Collage Schlager

Spätestens mit dem rasanten Aufstieg Helene Fischers scheint der Schlager in den Mainstream gerückt. Auch in der jüngeren Generation gibt es immer mehr Fans - auf der Bühne wie in den Partyzelten.

Audiobeitrag

Audio

Laura Wilde: "Der Schlager vereint jung und alt"

Schlagersängerin Laura Wilde
Ende des Audiobeitrags

Laura Wilde nutzt Dating-Apps und Laura Wilde singt Schlager. Da ist erst mal nicht groß was dabei. Doch die Kombination hat Wilde bereits Kopfzerbrechen bereitet. "Wenn ich beim Online-Dating sage, dass ich Schlager singe, sind viele verwundert", erzählt die 33-Jährige.

Wilde, mit bürgerlichem Namen Milde, ist in Heppenheim (Bergstraße) und mit Schlager aufgewachsen. Für sie ist das Genre "das Normalste und Schönste der Welt". Ihren Kindheitstraum, mit eigenen Songs auf der Bühne zu stehen, hat sie wahr gemacht. Ihr siebtes Album "Unbeschreiblich" stieg im vergangenen Jahr auf Platz 18 der deutschen Charts ein. Dass ihr Job beim Dating nicht gut ankommt, findet sie schade. "Ich könnte nie mit jemandem zusammen sein, der etwas ablehnt, was ich so sehr liebe", sagt sie.

"Je jünger die Leute sind, umso offener sind sie"

Dabei scheint sich der Blick auf Schlagermusik den vergangenen Jahren verändert zu haben. "Der Sound ist nicht mehr so konservativ. Die Themen sind nicht mehr so konservativ. Und damit sind auch die Fans nicht mehr so konservativ", erklärt hr-Musikexperte Kevin Varga.

Er findet, das schlechte Image eile dem Genre zu Unrecht voraus. "Egal, in welcher Lebenssituation man sich gerade befindet, man findet sich immer in der Musik wieder", sagt er. "Es gibt Schlager, die dir Mut geben, wenn du Probleme hast. Wenn du zum Beispiel betrogen wurdest: 'Du hast mich tausendmal belogen' von Andrea Berg."

Während es zu seiner Schulzeit noch peinlich gewesen sei, Schlager zu hören, liefe heute ab einer gewissen Uhrzeit in fast allen Feier-Locations Schlager. Etwa "Wir sagen danke schön", ein Flippers-Song von 2009 zum 40-jährigen Bandjubiläum - laut Varga gegenwärtig der absolute Hit auf jeder Dorfparty. "Je jünger die Leute sind, umso offener sind sie", sagt er. "Für die gibt es keine musikalischen Grenzen!"

Auch die Schlagerstars sind mittlerweile jünger

Nicht nur die Fans von Schlagermusik scheinen sich verändert zu haben, sondern auch die Stars der Szene, erklärt Laura Wilde. "Als ich 2010 in der Branche gestartet bin, waren wir vielleicht zwei, drei Mädels in meinem Alter", erinnert sie sich. "Die letzten Jahre gab es da wirklich einen Boom. Viel mehr junge Leute sind an Schlager interessiert. Ich sage immer: Die sind auf einmal alle wie aus den Löchern beim Käse rausgekrabbelt - hier sind wir und los geht's!"

Eine von ihnen ist Marilena Kirchner aus der Nähe von Tann in der Rhön (Fulda). Auch bei ihr gehörte Schlager schon immer dazu. "Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Da gibt es Volksfeste, Oktoberfeste, Maifeste oder die Kirchweih", sagt die 24-Jährige. "Je nachdem, was man für ein Leben führt, beeinflusst das natürlich, mit welcher Musik man sich wohlfühlt."

Schlagersängerin Marilena Kirchner

Ihren ersten Hit, "A Lausbua muass er sei", hat Kirchner mit gerade 14 Jahren gelandet. Bis heute steht sie als Sängerin auf der Bühne, im Radio moderiert sie eine Schlager-Sendung. Dass sie als Hessin auf Bayerisch singt, habe sich einfach so ergeben.

Schlager als einendes Element

"Schlager verbindet Menschen - irgendwann fangen alle an, mitzuwippen", erklärt die 24-Jährige ihre Begeisterung für das Genre. Das einende Element stellt auch hr-Musikexperte Kevin Varga heraus. "Vom Jugendlichen bis zur Rentnerin treffen bei Konzerten von Künstlern wie Giovanni Zarella oder Florian Silbereisen ganz viele verschieden Charaktere mit unterschiedlichen Biografien und aus unterschiedlichen Einkommensschichten aufeinander."

Den typischen Schlager-Fan gibt es nicht, sagt Varga. "Vielleicht ist es auch das, was Schlager am Ballermann so erfolgreich macht. Da geht man hin und will gemeinsam feiern. Es ist egal, ob du Porsche fährst oder ob du arbeitslos bist. Die Leute verbinden mit dieser Musik mittlerweile einfach Spaß und Entspannung: 'Sobald ich Schlager höre, bin ich gut drauf!'"

Kritiker bei Tag, Fans bei Nacht

Für Sängerin Kirchner ist Schlager sogar mehr als das: ein Zufluchtsort. "Musik ist auch dafür da, mal abzuschalten und das Gehirn kurz zu entlasten von den ganzen schrecklichen Nachrichten, die uns jeden Tag erreichen", sagt sie. Dass manche gerade diese Illusion einer heilen Welt kritisch betrachten, kann sie nicht verstehen. "Es passiert so viel Schreckliches auf der Welt. Warum soll es dann verpönt sein, über etwas Schönes zu singen?"

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Die größten Kritiker stünden bei Partys als erste johlend auf den Bierbänken, erzählt die Sängerin. Und auch ihre Kollegin Wilde beobachtet eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was die Leute über Schlager sagen und wie sie Schlager erleben. "Viele trauen sich nicht zuzugeben, dass sie Schlager hören", sagt sie.

"Aber kaum haben sie was getrunken, kennen sie alle Texte auswendig und grölen mit, als gäbe es kein Morgen mehr." Das beobachte sie zum Beispiel an Fasching. "Da muss ich immer so lachen. Kann man nicht einfach dazu stehen, dass einem die Musik gefällt?"

Ein Genre, das polarisiert

Wieso Schlager bis heute noch polarisiert wie kaum eine Musikrichtung? Ganz erklären kann sich Varga das auch nicht. "Vielleicht ist das wie bei Modern Talking", überlegt er. "Die hat damals angeblich auch niemand gehört und trotzdem haben sie Millionen CDs und Schallplatten verkauft. Alle sagen, sie finden die Musik ganz schlimm, und feiern sie dann im Geheimen." Es brauche wohl noch ein paar Jahre, bis wirklich jeder zugeben könne, dass Schlager "gar nicht so schlimm ist".