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"GoEast"-Leiterin Gerittsen über ein Festival fast ohne russische Filme

Heleen Gerritse steht mit verschränkten Armen in einem Kinosaal. Hinter ihr sind Reihen roter Kinosessel zu sehen.

Das Wiesbadener Filmfestival "GoEast" versteht sich seit 22 Jahren als Sprachrohr zwischen Ost und West. In diesem Jahr sieht es sich mit Boykott-Aufrufen gegen russische Filmemacher konfrontiert. Wieso das Festival dem nur teilweise nachkommt, erklärt Leiterin Heleen Gerritsen im Interview.

Nach zwei Jahren Pandemie kommen beim Wiesbadener "GoEast"-Festival des mittel- und osteuropäischen Films nun wieder Publikum und Filmemacherinnen und -macher zusammen. Rund 200 Gäste aus der Filmbranche Mittel- und Osteuropas werden erwartet.

Unbeschwert dürfte die 22. Ausgabe trotzdem nicht ablaufen: Wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine haben die Veranstalter kurzfristig vier russische Filme aus dem Programm genommen und Diskussionsrunden mit ukrainischen Filmschaffenden organisiert.

hessenschau.de: Frau Gerritsen, wie schwer hängt der Schatten des Krieges in der Ukraine über dem GoEast-Festival?

Heleen Gerritsen: Dieser dunkle Schatten des Krieges in der Ukraine hängt natürlich über allem in diesem Jahr. In unserer eigenen Arbeit, in unserem Privatleben. Sicherlich auch bei einem großen Teil unseres Publikums. Wir haben ja traditionell viele Besucher mit russischen und ukrainischen Wurzeln bei uns zu Besuch. Das Thema ist sehr stark prägend für diese Festivalausgabe.

hessenschau.de: GoEast versteht sich als Dialogforum zwischen Ost und West. Inzwischen scheint der Dialog innerhalb des Ostens notwendiger denn je. Können Sie einen kleinen Teil beitragen zu diesem Dialog?

Gerritsen: Ich denke schon. Es haben sich um die 200 Filmgäste angekündigt in diesem Jahr aus allen Ländern Mittel- und Osteuropas. Was meines Erachtens momentan noch nicht geht, ist, diesen Dialog zwischen russischen und ukrainischen Filmschaffenden zu erzwingen. Dafür ist es einfach zu früh momentan. Das haben wir in vielen Gesprächen vor allem mit der ukrainischen Seite gemerkt, dass die Bereitschaft, sich mit Russen an den Tisch zu setzen, momentan gar nicht da ist.

Solange die Waffen nicht schweigen, soll man das auch nicht erzwingen. Das ist ja auch ein Grund, dass zum Beispiel dieses Friedenskonzert, das Bundespräsident Steinmeier veranstaltet hat, nicht so gut ankam. Aber der Dialog zwischen dem Osten und dem Westen ist wichtiger denn je, denke ich. Wir verstehen uns ein Stück weit auch als Sprachrohr für osteuropäische Kolleginnen und Kollegen und wir wollen ihnen eine Bühne bieten, eine Plattform bieten, damit sie uns ihre Sicht der Dinge schildern.

hessenschau.de: Wie wollen Sie das machen?

Gerritsen: Das machen wir ja schon seit 22 Jahren: indem die Menschen kommen, ihre Filme vorstellen, Fragen beantworten, mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Das werden wir in diesem Jahr genauso machen. Nach zwei Corona-Jahren ist es jetzt endlich wieder möglich, was sehr schön ist.

Filmstill "Klondike"

Wir organisieren außerdem ein Diskussionspanel über den Boykottaufruf gegen russische Filme, den die ukrainische Filmakademie am 26. Februar gestartet hat. Teilweise sind wir da als Festival auch mitgegangen.

Aber wir haben uns entschieden, nicht alle Filmemacher auszuschließen aus Russland, weil wir uns als Auswahlkommission auch die Frage stellen: Wie beurteilt man das dann? Geht man da nach dem Reisepass? Oder fragt man sich, wo das Geld herkommt? Die Kriterien sind schwierig.

