Laura Cazés

In wenigen Tagen feiert das Jüdische Museum in Frankfurt Wiedereröffnung. Es widmet sich auch der Frage nach dem Heute. Die Feministin Laura Cazés und der Gastronom James Ardinast erzählen, was es bedeutet, hier als Deutsche mit jüdischen Wurzeln zu leben.

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zum hr-fernsehen.de Video Jung, jüdisch, unorthodox – Frankfurt als Heimat

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Laura Cazés ist Frankfurterin. Doch ein festes Gefühl von Heimat hat sie nicht. Ihr Vater ist jüdischer Argentinier, ihre Mutter wuchs als Jüdin polnischer Herkunft in Bayern auf. Cazés ist Jüdin, aber das allein macht sie nicht aus. "Meine Sozialisierung haben viele Dinge geprägt, das Judentum ist ein großer und wichtiger Teil davon", sagt die 30-Jährige. "Gleichzeitig hat es natürlich mit meiner jüdischen Identität zu tun, dass der Begriff Heimat nicht ganz unbelastet ist."

Warum das so ist, ist zum Beispiel am Frankfurter Börneplatz zu sehen. Hier stand die Synagoge, die 1938 während des November-Pogroms verwüstet wurde. Heute erinnert eine Gedenkstatte an die über 11.000 bekannten Frankfurter, die im Nationalsozialismus umgebracht wurden. Auch diese Kulisse bildet noch heute den Hintergrund für jüdisches Leben in Frankfurt.

"Hast du Familie in Israel?"

"Es geht nie nur um Religion oder Kultur, wenn man gefragt wird: Ah, bist Du Jüdin?", berichtet Laura Cazés. "Gemeint ist damit: "Hattest Du Familie, die im Holocaust umgekommen ist? Hast Du Familie in Israel? Bist Du überhaupt deutsch? Das sind die Fragen, die im Subtext mitschwingen, wenn man gefragt wird, ob man jüdisch ist." Auch die Assoziation mit dem Nahostkonflikt sei immer präsent.

Cazés war auf einer jüdischen Grundschule, Polizeischutz war hier normal. Auf ihrem Gymnasium, der Elisabethenschule, gab es dann viele Religionen und Nationalitäten - wie das in Frankfurt üblich ist.

"Immer auf gepackten Koffern"

Auch Gastronom James Ardinast ist Frankfurter, auch er war auf der Elisabethenschule. Er findet es anstrengend, nur in die Schublade "jüdisch" gesteckt zu werden. Eine Rolle spielt es für seine Identität trotzdem.

James und David Ardinast

Seine Großeltern haben den Holocaust überlebt. "Wir sind als Juden in Deutschland groß geworden, eigentlich immer auf gepackten Koffern", erzählt der 48-Jährige. Obwohl seine Großeltern nach dem Krieg in Deutschland blieben, sei es ihnen immer wichtig gewesen, dass ihre Enkel aus Deutschland rauskommen. "Mein Bruder war in England, ich habe in Amerika studiert, aber wir sind beide zurückgekommen", sagt er. "Inzwischen sind wir nicht mehr Juden in Deutschland, sondern Deutsche mit jüdischen Wurzeln."

Jüdisches Leben in Frankfurt zu Hause

Frankfurter kennen James Ardinast und seinen Bruder David vor allem, weil sie die Gastronomie- und Ausgehkultur der Stadt mit vielen Restaurants im Bahnhofsviertel bereichern. Da ist zum Beispiel das "Stanley Diamond", ein exklusives Restaurant mit Fischgerichten in der Ottostraße, oder die "Bar Shuka" in der Niddastraße, wo es moderne israelische Küche gibt - wie etwa Jerusalem-Kebab, speziell zubereiteter Blumenkohl oder Tahina-Eiscreme.

Ardinast glaubt, dass sich jüdisches Leben in Deutschland immer weiter entfaltet und Juden sich wohl fühlen, auch wenn Antisemitismus präsenter denn je sei.

"Geschichte selbst schreiben"

Laura Cazés arbeitet für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Die 30-Jährige hat mit vielen jungen Menschen zu tun und eine Veränderung von der ersten zur der dritten Generation bemerkt. Diese werde vor allem im künstlerischen Kontext sichtbar, in Büchern von Max Czollek beispielsweise, aber auch in Filmen wie "Masel Tov Cocktail" des jungen Filmemachers Arkadij Khaet.

"Junge jüdische Menschen wollen ihre Geschichten selbst schreiben und ein diverseres Bild von jüdischem Leben in Deutschland vermitteln", sagt Laura Cazés. "Sie wollen nicht mehr nur Projektionsfläche oder lebendes Mahnmal der Geschichte sein."

"Jetzt erst recht"

Und doch gibt es ihn noch, den Antisemitismus: So verübte am 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, ein mutmaßlich rechtsextremer Täter einen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Das habe ihn tagelang beschäftigt, erzählt James Ardinast. "Trotzdem hat es mich nicht dazu bewegt, darüber nachzudenken, ob ich in Deutschland noch eine Zukunft habe" sagt er. "Da kommt dann eher so ein Gefühl des 'Jetzt erst recht'."

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Wiedereröffnung des Jüdischen Museums

Nach mehrjähriger Sanierung feiert das Jüdische Museum Frankfurt am 21. Oktober seine Wiedereröffnung. In einem Erweiterungsbau ist dann Platz für Sonderausstellungen. Im Rothschildpalais ist ein neu konzipierter Streifzug durch die jüdische Geschichte Frankfurts zu sehen.

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Laura Cazés glaubt, dass es ein selektives Interesse an der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gibt: "Einerseits herrscht ein mehrheitsgesellschaftliches Gefühl vor, dass jetzt alles, was sich um die Shoah dreht, schon langsam durchgekaut sei. Gleichzeitig gibt es sehr wenig Wissen über die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland heute. Es muss immer erst etwas Schlimmes wie ein antisemitischer Übergriff passieren, damit wieder eine starke Aufmerksamkeit auf die jüdische Gemeinschaft gerichtet wird."

Dabei ist klar, dass es so viel mehr zu entdecken gibt: eine besondere Esskultur, Gemeinschaft, Musik, Tradition. Modernes jüdisches Leben, wie es Laura Cazés und James Ardinast kennen.

Sendung: hr-fernsehen, hauptsache kultur, 01.10.2020, 22.50 Uhr