Dokumentarfilmerin Theresa Breuer war in Afghanistan, um über Bergsteigerinnen zu berichten. Als die Taliban die Macht übernahmen, half sie ihren Protagonistinnen, das Land zu verlassen. Ist Breuer nun Aktivistin?

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Audioseite Theresa Breuer evakuiert Menschen aus Afghanistan

Eine Frau läuft mit dem Handy in der Hand durch eine von Menschen gesäumte Straße.
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"Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich sehe auf einmal nur noch menschliche Schicksale und nicht mehr die tolle Geschichte", sagt Theresa Breuer. Die Wiesbadenerin ist Journalistin und Dokumentarfilmerin. Sie zog nach Kabul, um einen Film über afghanische Bergsteigerinnen zu drehen.

Doch seit im August die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen haben, rettet sie Menschen in Lebensgefahr. Zwar arbeitet Breuer nebenbei an einem neuen Film. Priorität hat aber die von ihr initiierte Kabul-Luftbrücke. Dank ihr konnten bislang fast 500 Menschen außer Landes und somit in Sicherheit gebracht werden.

"Nervenaufreibend und zeitaufwändig"

Gerade ist Breuer in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe gelandet. Von dort plant sie mit ihrem Team die nächste Evakuierungsmission. Auch wenn die Notlage der Menschen in Afghanistan medial nicht mehr so präsent sei wie noch vor ein paar Wochen, habe sich an ihrer Arbeit seitdem wenig verändert.

"Es hat nicht mehr diese komplette Dringlichkeit im Sinne von 'Der Flughafen schließt in drei Tagen', aber es bleibt genauso nervenaufreibend und zeitaufwändig", sagt sie. Man evakuiere nun eben über die Nachbarländer, sowohl über den Luft- als auch über den Landweg. Dabei muss sich die Kabul Luftbrücke täglich neuen Bedingungen anpassen.

Breuer organisiert Evakuierungen über Pakistan

Wie kompliziert ihre Arbeit ist, erklärt Breuer am Beispiel Pakistan, von wo aus sie in den vergangenen eineinhalb Monaten hauptsächlich Missionen geleitet hat. Sobald es aus Deutschland die Zusage gibt, eine Gruppe Menschen aufzunehmen, wendet sich die Kabul Luftbrücke an die deutsche Botschaft in Pakistan.

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Die stellt ein Papier aus, das die pakistanischen Behörden um Einreise für die Gruppe bittet. Liegt die Zusage vor, werden die Menschen in Afghanistan kontaktiert. Die Kabul Luftbrücke organisiert dann den Transport.

Vorab müssen Briefings erstellt werden: Muss ein PCR-Test vorliegen? Wie viel Gepäck dürfen die Leute mitnehmen? Dann wird ein Sammelpunkt festgelegt. "Meist geht es früh morgens um vier oder fünf Uhr in Kabul los", berichtet Breuer. "Zu dem Zeitpunkt ist dann das Team in Pakistan wach und auf dem Weg zur Grenze, das Team in Berlin ist ebenfalls wach und koordiniert die verschiedenen Personengruppen."

Zwischen Teetrinken und Grenzverhandlungen

Alle stünden durchgehend miteinander in Kontakt, man begleite den kompletten Weg zu Grenze. Ist die erreicht, warten womöglich neue Probleme.

"Auch wenn eine Genehmigung vorliegt, heißt das noch lange nicht, dass die pakistanischen Grenzbehörden willig sind, afghanische Familien über die Grenze zu lassen", weiß Breuer. "Die schikanieren die Afghanen gelegentlich auch ein bisschen und sagen: Nö, diese Genehmigung liegt nicht vor."

Deswegen sei  sie auch selbst vor Ort, so Breuer. Sie sitze da, trinke Tee, verhandle mit den Grenzposten. "Manchmal argumentiere und insistiere ich über Stunden. Letztlich werden die Leute meist doch über die Grenze gelassen."

Die Bedingungen wechseln ständig

In Pakistan geht es für die afghanischen Menschen in die Hauptstadt Islamabad. Dort werden sie in einem Hotel untergebracht. Die Kabul Luftbrücke organisiert dann einen Termin bei der deutschen Botschaft, damit sie ihre Visa bekommen.

Aber kaum hat sich ein Evakuierungsverfahren erprobt, wird es unmöglich. So hatte die Kabul Luftbrücke gerade ein gutes Verhältnis zur deutschen Botschaft in Pakistan aufgebaut, als das Land afghanischen Menschen keine Einreiseerlaubnis mehr erteilte. 

