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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Antagon" ist kein gewöhnliches Theaterensemble

Elf Leute mit abgerissener Kleidung und weiß geschminkten Gesichtern in einer Reihe

Während andere Ensembles im Lockdown kaum proben konnten, arbeiteten die Mitglieder der Frankfurter Theatergruppe "Antagon" mehr oder weniger unverändert weiter - weil sie auch zusammenleben. Ein Besuch bei einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft.

Auf den ersten Blick wirkt alles ruhig vor der "Antagon Halle" im Frankfurter Osten, fast schon verschlafen. Hinter dem hohen, rostigen Zaun am Anfang des Geländes ist eine kleine Holzbude mit der Aufschrift "Flammkuchen" zu sehen. Rechts befindet sich ein längliches Gebäude, das auf den ersten Blick nach Lagerhalle aussieht.

Antagon Theater

Tatsächlich ist es Theaterraum und Zuhause für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Dass das Kollektiv "Antagon" anders ist als andere Theater-Ensembles, merkt man, sobald man den Zaun hinter sich gelassen hat: Überall wuseln Menschen herum. Gabelstapler fahren Container und Baumaterialien über den Hof, irgendwo wird gehämmert.

In der großen Gemeinschaftsküche sind noch die letzten Reste des Frühstücks zu sehen. Hier sitzt Bernhard Bub. "Eben waren hier noch 40 Leute", sagt er. Vor mehr als 30 Jahren hat er "Antagon" mitgegründet und ist heute künstlerischer Leiter. "Das Ziel ist, Menschen in Verbindung zu bringen mit darstellender Kunst."

6.000 Quadratmeter, 25 Künstler, 10 Nationalitäten

Das gilt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Theatergruppe selbst. 25 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt leben und arbeiten hier auf 6.000 Quadratmetern in Frankfurt-Fechenheim zusammen, darunter fünf Kinder. Das ermöglichte der Gruppe, auch während Corona weiter zu proben - schließlich gilt sie als ein Haushalt.

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Sommerwerft 2021

Vom 23. Juli bis zum 8. August veranstaltet der Kulturverein Protagon e.V. an der Weseler Werft im Frankfurter Ostend wieder die "Sommerwerft". In diesem Jahr sollen dabei vor allem regionalen Aufführungen gezeigt werden, etwa aus beispielsweise den Bereichen Theater, Tanz- und Performancekunst, Travestie und Musik.

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Antagon Theater

20 weitere Kunstschaffende gehören zum Ensemble, leben aber außerhalb des Geländes. Die Besetzung wechselt immer wieder, aktuell treffen hier zehn verschiedene Nationalitäten aufeinander. Wie man sich da verständigt? Auf Englisch, erklärt Bernhard Bub, während er über das Areal führt. "Aber eigentlich sind wir ja Spezialisten in nonverbaler, physischer Theaterkommunikation."

Damit die Gemeinschaftsräume wie die Küche - die "Selbstverwalter-Kantine", wie Bub sie nennt - und die Bäder ordentlich bleiben, gibt es eine Art Aufgabenverteilung. "Jeden Tag sind drei Leute ganz fest eingeteilt, die die gesamte Küche übernehmen und abends hoffentlich sauber hinterlassen für den nächsten Tag. Sie bestimmen, was gekocht wird. Jeder so, wie das im eigenen Land gemacht wird." Da gebe es dann auch mal Paella zum Frühstück.

Antagon Theater

Schlafen zwischen Hühnerstall und DJ-Pult

Raus aus der Küche, rein ins Idyll, in den Teil des Geländes, der "The Travel Corner" genannt wird - die Reise-Ecke. Zwischen wilden Brombeerhecken, Tomatenpflanzen und einem kleinen Hühnerstall hat jede und jeder der 25 Bewohnerinnen und Bewohner einen eigenen Wohnwagen. Dazwischen Feuerstellen, ein selbstgebautes DJ-Pult für Partys und temporäre Lager von internationalen Kunstschaffenden und Helfenden, die "Antagon" besuchen. Ein bisschen wie auf einem Campingplatz.

Antagon Theater

"Es ist wichtig, dass ich einen Wagen habe für mich", findet Barbara Luci Carvalho. Dort habe sie Raum für ihre eigenen Gedanken. Die Brasilianerin ist seit zwölf Jahren Teil von "Antagon" - als Performerin, Theaterpädagogin und Organisatorin des internationalen "Frauen*-Theaterfestivals". "Im Sommer ist auf jeden Fall die beste Zeit, um im Wagen zu leben. Im Winter ist es schon herausfordernd", gibt sie zu.