Wir haben auch durchaus regimekritische Beiträge aus Russland im Programm. Diese jetzt pauschal auszuschließen, wäre für uns sehr schwierig. Trotzdem wollen wir diesem Boykott auf den Grund gehen, was die historischen Hintergründe sind. Dafür haben wir die ukrainische Kollegen eingeladen. Sie haben da die Möglichkeit, die Bühne für sich zu beanspruchen.

hessenschau.de: Das heißt, der Krieg als solcher wird doch aufgegriffen auf dem diesjährigen Festival?

Gerritsen: Na wissen Sie, der Krieg ist seit 2014 da und wird auch jedes Jahr aufgegriffen beim Festival. Wir zeigen jedes Jahr ukrainische Beiträge, auch in diesem Jahr. Im Wettbewerb gibt es zwei Beiträge, die spielen direkt in der Ostukraine. Die sind zwar im vergangenen Jahr oder im Jahr davor gedreht worden, aber da gab es auch schon Krieg.

hessenschau.de: Sie zeigen zum Beispiel einen Film eines Filmemachers, der vor ein paar Tagen erschossen in Mariupol aufgefunden wurde.

Gerritsen: Ja, das ist Mantas Kvedaravičius, ein litauischer Filmemacher, der sehr viel in der Ukraine gedreht hat. Es ist ein sehr tragischer Fall. Er ist in die Stadt zurückgekehrt, wo er 2016 "Mariupolis" gedreht hat: einen Film, eigentlich eine anthropologische Untersuchung von Menschen, wie sie während des Krieges trotzdem ihren Alltag leben.

Er hat unter anderem auch in diesem Theater gedreht, wovon wir jetzt diese dramatischen Bilder gesehen haben. Dort hatten sich Zivilisten versteckt und dieses Theater wurde trotzdem von einer Bombe angegriffen. Er ist zurückgekehrt in die Stadt, mit Hilfsgütern und mit seiner Verlobten zusammen. Sie haben versucht, dort zu drehen. Sie wollten diesen Film vervollständigen. Und er ist tatsächlich von russischen Soldaten getötet worden.

Seine Verlobte hat es noch geschafft, seine Leiche und das Material, das sie gedreht haben in diesen Wochen, aus der Stadt zu schaffen. Sie hat auch die Absicht, diesen Film zu vervollständigen. Wir zeigen den Film aus 2016 und werden Spenden sammeln. Ich denke, das ist eine wichtige Veranstaltung.

hessenschau.de: Es gibt aber auch andere Themen. Humor ist ein Element in diesen Filmen aus den Ländern Mittel- und Osteuropas. Welche Rolle spielte er in den Filmen, die Sie vorstellen?

Gerritsen: Traditionell ist es in Osteuropa so, dass man an schwere Themen und schwierige Sachen mit schwarzem Humor herantritt. Wir zeigen zum Beispiel eine Komödie oder eine Satire, sollte ich eher sagen, von Adilkhan Yerzhanov außer Konkurrenz. Der Film heißt "Herd Immunity", also Herdenimmunität. Es ist eine Satire über den kasachischen Umgang mit der Corona-Pandemie.

Filmstill "Herdenimmunität"

Wir haben durchaus Filme, die einen viel leichteren Zugang haben zu zu harten Themen, auch unsere Kurzfilm-Rubrik, die immer sehr beliebt ist, die Anarcho Shorts. Da zeigen wir in diesem Jahr animierte Filme, zum Beispiel aus Estland, das eine reiche Animations-Tradition hat.

Und wir zeigen eine, wie wir es nennen, Kebab-Komödie, in der es um zwei Ćevapčići-Läden in Sarajevo geht, die miteinander konkurrieren. Es gibt durchaus auch sehr leichte Momente beim Festival.

Das Gespräch führte Pablo Diaz.

Weitere Informationen

Das 22. GoEast-Festival des mittel- und osteuropäischen Films ...

... findet vom 19. bis 25. April statt. Gezeigt werden insgesamt 88 Filme aus 43 Ländern, darunter 15 Deutschlandpremieren und fünf Weltpremieren. Eine Jury vergibt im Rahmen des Festivals Preise in Höhe von insgesamt 30.500 Euro, darunter die "Goldene Lilie" für den Besten Film und den Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die Beste Regie.

Zum Programm gehören außerdem filmhistorische Sektionen, Vorträge und Filmgespräche. Neben den fünf Spielorten in Wiesbaden werden auch Film ein Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Mainz gezeigt.

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