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Wer wird evakuiert?

Die Kabul Luftbrücke berät und unterstützt schutzbedürftige Menschen in Afghanistan dabei, das Land zu verlassen. Es werden nur Personen evakuiert, die eine schriftliche Aufnahmezusage durch die Bundesregierung haben, die deutsche Staatsbürger sind oder einen deutschen Aufenthaltstitel haben.

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Man hatte sich mit Fluggesellschaften vernetzt, die nach Pakistan fliegen, Tickets gekauft - plötzlich wurden alle Flüge für den nächsten Monat abgesagt. "Das sind dann die großen Frustrationspunkte", so Breuer. "Wir glauben, wir haben einen Weg gefunden, wie wir Leute einigermaßen sicher rausbringen können und dann ist alles wieder anders."

Erholung wird aufgeschoben

Breuer gibt trotzdem nicht auf. Auch wenn ihre Arbeit gerade ein 24-Stunden-Job ist, wie sie sagt. Angst um sich hat sie bei all dem nicht. "Aber ich weiß, dass andere sich Sorgen um mich machen. Die befürchten, dass ich auf einmal versuche, jede gefährdete Person in Afghanistan zu retten und mich dafür selber aufgebe."

Zu sehen sind vier Frauen mit bunten Kopftüchern. Sie warten vor einem weißen Bus.

Sie habe durchaus eine Tendenz, sich in Dinge reinzusteigern, gibt Breuer zu. "Ich glaube auch, dass es diesen Wahnsinn braucht, um Dinge möglich zu machen - zumindest in der Anfangsphase, wenn alles noch unmöglich scheint. Aber das kann natürlich kein Dauerzustand sein." Trotzdem schiebt sie eigene Erholung erst einmal auf.

"Habe mich schon immer für Menschen eingesetzt"

Manche würden einen Konflikt darin sehen, dass sie als Journalistin und Dokumentarfilmerin, also der Definition nach zu Neutralität verpflichtet, vor Ort gestaltend eingreift, erzählt Breuer. Für die sei sie nun eine Aktivistin.

Sie selbst sehe da keinen Widerspruch. "Ich bin noch nie die Helikopter-Journalistin gewesen, die sich kurz irgendwo im Krisengebiet abseilen lässt und dann wieder abhaut", so Breuer. "Ich habe mich schon immer für die Menschen, die in meinen Filmen aufgetaucht sind, eingesetzt."

Die Regel der Neutralität dürfe in Krisengebieten nicht gelten, findet Breuer. Sie habe die Bergsteigerinnen, ihren Übersetzer und dessen Familie in Gefahr gebracht, also habe sie sich in der Verantwortung gesehen.

Vom persönlichen Hilfsbestreben zur wichtigen Initiative

Dass aus einem sehr persönlich motivierten Hilfsbestreben so eine wirkungsmächtige Initiative wie die Kabul Luftbrücke werden würde, hätte Breuer eingangs nicht gedacht. Aber so richtig zu überraschen scheint es sie dann auch wieder nicht.

Mehrere Frauen sitzen in einem dunklen Bus. Einige unterhalten sich und gestikulieren, andere lesen.

Als Journalistin verfüge sie über entscheidende Fähigkeiten, die es brauche, um Menschen unter Extrembedingungen aus einer Notlage zu befreien, meint Breuer.

Sie könne die richtigen Fragen stellen: Wie gehe ich vor? An wen wende ich mich? Wie bekomme ich Informationen? Was sind die nächsten Schritte, um zu erreichen, was ich will? Breuer sagt: "Nach zehn Jahren Arbeit in Krisengebieten weiß ich, wie man Dinge möglich macht."

Breuers erste Priorität: helfen

Theresa Breuer hofft, vor Weihnachten nochmal eine Woche freinehmen zu können. Doch richtig überzeugt klingt sie dabei nicht. Erst einmal arbeitet sie weiter. Und ja, sie halte auch so oft es gehe die Kamera drauf, sagt sie. Das Dokumentarfilmen sei eben ihre große Leidenschaft.

"Ich sehe, wenn da eine fantastische Geschichte ist. Teilweise ist da Hollywood-Material dabei. Natürlich reizt mich das." Für den Moment aber seien ihre Prioritäten klar gesetzt: "Es geht nicht darum, einen Dokumentarfilm zu drehen, sondern Menschen aus Afghanistan rauszubringen."

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