Bildkombo: Leer stehendes Haus, Open Flair Festival

Wer sagt denn, dass Landleben jungen Leuten kulturell nichts zu bieten hat? Projekte in Eschwege und im Odenwald zeigen, wie die Region blüht und wie mit Kultur neue Jobs geschaffen werden.

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Symbolbild Kulturlust
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Laut Statistischem Bundesamt sind im Jahr 2019 aus dem Werra-Meißner-Kreis nicht nur die meisten Menschen weggezogen, sondern die Region hat auch den hessenweit höchsten Altersdurchschnitt. In der Kreisstadt Eschwege versucht Wolfgang Conrad gegenzusteuern. Er ist bei der Stadt zuständig für Wirtschaftsförderung und setzt nicht nur darauf, dass sich Kulturschaffende neu in Eschwege ansiedeln, sondern vor allem darauf, dass junge Menschen, die dort geboren und aufgewachsen sind, die Kultur für sich entdecken.

Niedrige Mieten, viel Natur - aber auch interessante Jobs

"Mir ist es wichtig", sagt Conrad, "dass sie den Ansporn haben, sich selber auszuprobieren, die eigenen Talente auszuprobieren, die eigene Kreativität - um herauszufinden: Wie viel steckt in mir drin?" Das könne dann auch Auswirkungen auf die Berufswahl haben. "Ich kann hierbleiben! Ich kann heute am PC in der ganzen Welt unterwegs sein, ich muss nicht in die Metropolregion ziehen."

Eine Einschränkung macht Conrad aber: Wer von kultureller Arbeit leben wolle, sagt er, müsse sich - wie andere Dienstleister auch - hessenweit, am besten sogar bundesweit vermarkten. In einer Stadt wie Eschwege nur von der Kunst leben - das sei schwierig. Denn das Publikum sei schon rein zahlenmäßig eher klein.

Die Vision: Internationale Ausstellungen und eine Pop-Hochschule

Dennoch gibt es vor allem einen großen Erfolg, der die Stadtbewohner seit rund 35 Jahren immer wieder vereint: Das Open-Flair-Festival. Vom Kleinkind bis zu den Bewohnern des Altenheims seien alle dabei, sagt Wolfgang Conrad, und die ehrenamtliche Arbeit für das Festival mache manchem Jugendlichen Lust auf mehr.

Blick von der Bühne runter ins Publikum beim Open Flair in Eschwege.

Einiges ist jetzt schon möglich: So bietet das Medienwerk Eschwege Workshops zum Filmemachen oder eine Ausbildung zum Mediengestalter. Darauf ist Conrad stolz, wie er betont. Und er arbeitet an weiteren Projekten wie etwa an einer Kunsthalle, in der es auch internationale Ausstellungen geben soll, und an einer Hochschule für Hessen, ähnlich der Popakademie Mannheim.

Mit Kultur Im Odenwald Arbeitsplätze geschaffen

Große Pläne, eine große Begeisterung für Musik und für die Region, in der die eigenen Wurzeln stecken, haben auch im südhessischen Odenwald für ein erfolgreiches Kulturprojekt gesorgt: Seit mittlerweile elf Jahren gibt es das Festival "Sound of the Forest", ins Leben gerufen von Fritz Krings und seinen beiden Brüdern: "Ganz klassisch im Odenwald aufgewachsen, fanden wir es hier erstmal perspektivlos und wollten eigentlich eher weg."

Menschen auf einem Open Air Konzert

Krings ging schließlich auch weg. Studierte, probierte aus, baute ein Netzwerk auf - und kam wieder. Die Brüder befanden: "Wir wollen im Odenwald sein und dort etwas verbessern, das Leben lebenswerter machen - so, wie es uns gefallen würde."

Das Festival am Marbachstausee musste eine Menge Widerstände überwinden, aber es hat sich durchgesetzt, freut sich Krings, der sich in der alten Heimat obendrein mit einem Plattenlabel und einer Getränkemarke selbständig gemacht hat. 15 feste Arbeitsplätze seien entstanden, zahlreiche freie Jobs kämen noch hinzu. Das sind Menschen, für die die Region so attraktiv geworden ist, dass sie bleiben. Und das Festival Sound of the Forest ist mittlerweile ein Verein mit mehr als 300 Mitgliedern. Im Corona-Jahr 2020 musste "Sound of the Forest" ausfallen, aber, so meint der Veranstalter, "das ist auch irgendwann vorbei, und wir sind ja Optimisten."

Sendung: hr-info, 18.11.2020, 20.35 Uhr.