Wolfram Koch

Am Sonntag ermittelt Wolfram Koch wieder als Kommissar Brix, "Die Guten und die Bösen" heißt der neue hr-Tatort. Im Interview mit hessenschau.de verrät der Schauspieler, warum er die Corona-Krise noch nicht als belastend empfindet, sich aber trotzdem über das Verhalten der Theater in Frankfurt geärgert hat.

Im Frankfurt-Tatort "Die Guten und die Bösen" werden Anna Janneke und Paul Brix nach einer durchzechten Nacht schwer verkatert zu einem Tatort gerufen: Ein Mann wurde in einer einsamen Waldhütte offenbar gefoltert und ermordet. Zu ihrer Verwunderung legt Polizeihauptmeister Ansgar Matzerath noch am Ort des Verbrechens ein Geständnis ab. Das Wertesystem der Kommissare wird erschüttert. Ein Tatort, der unheimlich gut in die Zeit passt, sagt Brix-Darsteller Wolfram Koch im Interview (moderate Spoiler am Ende des Interviews, d.Red.).

hessenschau.de: Herr Koch, Sie arbeiten seit über 20 Jahren freiberuflich. Welche Folgen haben die aktuellen Beschränkungen für Sie?

Wolfram Koch: Eine Folge ist natürlich, dass mir sämtliche Aufträge weggebrochen sind. Einige Theater verhalten sich sehr solidarisch und zahlen den freischaffenden Schauspielern die volle Entschädigung. Bei einigen Theatern muss man etwas kämpfen. Die würden einem am liebsten ein kleines Butterbrot hinwerfen. Auch die anderen Jobs entfallen, wie der Tatort, der im Mai gedreht werden sollte. Dafür gibt es eine Entschädigung, aber das ist natürlich nicht die volle Summe. Das ist die negative Seite. Auf der anderen Seite empfinde ich die Zeit als sehr angenehm.

hessenschau.de: Inwiefern?

Koch: Ich bin ja ziemlich viel auf Reisen und ich war lange nicht mehr so lange am Stück zu Hause. Wir gehen uns überhaupt nicht auf die Nerven! Wir haben renoviert (lacht). Wir haben das Wohnzimmer gestrichen, mit Stuckdecke, den Flur, ich habe fünf Fahrräder repariert, ich habe die Steuer von 2019 gemacht, ich koche viel, ich glaube, wir haben alle schon etwas zugenommen, wir gehen viel in den Wald.

Wenn es nicht so einen ernsten Hintergrund hätte, wäre es eine richtig angenehme Zeit. Ich möchte natürlich nicht, dass es ewig geht. Spätestens im Herbst würde es sehr hart werden für die freischaffenden Schauspieler. Aber als bedrückend empfinde ich die Situation aktuell nicht.

hessenschau.de: Sie hadern also nicht mit der freischaffenden Tätigkeit? Sie waren ja auch mal festes Ensemblemitglied.

Koch: Ach, das ist lange her. Das habe ich mir so gewählt, weil ich dadurch den Luxus habe, das zu machen, wozu ich Lust habe.

hessenschau.de: Sie sagten, einige Theater verhalten sich nicht sehr solidarisch. Außerdem profitieren Künstler in Hessen kaum von den staatlichen Soforthilfen. Engagieren Sie sich deshalb für die Crowdfunding-Initiative "KulturzeiterIn"?

Koch: Die Initiative hat in kurzer Zeit wohl schon 30.000 Euro gesammelt, was ich super finde. Aber das ist eine Privatinitiative. Von offizieller Seite lässt die Unterstützung teilweise sehr zu wünschen übrig. Die Theater in Frankfurt, die an die Oper gekoppelt sind, wollten den freischaffenden Schauspielern für alle ausgefallenen Vorstellungen nur zwei bezahlen, à 500 Euro. Das wären am Ende netto 600 Euro, wovon sie wer weiß wie lange leben müssten.

Das fand ich ein Tritt in den Hintern. Ich habe deswegen einen Brief an Kulturdezernentin Hartwig geschrieben, so dass wir jetzt immerhin 50 Prozent der Abendgage kriegen. Die Probenpauschale für Gastschauspieler wird immerhin zu 100 Prozent bezahlt.

hessenschau.de: Wie sieht das bei anderen Theatern aus?

