Collage aus Strandszene - Dennis Siering bückt sich, um etwas aus dem Sand aufzuheben, daneben: Synthetic Stone Nor. 87

Mikroplastik, das kennt man - und eigentlich will der Frankfurter Künstler Dennis Siering auch dazu recherchieren. Doch dann stößt er bei seiner Suche am Strand auf vermeintliche Steine: Pyroplastik. Und ist fasziniert.

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Audioseite Pyroplastik - die falschen Problemsteine

Künstler Dennis Siering auf einer seiner Reisen
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Als Dennis Siering den Stein am baskischen Strand in Frankreich aufhebt, ist er irritiert: Der Stein ist viel zu leicht! Der Künstler aus Frankfurt hat da bereits eine Befürchtung. Denn er recherchiert im vergangenen Jahr eigentlich zum Thema Mikroplastik. 

Er holt sein Feuerzeug aus der Tasche und hält die Flamme an den Stein. Und tatsächlich: Es stinkt nach verbranntem Plastik. Siering legt den vermeintlichen Stein aufs Wasser, und er ist so leicht, dass er an der Wasseroberfläche treibt.  

Das Phänomen Pyroplastik

Siering beginnt im Netz zu recherchieren und stößt auf einen Wissenschaftler in Cornwall, der sich mit ähnlichen Funden auseinandersetzt. Der Professor für Meeres- und Umwelt-Biogeochemie an der Plymouth-Universität hat einige Monate vor Sierings Fund einen Artikel zu einem Phänomen publiziert, das er "Pyroplastik" nennt.

Dabei handelt es sich um Plastikmüll, der sich durch einen Verbrennungsprozess verformt hat und ins Meer gelangt ist. Dort waren die Plastikteile mehrere Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt, bis sie sich optisch nicht mehr von echten Steinen unterscheiden lassen. Manche von ihnen stammen aus den 1950er Jahren. 

Inszenierung als Konsumprodukte

Dennis Siering beschäftigt dieser Fund so sehr, dass er mit einem Grafikstudio, einem Filmer und einem Fotografen ein Internet-Projekt startet. Ihm geht es allerdings nicht nur um den künstlerischen Aspekt, und so holt er noch Natur- und Geisteswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen mit ins Boot.

Das Ergebnis ist eine Homepage, die wie eine Art Archiv funktioniert. Dort präsentiert Siering unterschiedliche Pyroplastik-Steine und inszeniert sie wie Konsumprodukte.

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zum Video Präsentation wie für ein Super-Produkt - aber es ist Müll

Ein Stück Pyroplastik
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Er zeigt die Fundstücke in 360-Grad-Drehungen, als wären es stylische Turnschuhe, in dramatischen Nahaufnahmen, auf einem schlichten und wirkungsvollen Hintergrund. Das führt die Objekte auch wieder ein Stück weit zu dem zurück, was sie einst waren.

Als Plastiktüten, Flaschen oder Folien waren sie ursprünglich auch Produkte. Auf manchen sieht man sogar noch Schriftzüge. "Sie sind wie stumme Zeugen von unserer Konsumgeschichte", sagt Siering. "Zeugen, die sich zunehmend in die planetaren Schichten einschreiben, überall auf der Welt."

Plastikmüll und andere Katastrophen

Seine Webseite ist nicht nur mit wissenschaftlichen Daten zu den Funden gefüttert. Siering lädt die Steine darüber hinaus auch mit Geschichten auf. Eine Sorte der synthetischen Steine tauft er "Deepwater Horizon". Die bestehen zwar nicht aus Plastik, sondern aus Erdölklumpen. Doch stehen sie optisch und in Sachen Schaden an der Umwelt dem Pyroplastik in nichts nach. Denn sie gelangen durch Ölkatastrophen in die Umwelt. 

Nicht ohne Grund bezeichnet der Frankfurter Künstler sie nach der Ölbohrplattform, die 2010 für die bisher größte Ölkatastrophe verantwortlich ist. Unter den verstörend schönen Bildern listet ein Algorithmus fortlaufend die Daten von Schiffsunglücken auf, bei denen Giftstoffe in die Umwelt gelangen.

Faszinierend schön - aber gefährlich

So ist das Internetprojekt eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Erzählung - das alles ästhetisch verpackt. Doch bei aller Schönheit handelt es sich bei dem Phänomen um eine weitere Gefahr für die Umwelt. Denn auch Pyroplastik zersetzt sich im Laufe der Zeit immer mehr und gelangt als Mikroplastik zum Beispiel in die Nahrungskette oder ist am Ende so klein, dass es eingeatmet werden kann. 

Dennis Siering

Es sei auch etwas gänzlich anderes, ob man einen Kanister habe, der angespült wird und den man ganz offensichtlich als Umweltverschmutzung erkennen kann. "Auf einmal hast du Materialien, die visuell nicht sichtbar sind. Wo du nicht mehr unterscheiden kannst, ob das ein Stein ist oder nicht", sagt Siering. Das erschwere es der Wissenschaft, zu untersuchen, wie es tatsächlich um unsere Meere und Strände stehe - denn niemand erkennt die synthetischen Steine auf den ersten Blick. Forscher haben aber schon herausgefunden, dass Pyroplastik zum Teil Schwermetalle enthält und Umweltgifte bindet.  

Was die Objekte für Dennis Siering so faszinierend macht, ist die Ambivalenz, die in ihnen steckt. Sie zeigten die Umweltverschmutzung auf eine "total grausame" aber auch "unglaublich ästhetische" Art und Weise. "Die synthetischen Steine sind Symbole einer Welt, in der Natur und Kultur miteinander unlösbar verwoben sind und sich somit nicht mehr getrennt voneinander denken lassen." 

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