Zeichnung Frau geht durch Wilhelmstraße in Wiesbaden

"Café Engel" heißen zwei Romane der Autorin Marie Lamballe. Sie spielen im Wiesbaden der Nachkriegszeit. Im Interview spricht die Autorin über ihre Recherchen und darüber, warum sie unter mehr als einem Pseudonym veröffentlicht.

Videobeitrag

Video

zum Video Marie Lamballe liest aus Café Engel: Der Tag, an dem Hitler nach Wiesbaden kam

Frau schaut in Kamera
Ende des Videobeitrags

Marie Lamballes Roman über das "Café Engel" beginnt nach dem letzten Bombenangriff auf Wiesbaden. Das Café in der Wilhelmstraße hat ihn unbeschadet überstanden. Jetzt steht der Neuanfang an. Seit Jahrzehnten hat die Familie Koch das Café geführt; ebenso lange war das Café Treffpunkt von Schauspielern, die am Staatstheater engagiert waren. Deren Fotografien pflastern die Wände des Cafés, darunter befinden sich auch solche, die in der NS-Zeit in Ungnade gefallen sind.

Tochter Hilde will das Café wieder in Betrieb nehmen - keine leichte Aufgabe angesichts von Zerstörung, Hunger, amerikanischer Besatzung, Lebensmittelmarken und Schwarzmarkt.

Geschichte in Rückblenden

In Rückblenden schildert die Autorin die Geschichte der Kochs: Vater Heinz, der, obwohl nicht mehr jung, eingezogen wurde und beinamputiert in Frankreich im Kriegsgefangenenlager ist, die beiden Söhne an der Front, von denen man nichts hört, Mutter Else und Tochter Hilde, die mehr schlecht als recht die NS-Zeit und den Krieg überleben und den gestrandeten Schauspielern immer noch eine Heimat bieten.

Da sind noch Untermieter in dem großen Haus: die ehemalige Kostümbildnerin des Staatstheaters Julia, die Jüdin ist und von der Familie versteckt wird. Addi, der früher so wunderbar den Don Giovanni gegeben hat. Jean-Jacques, der französische Zwangsarbeiter, dem sie zur Flucht verhelfen. Luisa, Nichte von Heinz Koch, aus Ostpreußen vertrieben, und die Russin Swetlana, die ein Kind von einem deutschen Soldaten hat. Aber da ist auch der stramme Nazi, der eine Wohnung im Haus zugewiesen bekommt, nachdem sein Haus ausgebombt wurde - eine explosive Mischung, vor allem, solange die Nazis noch an der Macht sind.

Herausgekommen ist gute Unterhaltungsliteraur: Die Serie "Café Engel" ist ein sorgfältig recherchiertes und spannend geschriebenes Porträt dieser Zeit und der Herausforderungen, mit denen sich die Menschen konfrontiert sahen. Ein Interview mit der Autorin über die Entstehung der Geschichte.

hessenschau.de: Sie verweben in der "Café Engel"-Serie die Geschichte einer Familie mit der Zeitgeschichte. Wie sind Sie darauf gekommen?

Marie Lamballe: Der Verlag Lübbe wollte von mir eine Familiengeschichte: Ich habe sie in Wiesbaden angesiedelt, weil ich die Stadt recht gut kenne. Meine Eltern waren als Schauspieler am Staatstheater engagiert. Sie erzählten immer von dem netten kleinen Café Lehmann gegenüber dem Theater. Sein Besitzer war ein Mensch, der die Künstler so empfangen hat wie ein Vater. Ein Café also, wo die Künstler beheimatet sind und wo ein Mensch ist, der das mit Herzenswärme und Liebe führt. Das war der Kern der Geschichte. Danach erfindet man die ganzen Figuren, die dazugehören.

hessenschau.de: Und wie erfinden Sie die Charaktere?

