Roter Theatervorhang

Keine Konzerte, Kinos und Theater müssen schließen. Die neuen Corona-Bestimmungen treffen Kulturschaffende in Hessen besonders hart. Viele reagieren mit Unverständnis, andere geben sich kämpferisch.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie hessische Künstler auf den zweiten Lockdown reagieren

Gesperrte Sitze im Theater
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Wenn es eine Branche gibt, die sich im Lockdown besonders mit Hygiene- und Sicherheitskonzepten befasst hat, dann war es die Kulturbranche. Theater und Museen haben während einer monatelangen Schließung an der Sicherheit ihrer Veranstaltungsorte gearbeitet: Ob mit eigens angeschafften Luftfiltergeräten und Plexiglastrennwänden oder mit kreativen baulichen Maßnahmen wie dem Logenkonzept im Frankfurter Mousonturm. Sie seien die "sichersten Orte in Hessen", sagte der Frankfurter Schauspielintendant Anselm Weber noch vor wenigen Wochen.

Bund und Länder verordneten trotzdem einen zweiten Lockdown für die Kultur. Für Künstler wie Anna-Lena Perenthaler und ihren Mann Nicolai Bernstein kommt das einem Berufsverbot gleich. Perenthaler ist Cellistin und gehörte bis vor Kurzem einem renommierten und erfolgreichen Streichquartett in Hamburg an. Vor dem ersten Lockdown waren die Auftragsbücher der in Frankfurt lebenden Musikerin "prall gefüllt", wie sie sagt. Noch in dieser Woche war ein Konzert in der Alten Oper geplant.

Kreative Ideen sichern Überleben

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Deutschlandweite Protestaktion

Unter dem Hashtag #SangundKlanglos wollten am Montagabend Kulturschaffende in der Aktionsgemeinschaft "Alarmstufe Rot" mit Videos, Beiträgen und Livestreams Stille zeigen, um auf ihre Situation im Teil-Lockdown hinzuweisen. Mit dabei: das Staatstheater Wiesbaden, das Stadttheater Gießen, die Tanzwerkstatt Kassel, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester und Musiker des hr-Sinfonieorchesters.

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Auch ihren Mann trifft der erneute Lockdown hart. Bernstein arbeitet als Geiger in der Frankfurter Kammerphilharmonie und ärgert sich über die Entscheidung der Politiker. "Im ersten Moment war ich schon ziemlich sauer, weil wieder die gleiche Strategie gefahren wird", sagt Bernstein. Dabei gebe es doch Erfahrungswerte und sogar konkrete Überlegungen von Sachverständigen für andere Vorgehensweisen.

Das Paar hat sich seit Beginn der Pandemie auf unterschiedliche und kreative Weise über Wasser halten können: Sie haben einen Spargelstand gepachtet und im Frühling damit Geld verdient. Außerdem haben sie Nachbarschaftskonzerte organisiert und von den Spenden ihrer Nachbarn gelebt.

Die neuerlichen Corona-Maßnahmen versteht Perenthaler nur zum Teil. "Wir müssen uns alle schützen und wir wollen kein Corona. Aber dass die Branche so brachgelegt wird wie bisher, das bedeutet für die nächsten Monate, wenn das so weitergeht, den absoluten Todesstoß für die ganze Branche", so Perenthaler.

Bisher kein erhöhtes Infektionsrisiko im Theater

Auch Karsten Wiegand, Intendant am Staatstheater Darmstadt, fehlt das Verständnis für die Entscheidung, Konzertsäle und Theater zu schließen. "Für unsere Künstlerinnen und Künstler ist es emotional schwer zu verstehen, warum sie jetzt nicht weiter für ohnehin wenige Menschen spielen dürfen." Man könne weiterhin in überfüllten Zügen fahren, Möbelhäuser besuchen oder ein Auto kaufen - "aber ins Theater darf man nicht kommen", konstatiert er. "Es ist meistens unklug, Sachen gegeneinander aufzurechnen, aber das ist schwer zu verstehen."

Thomas Bockelmann, Intendant des Kasseler Staatstheaters, drückt es noch drastischer aus: Die Theater zu schließen, sei "unsinnig". Schließlich sei bislang in Deutschland keine Corona-Infektion infolge eines Theaterbesuchs nachgewiesen worden.

Kultur-Lockdown für ein höheres Wohl

Trotz allem Unverständnis und aller Wut geben sich die Kulturschaffenden kämpferisch. Anselm Weber vom Schauspiel Frankfurt sieht in den getroffenen Maßnahmen die Chance, die gesamtgesellschaftliche Situation zu verbessern und sagt: "Wir werden gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Städtischen Bühnen diese erneute Herausforderung stemmen." Für Daniel Nicolai, Intendant des English Theatre Frankfurt, lautet die Devise, "diese Phase nochmal auszuhalten, um die Zahlen runterzukriegen."

Dabei ist die Krise der Kultur nach diesem Monat wohl nicht vorüber. Die Corona-Pandemie werfe lediglich ein Licht auf Missstände, die es bereits gab: die Unterfinanzierung der Theater und die Selbstausbeutung der Künstler, findet Willy Praml, Direktor des gleichnamigen Theaters in Frankfurt. Das Theater Willy Praml lebe von Subventionen der Stadt Frankfurt. Die würden auch weitergezahlt, aber "dadurch, dass mit dem zweiten Lockdown jede Aufführung verhindert wird und wir auch keine Möglichkeit haben, die Künstler, die bei uns freiwillig engagiert sind, weiterzubezahlen, werden freie Künstler nach Hartz IV abgeschoben", stellt er fest.

Corona legt Probleme der Branche offen

Für Kunstschaffende ohne Einnahmen steht als einzige Lösung der Antrag auf Sozialhilfe zur Verfügung. Von Hartz IV könne ihre Familie aber nicht überleben, sagt Cellistin Perenthaler. Erstens reiche das Geld schlichtweg nicht aus, um alle Kosten zu decken. Zweitens würde es ihr dann verboten sein, Nebenjobs anzunehmen.

Alle Kulturschaffenden in Hessen stehen vor großen Problemen. Aber das wichtigste spreche niemand an, sagt Violinist Bernstein. Nicht der Lockdown sei das Problem. Durch Corona zeige sich, dass die gesamte Arbeitsstruktur nicht mehr wirtschaftlich sei. "Auch nach dem Lockdown wird sich kein Geld mehr verdienen lassen", glaubt er und fragt sich: "Was würde passieren, wenn keiner mehr Radio hört oder Fernsehen schaut, kein Spotify und kein Netflix? Dann würden wir endlich verstehen, dass wir ohne Kultur nicht leben können!"

Sendung: hr2, hr2 am Morgen, 02.11.2020, 07:15 Uhr