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Kostüme, Klischees und Gemeinschaft: Auf der Hammer-Ranch in Frankfurt treffen sich Western-Fans und leben ihren Traum. hr-Reporterin Antonia Troschke hat sie näher kennengelernt.

Old Wolf sitzt auf einem Klappstuhl vor seiner Holzhütte und bläst dicken Zigarrenrauch in die Luft. Ich sitze neben ihm und schaue zu. Old Wolf ist ein Trapper, das waren die Fallensteller im Wilden Westen. Seine Haare sind weiß, schulterlang. Bekleidet ist er mit einer Hirschlederhose und einem dazu passenden Hirschlederoberteil. Sobald er läuft, klingelt es. "Das ist mein Glöckchen. Das hat mir mal eine 'Indianerin' um den Fuß gebunden, weil ich immer so leise war."

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Begriff "Indianer"

Laut der Anne Frank Bildungsstätte ist "Indianer" ein gewaltvoller Begriff, mit dem viele Klischees und exotisierende Vorstellungen verbunden sind. Problematisch sei auch, dass es sich um eine Fremd- und keine Selbstbezeichnung indigener Völker handele. Die Autorin setzt "Indianer" im folgenden Text daher in Anführungszeichen.

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Nur knapp 15 Minuten von der Frankfurter Innenstadt entfernt, gibt es einen versteckten Ort, wie aus der Zeit gefallen: die Hammer Ranch in Seckbach. Dort sieht es aus, wie ich den Wilden Westen aus Filmen kenne - typische Holzhäuser mit Veranda, ein großer Saloon, eine Schmiede. Ich schaue mich ungläubig um, sehe Cowboys, Trapper, "Indianer" und Sheriffs. Einer von ihnen zieht sich direkt Schnupftabak in die Nase. Wo bin ich hier gelandet?

Western-Zeit möglichst authentisch leben

"Da kannst Du Dein Tipi aufbauen", ruft Werner dem "Indianer" Georg zu. Werner alias Old Wolf hat viel zu tun. Ständig klingelt sein Handy, das Klemmbrett hat er griffbereit. An den nächsten Tagen kommen 120 Westernfans - Hobbyisten genannt - aus ganz Deutschland zu Besuch auf die Hammer Ranch. Deutschlandweit schätzt Werner die Hobbyisten-Szene auf 20.000 Mitglieder. Ziemlich viele dafür, dass ich noch nie was von ihnen gehört habe.

Während einige Hobbyisten schon in Gruppen gemütlich Schnaps trinken, rollen die anderen erst mit ihren Autos an. Viele reisen mit Anhänger, um ihre Ausrüstung zu transportieren. Ein profanes Campingzelt aus Polyester hat hier keiner. Es ist der Anspruch, die Western-Zeit möglichst authentisch zu leben. Die Hobbyisten schlafen in weißen Baumwollzelten, tragen Originalwaffen am Hosenbund und handgenähte Kleidung nach historischen Vorlagen.

Ein Grüppchen "Indianer" steht neben einem Zelt

Martin aus Süddeutschland hat statt einer Hose vorne und hinten nur zwei Stoffbahnen hängen. Seine Beine sind bis hoch zu den Pobacken nackt. Auf sein "Indianerkostüm" angesprochen, unterbricht er mich. "Kostüm? Das ist eine Beleidigung! Wir tragen historische Kleidung." Es fällt mir etwas schwer, über diesen Wunsch nach Authentizität nicht zu grinsen. Immerhin sitzen wir an Bierzeltgarnituren, haben Plastikaschenbecher vor uns stehen und nicht selten klingelt irgendwo ein Handy.

Gemeinsam raus aus dem Alltag, rein in die Parallelwelt

Ich komme erstaunlich schnell in die Gruppe rein. Hätte ich nicht gedacht. Die Westernfans hatten nämlich Sorge, dass man sich über sie und ihr Hobby lustig macht. Doch Werner hat ein gutes Wort für mich eingelegt und so werde ich überall offen empfangen, alle sind sehr nett zu mir und das fühlt sich gut an. Das mag auch an den vielen Schnäpschen liegen, auf der Hammer Ranch muss man trinkfest sein. Luis drückt mir ein halbes Weinglas voll Marillenschnaps in die Hand. Luis ist extra aus dem Allgäu angereist, um beim Westernlager teilzunehmen. Er ist Cowboy durch und durch. "Das ist mein Leben. Mein Vater sagt, ich bin 150 Jahre zu spät auf die Welt gekommen."

Lagerfeuerromantik und eine Rockerhochzeit

Es wird Abend, das Lagerfeuer wird entzündet und der Rancheigene Chor baut sich auf. Etwas schräg aber mit viel Gefühl singen die Frauen klassische Countrymusik. Ein älteres Pärchen tanzt im Feuerschein. Es ist so schön, dass es fast kitschig ist. Auch das fühlt sich gut an. Die Leute hier tauchen wirklich aus dem Alltag in ihre Traumwelt ab und ich lasse mich mitziehen.

Doch dann kippt der Moment. Einige Hammer-Rancher erzählen mir begeistert von einer Hells Angels-Hochzeit, die auf der Ranch stattgefunden hat. Das gefällt mir gar nicht. Weder dass die Hochzeit von Mitgliedern des umstrittenen Motorrad- und Rockerclubs hier stattfinden durfte, noch die mangelnde Kritik der Westernfans daran.