Antagon Theater

"Wir können immer Neues lernen"

Vielleicht mit ein Grund, dass die Künstlerinnen und Künstler sich im vergangenen Jahr eine eigene Sauna gebaut haben. "Recycling", so "Antagon"-Gründer Bub lachend. Denn neben Holzlatten wurden dafür auch Teile eines alten Bühnenbilds zweckentfremdet. Spätestens da zeigt sich: Bei "Antagon" gibt es wahre Lebenskünstler. Alles wird selbst in die Hand genommen.

Antagon Theater

"Wir machen alle alles", bestätigt Lucas Tanajura. Er ist Schauspieler und Tänzer - und neuerdings auch Experte für Dächer, wie er verrät. "Irgendwie baue ich immer die Dächer. Das ist das Besondere an Antagon: Wir können uns hier entwickeln und immer Neues lernen."

Der Brasilianer gehört seit 2014 zum Antagon-Ensemble. Aktuell baut er eine mongolische Jurte, eine Art beheizbares Iglu aus Holz und Stoff mit mehreren Betten darin. Dort werden einige der freiwilligen Helferinnen und Helfer der "Sommerwerft" schlafen.

Antagon Theater

Festival trotz Pandemie - dank Hygienekonzept

Jedes Jahr veranstaltet Protagon e.V., der Förderverein von "Antagon", mit der Sommerwerft ein internationales Theaterfestival am Main. In diesem Sommer findet es bereits zum 20. Mal statt. Das Programm ist bunt - Theater, Musik, Poetrey Slams, für alles ist Platz. Unter dem Motto "Sichtbar machen" sollen vor allem Künstlerinnen und Künstler aus der Region die Möglichkeit bekommen, endlich wieder vor Publikum auftreten zu können.

Gefördert wird das Open-Air-Projekt vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Den Machern kommt zudem zugute, dass sie bereits Erfahrung sammeln konnten mit einem Event zu Pandemie-Zeiten: Sogar 2020 konnten sie ihre Sommerwerft in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt durchführen.

Antagon Theater

15.000 Besucher an insgesamt elf Tagen - damit stemmte "Antagon" im vergangenen Corona-Sommer das größte Kulturevent Hessens. Der künstlerische Leiter Bub ist sichtlich stolz, wenn er sagt: "Wir haben das mit einem sehr kreativen, safen Konzept gemacht. Und deswegen gab es dann hinterher auch keine Ansteckungen." Damit es auch in diesem Jahr sicher für alle ist, soll es sogar ein eigenes Testzentrum auf dem Festivalgelände an der Weseler Werft geben.

"Wie in jedem anderen Theater"

Apropos Theater: Auch wenn man vor lauter Heimwerker-Projekten und Campingplatz-Atmosphäre bisweilen vergisst, dass "Antagon" ein Theaterensemble ist - ein Probenraum darf hier natürlich nicht fehlen. "Das haben wir alles in eine alte Speditions-Lagerhalle gebaut", sagt Bub.

Im Moment ist der große Raum schwarz abgehängt, am Vortag gab es eine Vorführung, erklärt er. "Hier hängt normalerweise wie in jedem anderen Theater der Himmel voll mit Scheinwerfern. Wir können auch eine Tribüne für 200, 300 Zuschauer einbauen."

Und auch sonst fehlt es an nichts, was ein klassisches Theater ausmacht: Unter dem Probenraum, im Keller, befinden sich Studios, Werkstätten, eine gut gefüllte Requisite und der Fundus.

Antagon Theater

Mehr als nur eine Arbeitsgemeinschaft

Eines ist dann aber doch anders: "Antagon", das ist für die Ensemble-Mitglieder auch irgendwie Familie, sagt Schauspieler und Dach-Experte Lucas Tanajura. "Wenn Leute zu unseren Performances kommen, sehen sie, dass wir diese Intimität haben. Es ist auf der Bühne sichtbar, dass wir eine Verbindung haben, weil wir zusammenleben. Wir bringen diesen Geist von Gemeinschaft auch auf die Bühne."

Kultur und Gemeinschaft - damit dürfte "Antagon" seinem Publikum etwas bieten, wonach sich zu Pandemie-Zeiten viele sehnen.

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