Audio

Ein besonderes Wiesbadener Games-Studio

Spieleerfinder/Chef Assembleteam , Screenshot aus dem Computerspiel, Brief bei Twitter

Teile der Games-Branche haben nicht gerade den besten Ruf. Immer wieder werden Rassismus- oder Sexismusvorwürfe laut. Dass es auch anders geht, zeigt das Wiesbadener Studio Assemble Entertainment. Ein Porträt.

Diesmal ist Stefan Marcinek der Kragen geplatzt. Schon zum zweiten Mal bekam ein Videospiel seines Studios Assemble Entertainment Negativ-Kommentare auf der Gaming-Plattform Steam - aber nicht für die Qualität des Spiels. Einigen Spielern passte ein vermeintlicher politischer Aktivismus nicht.

Assembles "Vergehen": Für sein Aufbau-Spiel "Endzone - A World Apart" hatte das Studio eine Erzählstimme gewählt, die an Greta Thunberg erinnerte. Anlass für einige Nutzer, sich an der schwedischen Klimaaktivistin abzuarbeiten. Einige Kommentare wurden derart beleidigend, dass das Assemble-Team moderierend eingreifen musste, erinnert sich Unternehmensgründer Marcinek.

Er beschloss, sich über die Sozialen Medien an ebenjene Kommentatoren zu wenden: "Wenn du eine Person bist, die andere nicht akzeptieren kann, weil sie nicht deinem Weltbild entsprechen (…), dann möchte ich dir hiermit sehr deutlich sagen: Ich will dich nicht als Kund:in!", schrieb er in einem offenen Brief.

Selten klares Statement

Das ungewöhnliche und für die Games-Branche selten klare Statement erregte großes Aufsehen, selbst das amerikanische Magazin Forbes schrieb darüber. Auch in Deutschland wurde das Engagement gewürdigt: Kürzlich erhielt das Wiesbadener Studio beim Deutschen Entwicklerpreis zum zweiten Mal hintereinander den Titel "Bester Publisher".

Der Preis bestätige "die große Bedeutung, die sich das Team in der deutschen Gaming-Landschaft erarbeitet hat", befand die Jury. Diese Bedeutung setze das Studio auch für soziale und ökologische Projekte ein und positioniere sich "immer wieder klar für eine weltoffene und mitfühlende Gesellschaft weit über die Gaming-Branche hinaus."

Start mit zwei Angestellten

Viel Aufmerksamkeit und Lob also für ein noch junges Studio, das Marcinek 2016 an den Start brachte - zunächst mit zwei Angestellten und einem Praktikanten in einem 360-Quadratmeter-Büro im Gebäude der Wiesbadener Staatskanzlei. Marcinek hatte zuvor allerdings schon sein halbes Leben in der Gamesbranche gearbeitet - erst als Spiele- und Filmredakteur, später als PR-Manager und im Jahr 2006 als Gründer seines ersten Studios Kalypso Media.

Hier stieg er Ende 2015 aus, stellte die inzwischen deutschlandweit bedeutende Videospiel-Entwicklerkonferenz German DevDays auf die Beine und gründete kurz darauf Assemble Entertainment.

Studio spendet für wohltätige Zwecke

Seitdem wächst das Studio stetig, auch durch den Zukauf des Entwicklers und "Endzone"-Urhebers Gentlymad im Jahr 2017. Inzwischen hat Assemble 28 Mitarbeitende, die kürzlich in ein neues, 1.300 Quadratmeter großes Büro umgezogen sind - eigentlich, denn wegen der Corona-Pandemie hält Marcinek dort derzeit allein die Stellung.

Das Studio publiziert Spiele wie die Wirtschaftssimulation "Pizza Connection", das in Sachen Verkaufszahlen erfolgreichste Spiel "Endzone" oder den Multiplayer "Shakes on a Plane". Immer wieder gibt das Studio so genannte "Save the world"-Editionen mit Bonusmaterial heraus, deren Einnahmen es an wohltätige Zwecke wie die Wiesbadener Tafeln, ökologische Projekte oder Impfkampagnen in Ländern des Südens spendet.

Auch bei der Aktion "#zusammengegencorona", bei der hunderte deutsche Unternehmen zum Impfen gegen das Coronavirus aufriefen, war Assemble dabei. "Ich wollte immer eine Firma haben, die für etwas steht", erklärt Marcinek.

Schon Erfahrungen mit Negativ-Kommentaren

Schlechte Erfahrungen mit Negativ-Kommentaren machte das Studio schon 2018, als es eine Neuauflage der Adventure-Reihe "Leisure Suit Larry" herausbrachte. In der Originalreihe aus den 1980er Jahren steuern die Spielenden die Hauptfigur Larry Laffer auf der Suche nach Sex-Abenteuern durch verschiedene Orte wie Bars, Casinos oder Supermärkte.

In Assembles Neuauflage von 2018 trifft Larry in der heutigen Zeit auf starke Frauenfiguren - was zu komischen Situationen führt. Außerdem ist ein schwuler Charakter dabei. Viele Spieler bewerteten das Spiel positiv, einigen aber war auch hier schon ein vermeintlicher Aktivismus ein Dorn im Auge - und es hagelte Beleidigungen. Damals dachte Marcinek zum ersten Mal über ein Statement nach.

"Kleiner Teil der Community"

Zwei Jahre später, im Fall von "Endzone", fasste er den Entschluss, den offenen Brief zu schreiben - bestärkt durch sein Team und auch die Geschäftspartner, wie Marcinek erzählt: "In unseren Diskussionen über die Form des Briefs ging es eigentlich vor allem darum, warum ich nicht unsere Unterstützer anspreche. Ich wollte aber direkt diejenigen ansprechen, die ich nicht als Kunden will."

Auf die Verkaufszahlen des Spiels, in dem nach einem Atomunfall die menschliche Zivilisation wieder aufgebaut werden muss, habe sich das Statement nicht ausgewirkt, betont der 44-Jährige: "Letztendlich reden wir von einem kleinen Teil der Community, der allerdings sehr laut ist." Umso wichtiger sei es, sich diesem lauten Teil entgegenzustellen.

Weitere Informationen

Was macht eigentlich ein Publisher?

Die Arbeit eines Videospiel-Publishers ist vergleichbar mit der eines Buchverlags: Die Mitarbeitenden suchen neue Spiele oder neue Talente, kontaktieren Entwickler mit eigenen Videospiel-Ideen, finanzieren Entwicklungen, sichern PR, Marketing und Qualitätssicherung und präsentieren sich auf Messen, wie der Kölner Gamescom.

Ende der weiteren Informationen