Überraschende Kaltschnäuzigkeit, wenig Distanz

"Komm mal mit", brummt Krümmel, ein stattlicher Mann mit roter Strickmütze. Sie ist Teil seines Outfits als kanadischer Voyageur, das waren die Kurierfahrer damals. Im echten Leben hat Krümmel seinen Job als Koch verloren und Probleme, einen neuen zu finden. Er zeigt mir die Schätze der Handelskammer auf der Ranch, eine Hütte vollgestopft mit damaligen Kostbarkeiten: Felle, Schmuck, Waffen. Krümmel holt ein besonders langes Gewehr hervor und zum Vergleich noch ein deutlich kürzeres. Beide Gewehre haben dieselbe Funktion, nur wurde das eine künstlich länger gemacht, um es den "Indianern" für einen viel zu hohen Preis zu verkaufen. "Deswegen leben die heute in Reservaten. Dumm gelaufen."

Die Aussage hallt in meinem Ohr. Meint Krümmel damit also, die indigenen Völker haben selbst Schuld an ihrem Schicksal? Ich bin perplex über diese, wie ich es empfinde, Kaltschnäuzigkeit. Den Kolonialismus sehe Krümmel zwar kritisch, "aber nur weil wir das darstellen, heißt das ja nicht, dass wir das genauso gemacht hätten."

Die Pinkerton (Privatdetektive im Wilden Westen)

Überall Symbole für Sklaverei, Rassismus und Unterdrückung

Doch ist das so einfach? Lässt sich die Geschichte einfach ausblenden, sodass nur die Folklore übrigbleibt? Die Frage beschäftigt mich. Auf der Ranch sehe ich überall die Konföderiertenflagge, eine Flagge, die als Symbol für Sklaverei und Rassismus gilt. Auch der rassistische Geheimbund Ku-Klux-Klan machte die Flagge zu einem seiner Symbole. Und von wegen Ku-Klux-Klan: Ein Cowboy präsentiert mir stolz seine Ku-Klux-Klan-Marke am Hosenbund. Damit komme ich nicht klar. Und die Argumentation "das war halt damals so" kann ich nicht akzeptieren.

Ich rufe Simon Wendt an, um meine Bedenken mit ihm zu besprechen. Er ist Professor für Amerikanistik an der Goethe Uni Frankfurt. "Es ist klar, dass sich die meisten im Westernhobby nicht als Rassisten bezeichnen würden, aber die Geschichte, die hier nachgespielt wird, ist kaum von dieser Geschichte des Rassismus zu trennen.“

Einfach ein Spaß, oder kulturelle Aneignung?

Ich sitze in meinem Auto auf einem Parkplatz nahe der Ranch, brauche eine Pause. Plötzlich höre ich lautes Getrommel und mir fremd klingende Gesänge. Ich laufe schnell zur Ranch zurück und sehe sechs Weiße, gekleidet wie sie sich "Indianer" vorstellen, mit Federschmuck und Lendenschurzen. Sie trommeln und singen ein Lied, das sie von Youtube kennen. Ihre Darbietung soll einen traditionellen Pow Wow, eine Zusammenkunft mit Tanz und Musik, darstellen. Irgendwie bin ich fasziniert von diesem Spektakel, anderseits regt sich Unbehagen in mir: Weiße Menschen, die sich als "Indianer" geben und traditionelle Gesänge nachahmen...?!

Als Kind habe ich mich auch mal als "Indianerin" verkleidet. Also Pocahontas zu Fasching - inklusive dunkel angemaltem Gesicht. Heute würde ich das nicht mehr tun, weil ich diese kulturelle Aneignung für rassistisch halte. Auf der Ranch in Frankfurt hat offenbarar keiner ein Problem damit. Die Hobbyisten wollen einfach Spaß haben. Was sie so darunter verstehen. Doch "am Ende geht es darum, zu fragen, wie es die Menschen sehen, die in diesem Hobby dargestellt werden. Die indigene Bevölkerung Amerikas steht diesem Indianerspiel sehr kritisch gegenüber und sieht sich meist sehr stereotyp dargestellt", sagt Simon Wendt von der Goethe Uni.

Es bleibt die Gleichzeitigkeit

Für die Western-Fans auf der Hammer-Ranch ist der Wilde Westen nicht brutal, sondern ihr Ort der Gemeinschaft. Ich kann verstehen, dass den Western-Fans unter diesen Bedingungen ihr Hobby gefällt. Und auch ich hatte schon lange nicht mehr so viele offene und herzliche Begegnungen.

Doch gleichzeitig kann ich im Gegensatz zu den meisten hier die amerikanische Geschichte nicht ausblenden. Daher finde ich es auch schwierig, eine Zeit zu glorifizieren, in der massenhaft Menschen vertrieben und ausgerottet wurden. Aber auch wenn ich politisch mit den meisten sicher nicht übereinstimme und einige Strukturen nicht richtig finde, werde ich an die Hammer-Rancher und meine Zeit dort auch gerne zurückdenken. Ich gehöre nicht in diese Welt, doch die Hobbyisten haben mich offen aufgenommen und mir einen Blick in ihre Welt gestattet. Dafür sind sie mir auch ans Herz gewachsen.

Sendung: hr-fernsehen, Reportage "7 Tage ... unter Cowboys", 18.11.2020, 21.45 Uhr