auch Rassismus, Exotisierung und Sexismus. Aber: Wenn es kommentiert ist, kann man zumindest darauf aufmerksam machen", sagt Henning. Die Debatte darüber, wie Museen mit ähnlichen Objekten umgehen sollen, sei allerdings noch nicht abgeschlossen.

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Über das Projekt

"Blickwechsel - dem Rassismus auf der Spur" thematisiert die Kolonialgeschichte und ihr Fortwirken bis heute. Die kommentierenden Künstlerinnen und Künstler, Aktivistinnen und Aktivisten wurden über eine Ausschreibung gewonnen. "Es war uns wichtig, dass möglichst viele Stimmen mitsprechen, weil es eine Diversität an marginalisierten Menschen gibt", erklärt Puneh Henning. "Es geht nicht nur um Hautfarbe, es geht auch um Herkunft, um Religionszugehörigkeit, um Gender."

Andere kommentierte Exponate sind etwa Gemälde, auf denen Schwarze Personen zu sehen sind, eine Postkarte, historische Schusswaffen und Münzen oder auch das Kinderbuch "Der Struwwelpeter" von 1844. Zu erkennen sind die Objekte, die sich über zwei Häuser des Museums verteilen, an einem türkisfarbenen Winkel und türkisfarben untermalten Erklär-Texten. Orientierung und ein Glossar über politische Begriffe und Selbstbezeichungen bietet ein Tourenheft, das es am Eingang gibt. Mehr Informationen auf der Webseite des Museums.

Ein Online-Glossar zu diskriminierungssensibler, inklusiver Sprache findet sich ebenfalls auf der Webseite des Museums oder auf amnesty.ch.

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