Koch: Ich spiele auch am Deutschen Theater in Berlin. Die sagen sich: Unsere Gastschauspieler gehören zu uns wie die festen Ensemblemitglieder. Deswegen bekommen die Gäste 100 Prozent bezahlt. Wir Schauspieler wollen ja keinen großen Reibach machen, aber wir wollen, dass man fair mit uns umgeht. Ich weiß, dass ich persönlich auf hohem Niveau klage, aber auch mir fallen gerade sehr sehr viele Jobs weg, von denen ich sonst lebe. Das geht eine Weile gut, aber nicht ewig.

hessenschau.de: Am Sonntag sind Sie in einem Frankfurt-Tatort zu sehen, der lange vor der Corona-Krise gedreht wurde und doch fast schon prophetisch wirkt: Er ist melancholisch, skurril, im Kommissariat herrscht eine gewisse Endzeitstimmung.

Tatort Set-Termin "Die Guten und die Bösen"

Koch: Erstaunlich, oder? Das ging uns neulich beim Gucken genauso. Der Tatort passt unglaublich in die Zeit. Das Präsidium wird renoviert, die Büros sind quasi Unorte. Und trotzdem finden sich die Kollegen und reden mal Tacheles: Was machen wir hier eigentlich? Wie sinnvoll ist Polizeiarbeit? Was ist Schuld? Was ist gut, was böse?

hessenschau.de: Mit dabei, in einer ihrer letzten Rollen, Hannelore Elsner. Sie verstarb kurz nach dem Dreh.

Koch: Eine tolle Kollegin, die ich sehr lange kannte. Wir mochten uns sehr und haben immer unheimlich viel Spaß gehabt. Sie hat sich sehr sehr wohl gefühlt am Set, war hochprofessionell - und keiner wusste, dass sie so schwer krank war.

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zum Video Letzter Elsner-Tatort aus Frankfurt

hsk
Ende des Videobeitrags

hessenschau.de: Dabei wirkt sie sehr zerbrechlich.

Koch: Sie war natürlich auch schon 76, eine ältere Dame also. Aber natürlich, im Nachhinein meint man zu erkennen, dass sie sehr zerbrechlich war.

hessenschau.de: Der Tatort ist wieder einmal kein klassischer Krimi. Der Täter ist früh bekannt, es geht um Sinnfragen. Er dürfte wieder geliebt oder gehasst werden.

Koch: Ach, man muss mal wieder die Spielfilm-Redaktion vom Hessischen Rundfunk loben. Die damalige Leiterin, Liane Jessen, hatte die Idee, einen Tatort fast ausschließlich in den Räumen des ehemaligen Neckermann-Gebäudes zu machen. Am liebsten hätte sie gehabt, dass die Kommissare den ganzen Abend am Tisch sitzen und nur reden. Das war der Grundgedanke.

Dann haben sich Regisseurin Petra K. Wagner und Autor David Ungureit zwei Tage dort eingeschlossen und diesen Film entwickelt. Gute Ideen haben ja viele, aber der Hessische Rundfunk sagt am Ende: Wir machen das einfach.

Ja, ein Tatort kann auch in die Hose gehen. Wenn man etwas wagt, dann kann man auch mit Vollgas gegen die Wand fahren. Aber man will ja polarisieren und nicht allen gefallen. Man will einfach hinter dem stehen, was man macht.

Weitere Informationen

Wolfram Koch...

...wurde am 10. Februar 1962 in Paris geboren. Seit Teenagertagen steht er auf der Bühne. Sein Schauspielstudium absolvierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Seitdem ist er hauptsächlich als Theaterschauspieler aktiv. 2015 erhielt er den Gertrud-Eysoldt-Ring gemeinsam mit Samuel Finzi für ihre Darstellung als Estragon und Wladimir im Drama "Warten auf Godot" am Deutschen Theater Berlin.

Daneben trat Koch aber auch immer wieder in Film und Fernsehen auf, so auch in der Netflix-Serie "Dark". Seit 2015 ermittelt er als Kriminalhauptkommissar Paul Brix gemeinsam mit Margarita Broich im Frankfurt-Tatort des Hessischen Rundfunks.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 17.04.2020, 16.45 Uhr