Künstlerin Lena Chen

Eine der spannendsten Künstlerinnen der B3 Biennale in Frankfurt ist die Amerikanerin Lena Chen. Chen war eines der ersten Opfer des so genannten Revenge Porn - und hat ihre ganz eigene Strategie gefunden, damit umzugehen, wie sie im Interview erzählt.

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zum Video Über Nacktheit, Trauma und Macht

Lena Chen
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Das Jahr 2007 ist traumatisch für Lena Chen: Nachdem die Bloggerin und Harvard-Studentin mit ihrem damaligen Freund Schluss gemacht hat, stellt dieser Nacktfotos von ihr ins Netz - eine Aktion, für die sich inzwischen der Begriff "Revenge Porn" (dt. so viel wie "Racheporno") etabliert hat. Chen muss eine Welle von Cybermobbing und Stalking ertragen, Fake-Artikel über sie werden ins Netz gestellt.

2010 macht sie ihren Abschluss und flüchtet nach Berlin. Dort legt sie sich ein Alter Ego zu: Unter dem Namen Elle Peril arbeitet sie als Aktmodell, Spoken-Word-Artistin und Performerin und versucht so, die Hoheit über ihren Körper und ihre Identität zurückzugewinnen. Ihre Videoinstallation "Expose her", an der sie zusammen mit der Fotografin Molly Baber gearbeitet hat und die im Rahmen der B3 Biennale auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen ist, beschreibt diesen schmerzhaften Prozess, in dem sich auch die Grenzen zwischen Kunst und Fiktion auflösen.

hessenschau.de: Lena, 2007 hat Dein Ex-Freund Bilder von Dir ins Netz geladen, wie war diese Erfahrung für Dich?

Lena Chen: Ich hatte eine sehr intensive Schock-Erfahrung, was normal ist, wenn jemand ein traumatisches Erlebnis hat. Ich wusste nicht wirklich, was ich tun kann. Sobald die Bilder in der Welt waren, hatte ich keinerlei Kontrolle mehr darüber, was mit ihnen passierte. Sie wurden weitergeleitet, an den verschiedensten Stellen im Netz gepostet und in den ersten Wochen danach fühlte ich mich wirklich hilflos.

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Lena Chen

... wurde 1987 in San Francisco geboren. Sie studierte in Harvard Soziologie, lebte aber zwischenzeitlich in Berlin, wo sie von 2012 bis 2017 unter dem Pseudonym Elle Peril unter anderem als Nacktmodell arbeitete. Gleichzeitig begann sie eine Karriere als Performance-Künstlerin. 2018 gründete sie die Organisation "Heal Her", die mit Opfern von sexuellem Missbrauch arbeitet. Derzeit lebt und arbeitet sie in Los Angeles, Berlin und London.

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Ich war sehr deprimiert und isoliert. Ich wollte mich irgendwann gar nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen, hatte das Gefühl, die Leute würden mich ständig beobachten oder über mich reden. Heute weiß ich: Ich hatte alle typischen Zeichen von posttraumatischem Stress.

hessenschau.de: Du hattest keine Hilfe von der Polizei?

Chen: Ich habe irgendwann versucht, mir Hilfe zu organisieren. Ich habe geschaut, ob es etwas gibt, was die Polizei oder Anwälte tun können. In meinem Fall war es nicht möglich, weil es keine entsprechenden Gesetze gab. Ich war wirklich ohnmächtig, ein Gefühl, das sehr lange anhielt.

hessenschau.de: Du bist nach Berlin gezogen und hast Dir eine neue Identität zugelegt. Hat das geholfen?

Chen: Ich hatte alle legalen Wege ausprobiert, die mir eingefallen sind. Aber die Gesetze in den USA waren einfach nicht auf meiner Seite. Ich hatte einen Stalker, ich wurde massiv belästigt und brauchte eine Zuflucht. Und so bin ich umgezogen und habe mir ein Alter Ego zugelegt, um ein neues Leben zu starten.

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Interview auf Insta

Auf Instagram ist Lena Chen ab dem 18. Oktober 2019 im Interview zu sehen. Mehr bei: dasfwortpodcast.

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hessenschau.de: Du hast dann angefangen, als Nacktmodell zu arbeiten. Eine ungewöhnliche Methode, um mit einem Trauma fertig zu werden. Wie hat dir das geholfen?

Chen: Ich habe Social-Media-Profile für Elle Peril erstellt, habe angefangen, mich als Elle vorzustellen und als Elle mit Fotografen und Künstlern zusammenzuarbeiten. Mit der Aktfotografie wollte ich Situationen schaffen, in denen ich verletzlich bin, in denen ich nackt bin, aber die Kontrolle über meinen Körper habe. Damit habe ich angefangen, auch die Kontrolle über meine Geschichte zurückzugewinnen.

hessenschau.de: Inzwischen arbeitest Du erfolgreich als Künstlerin. Was war rückblickend der schockierendste Teil Deiner Geschichte?

Buchmesse B3 Lena Chen

Chen: Es gab viele schockierende negative Momente. Der schockierendste positive Moment war die Entdeckung, dass man sich tatsächlich komplett neu erschaffen kann. Gerade heutzutage. Dass ich meine zweite Identität erschaffen konnte, hat ja nur funktioniert, weil es andere Leute geglaubt haben. So ist meine Geschichte auch ein Kommentar zur Kultur geworden, in der wir gerade leben. Wir gehen mit Promis ja völlig anders um als noch vor 20 Jahren. Jeder kann im Internet berühmt werden und sich als jemand anderer ausgeben.

hessenschau.de: Kannst Du inzwischen anderen Menschen wieder vertrauen?

Chen: Ich habe viele Dates, aber nicht auf die traditionelle Art. Ich reise ja viel und treffe deswegen viele Leute. Für zwei Jahre habe ich komplett aus dem Koffer gelebt. So hatte ich zeitweise Liebhaber in acht Ländern. Viele waren Musen für mich, mit vielen habe ich kreativ zusammengearbeitet. Ich tendiere tatsächlich dazu, Männer zu daten, mit denen ich arbeite. Das war nach der #metoo-Bewegung eigentlich tabu, es waren aber einvernehmliche Beziehungen.

Was allerdings Intimität angeht, bin ich immer noch blockiert. Ich finde es einfacher, mit jemandem an einem Kunstprojekt zu arbeiten als mich intim auf ihn einzulassen. Wobei ich es fast intimer finde, zusammen an einem Kunstwerk zu arbeiten als Sex zu haben. Ich sehe es so: Wenn du mit jemandem schlechten Sex hast, dann muss das niemand mitkriegen. Wenn du mit ihm schlechte Kunst schaffst und die in die Welt bringst, dann ist die für immer da. Und das ist für mich schlimmer. Also: Ich bin vorsichtiger, mit wem ich Kunst mache als mit wem ich schlafe (lacht).

hessenschau.de: Was würdest Du vor dem Hintergrund Deiner Geschichte jungen Frauen raten?

Chen: Ich sage jungen Frauen immer wieder: Du hast die Kontrolle über deine Geschichte. Egal, was dir passiert ist, egal, was die Leute über dich erzählen. Letztendlich bestimmst du deine Geschichte und wie sie ausgeht. Dein Körper ist komplett unter deiner Kontrolle. Mir sind einige schreckliche Dinge passiert, aber ich habe sie genutzt, um stärker zu werden. Ich sehe diese Dinge als nur einen Punkt in einer sehr langen Reise.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.