Laienschauspieler Hans-Jürgen Dietz sitzt auf der Bühne der Stiftsruine bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Hans-Jürgen Dietz ist so etwas wie ein Theater-Urgestein. Seit dem Beginn der Bad Hersfelder Festspielen vor 70 Jahren steht er als Statist auf der Bühne und lernte von den Branchen-Größen. Doch tauschen wollte er mit ihnen nie.

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Hessischer Verdienstorden am Bande für Laienschauspieler Hans-Jürgen Dietz
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Er steht ständig mit den Stars im Rampenlicht bei den Bad Hersfelder Festspielen, doch Promi-Status genießt Hans-Jürgen Dietz nicht. Er ist nur Kennern bekannt. Dabei ist er eine Institution bei dem bundesweit bedeutenden Freilicht-Theaterfestival, das am Sonntag seine 70. Jubiläumssaison beendet.

Denn genauso lange wie es die Festspiele gibt, so lange steht auch der mittlerweile 81-Jährige auf der Bühne. Dietz hat mit den Größen der Branche bereits zusammengearbeitet, selten in vorderster Front, aber immer mittendrin bei den großen Inszenierungen auf der berühmten Bühne in der Stiftsruine. Ungewöhnlich findet er das nicht: "Andere gehen als Hobby zum Fußball, ich gehe ins Theater auf die Bühne."

Dietz ist Laienschauspieler. Seit dem Geburtsjahr der Festspiele 1951 hat er nach eigener Aussage keine einzige Saison verpasst. Immer gab es für ihn einen Part als Statist, manchmal auch eine kleine Sprechrolle. Er war schon Diener, Kellner, Detektiv, Soldat, Page, Räuber, Bürger und vieles mehr. Im aktuellen Stück "Der Club der toten Dichter" gehört er zum Lehrerkollegium.

Verdienstorden für langes Engagement

Für sein langes Wirken wurde er im Juli bei den Festspielen mit dem Hessischen Verdienstorden am Bande geehrt. Der Kasseler Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber überreichte ihm die Auszeichnung, die den Senior sichtlich stolz machte. Er engagiert sich auch als Vorsitzender des Chorvereins, der bei den Festspielen mitmacht. Zudem koordiniert er die Statisten.

Doch mit der Schauspielerei ist nun Schluss. Er beendet seine einmalige Laufbahn. "Ich werde im kommenden Jahr keine neue Rolle annehmen", verriet Dietz im Gespräch mit hessenschau.de. Weitermachen würde er nur, wenn das aktuelle Stück "Der Club der toten Dichter" wieder ins Programm käme.

Auch wenn ihn die Schauspielerei bis heute fasziniert ("einfach traumhaft"), das Alter macht es ihm schwer, Schritt zu halten. Das Treppensteigen etwa wird mühseliger. Deswegen sagt er sich nun: Es reicht. "Die Jahre bis zum 80-jährigen Bühnenjubiläum mache ich nicht mehr voll."

1951 Premiere als Fackeljunge

Dass es überhaupt die Wahnsinnszahl von 70 Jahren auf der Bühne geworden ist, verdankt er seinem frühen Zugang zur Theaterwelt. Als Zehnjähriger wirkte Dietz im Jahr 1951 erstmals mit, als Fackelträger im Eröffnungsstück "Das Salzburger große Welttheater". Die Gelegenheit dazu bekam er durch die Verwandtschaft zum ersten Intendanten Johannes Klein. "Damals haben sie auch mit Aufrufen in Schulen Leute gesucht", erinnert sich Dietz.

Doch die Teilnahme an den Festspielen ist in der Familie Dietz aus Niederaula (Hersfeld-Rotenburg) keine One-Man-Show. Auch seine Frau Hannelore stieg irgendwann ein, sie bringt es mittlerweile auf respektable 40 Jahre Festspiele. Und die beiden Töchter packte die Theater-Leidenschaft ebenfalls. Die Jüngste wurde Regie-Assistentin und arbeitete unter anderem am Ernst-Deutsche-Theater in Hamburg.

Bei den Festspielen mitzuwirken, ist für Dietz "etwas ganz Besonderes". Die gewaltig große Stiftsruine, die selbst Schauspiel-Profis Respekt einflößt, ist für ihn ein "wunderbarer Ort". Dort traf er auch mit Schauspiel-Assen wie Mario Adorf, Volker Lechtenbrink und Daniela Ziegler zusammen, die er sehr bewundert.

Schwer beeindruckt war Dietz in diesem Jahr von Götz Schubert, der die Hauptrolle "Im Club der toten Dichter" bekleidete - und dafür mit dem Großen Hersfeldpreis ausgezeichnet wurde. "Faszinierend, wie natürlich er spielt und zwei Stunden am Stück Höchstleistungen vollbringt."

Fast mal eine Aufführung verpennt

Schief gegangen ist bei Dietz' Auftritten so gut wie nie etwas Wesentliches, wie er sagt. Keine Panne? Kein Versprecher? "Nix passiert. Selbst wenn man mal einen Einsatz verpasst hat, ist das meist untergegangen." Aber einmal hätte er fast eine abendliche Aufführung verpennt. "Da bin ich im Sturzflug nach Bad Hersfeld und gerade rechtzeitig in der Stiftsruine angekommen."

Bei aller Begeisterung fürs Theater - für Dietz war es nie eine Option, sein Geschäft für Damen-Mode aufzugeben und in Vollzeit auf die Bühne zu wechseln. "Die langen Texte hätte ich nie behalten. Da bewundere ich die Profis. Das ist unglaublich." Dietz ist lieber Saison-Mime mit einer Vorliebe für Heimspiele geblieben. Außer in Bad Hersfeld hat er nie woanders gespielt.

Jahrzehnte ohne Sommerurlaub

Jungen Menschen rät er, es auch einfach mal auszuprobieren. "Sie sollen es einfach versuchen, wenn sie Lust haben zu sehen, wie dort gearbeitet wird." Aber wenn man es macht, müsse man auch dafür brennen. "Nur als Ferienjob - das haut nicht hin. Und des Geldes wegen sollte man es auch nicht machen. Die Gagen sind nicht üppig, aber okay."

Als Statist in Bad Hersfeld müsse man auch bereit sein, seine Urlaubswünsche im Sommer hinten an zu stellen. "Zwischen Mai und Anfang August konnte ich in den vergangenen Jahrzehnten nie wegfahren. Aber dafür wurde ich mit unvergesslichen Erlebnissen entschädigt."

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