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Wie "Blaukäppchen und der gute Wolf" Toleranz vermitteln will

Rotkäppchen trägt jetzt blau, und der böse Wolf ist eigentlich doch ein Guter: Im neuen Bilderbuch des Wiesbadener Bestseller-Autors Nico Sternbaum werden Märchenstereotype auf den Kopf gestellt. Warum das gut ist – und ein Psychologe die klassischen Märchen trotzdem verteidigt.

"Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren?" - "Dass ich dich besser hören kann!". So beginnt der Dialog zwischen Rotkäppchen und dem als Großmutter verkleideten Wolf. Wie er endet, ist bekannt: Der Wolf frisst das arme Rotkäppchen. 

Aber könnte der Wolf nicht nur deshalb so große Ohren haben, weil er gerne Musik hört? So ist es zumindest in Nico Sternbaums Buch "Blaukäppchen und der gute Wolf". In diesem Buch erlebt das Märchen der Brüder Grimm ein lustiges Revival mit einer wichtigen Botschaft. 

Weg mit dem schlechten Image 

Seitdem der Wolf wieder vermehrt in Deutschland vorkommt, gebe es viel negative Presse, hat Sternbaum festgestellt. Dabei sei der Wolf ein soziales und menschenscheues Wesen: "Das, was da teilweise über ihn verbreitet wird, ist einfach nicht wahr."

Auch in Geschichten und Erzählungen komme der Wolf meist als Bösewicht vor. So kam Sternbaum die Idee für sein neues Buch. Er will mit "Blaukäppchen und der gute Wolf" einen Gegenpol bilden und die Stereotype vom gefährlichen Wolf und dem naiven Mädchen umkehren. 

Große Ohren zum Musik hören 

Das "Blaukäppchen" begegnet in seiner Version des Märchens einem Wolf, der traurig im Wald sitzt, weil niemand mit ihm spielen möchte. Alle Waldbewohner haben Angst vor ihm und meiden ihn. Das Mädchen nimmt den Wolf an die Hand und läuft mit ihm zu den anderen Tieren. Zuerst treffen sie den Frosch, der sagt: "Oh nein, der Wolf, bringt euch in Sicherheit, er ist so gruselig!"

Zeichnung: Mädchen mit blauem Umhang trifft auf einem Waldweg einen traurigen Wolf mit Brille.

Der Frosch hat Angst vor den großen Ohren des Wolfes. Dabei seien die Ohren nur so groß, damit er besser Musik hören könne, erklärt ihm "Blaukäppchen". Der Frosch freut sich, denn er selbst liebt Musik und versteht, dass er keine Angst haben muss. So laufen "Blaukäppchen" und der Wolf durch den Wald, sie treffen auf weitere Waldbewohner und räumen mit vielen Vorurteilen auf. 

Der Wolf stehe für alle, die aufgrund von bestimmten Merkmalen schon einmal ausgegrenzt wurden, erklärt der Autor. Kinder, Erwachsene oder sogar Tiere würden Opfer von Vorurteilen, sagt Sternbaum. Es sei wichtig, sich diese Problematik vor Augen zu führen: "Unsere Gesellschaft leidet immer noch darunter, dass wir in Schubladen denken." "Blaukäppchen" tritt als Vermittlerin auf und zeigt den anderen Tieren, dass ihre Sichtweisen nicht der Wahrheit entsprechen und sie ihre Vorurteile nur überwinden können, wenn sie den Wolf kennenlernen.  

Warum wir Vorurteile haben 

In der Geschichte geht es darum, die Perspektive zu wechseln und aufeinander zuzugehen. Aber warum machen wir es uns manchmal so einfach und bilden uns im Vorhinein ein Urteil? Vorurteile sind grundsätzlich wichtig, sagt Psychologe Holger Schlageter: "Wir müssen am Tag rund 200 Entscheidungen treffen. Unser Leben ist sehr komplex und stressig, da müssen wir manchmal vereinfachen, um handlungsfähig zu sein." Sich vorab eine Meinung zu bilden oder ein Urteil zu fällen, kann also entlasten und hilfreich sein.  

Aber in rund zehn Prozent der Fälle führe dieser Automatismus dazu, dass wir nicht den besseren Weg gehen, weil dieser uns gar nicht in den Sinn kommt. Laut Schlageter wird es dann gefährlich, wenn wir kein Verständnis aufbringen können und nicht mit der anderen Seite kommunizieren. Dann werde es starr und undurchlässig, es entstünden Gruppen, die sich feindlich gegenüberstehen. 

Alte Märchen, alte Denke? 

Es helfe nicht, in Schubladen zu denken und Dinge in Schwarz und Weiß einzuteilen, erklärt Schlageter. Genau das tun aber die Geschichten und Märchen aus vergangener Zeit. Sie seien immer Produkte der jeweiligen Zeit. Damals seien Märchen dazu da gewesen, eine gewisse Moral zu vermitteln, einen Verhaltens- und Wertekodex, den eine Gesellschaft gerne hätte.  

Zeichnung von Blaukäppchen, dem Wolf und einem Hasen.

Eine weitere Funktion von Märchen: Sie sollten mit ihrer klaren Einteilung in Gut und Böse beruhigen. "Das ist das perfide", sagt Psychologe Schlageter: "Märchen sind extrem schwarz-weiß, es gibt das absolut Gute und das absolut Böse und das Böse wird am Ende bestraft." Das sei eine extreme Vereinfachung der Realität. Sie stimme nicht, gebe uns aber das Gefühl, unsere Umwelt und unser Leben kontrollieren zu können. Deswegen sei es so schwierig, Vorurteile gehen zu lassen, weil sie immer mit einer gewissen Beruhigung einhergingen.  

Die Rolle der Eltern 

Sollten wir die alten Märchen also weglegen und Kindern gar nicht mehr vorlesen? Nein, findet Holger Schlageter. Eltern müssten aber beim Vorlesen die Geschichte einordnen - alte Märchen genauso wie neue: "Dann haben sowohl das Rotkäppchen als auch das Blaukäppchen eine bildende Funktion."

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