Lamballe: Im Grunde hatte ich erst Heinz Koch, der muss eine Ehefrau haben, Else. Die haben drei Kinder. Die zentrale Figur ist Tochter Hilde, um sie kreist das Universum des Cafés. Dann kommen die Leute vom Theater dazu und so entwickelt sich ein ganzer Kosmos. Ich schaffe keine absolut miesen oder glanzvollen Figuren. Jeder hat seine Ecken und Kanten. Es sind also normale Menschen wie wir alle. So erfindet man die Geschichten.

Buchcover Frau geht auf Straße entlang

hessenschau.de: Die Familie verhilft "ihrem" französischen Zwangsarbeiter zur Flucht. Gab es da Vorbilder?

Lamballe: Die Flucht ist tatsächlich passiert. Die Familie einer guten Freundin hatte einen französischen Zwangsarbeiter. Nachdem die Oma erfahren hatte, dass ihre Söhne gefallen waren, ist sie mit dem Zwangsarbeiter auf den Acker, hat eine Decke mitgenommen, hatte zuvor Lebensmittel versteckt, einen Rucksack, eine Liste von Freunden, wo er hingehen kann. Dann kam sie abends wieder und sagte: "Der Kerl ist mir fortgelaufen." Und weil das so eine liebe, gute alte Frau war, hat kein Mensch an der Geschichte gezweifelt. So etwas kann man natürlich toll verwenden.

hessenschau.de: Vater Heinz Koch landet im Kriegsgefangenenlager Attichy. Sie schildern die Lage dort sehr anschaulich. Wie haben Sie recherchiert?

Lamballe: Ich habe das Tagebuch meines Vaters benutzt. Er war dort inhaftiert und hat jedes Stückchen Papier, das er ergattern konnte, vollgeschrieben. Davon habe ich viel verwendet, habe es aber auch verglichen mit anderen Schilderungen aus diesem erst amerikanischen, dann französischen Lager. Da deckt sich manches Wort für Wort. Etwa, dass die Gefangenen durch das Spalier durch mussten. Da haben sie ihnen alles weggerissen, was sie hatten. Kaum einer hat es geschafft, nur die grundlegendsten Habseligkeiten zu behalten.

hessenschau.de: Sie schildern die Zeit nach dem Kriegsende so konkret, als seien Sie dabei gewesen - was es zu essen gab, wie man an Bohnenkaffee kommen konnte. Woher haben Sie diese Informationen?

Lamballe: Ich hatte Glück und ein ganz tolles Buch erwischt, das eine Mitarbeiterin des Hessischen Staatsarchivs herausgegeben hat über die Nachkriegszeit in Wiesbaden. Und da stand das alles gesammelt drin, die Proklamationen, die an den Wänden hingen. Die Lautsprecherwagen waren fotografiert, die Amis haben ja alles per Lautsprecher durchgegeben, und natürlich auch, wie die Lebensmittelrationen waren und wann besondere Knappheiten auftraten.

Auch wie die Amerikaner sich mit den Deutschen verständigt haben. Erst durften sie das ja gar nicht und dann weichte das so langsam auf. Dass die ihre eigenen Bars und Clubs hatten. Deutsche Frauen haben sie gerne reingelassen, mit den Männern war es anders. Dass die Kinder und viele Leute hingegangen sind zu den Müllhalden der Amerikaner. Was die da weggeschmissen haben, das haben die sich noch geholt und gegessen. Viele Details, die das Buch bereichern, habe ich da verwenden können.

hessenschau.de: Wird es mit den Kochs weitergehen?

Lamballe: Band 3 habe ich gerade fertig gemacht, er erscheint im Januar 2020. Er spielt hauptsächlich 1959. Ich weiß nicht, ob noch ein vierter folgen soll. Ich habe noch zwei Verträge beim Verlag und wir gucken, was wir da machen.

hessenschau.de: Sie schreiben für andere Verlage unter anderen Namen. Warum gibt man sich immer andere Namen? Ist das eine Forderung der Verlage?

Lamballe: Nur ganz wenige schaffen es, den eigenen Namen zu behalten. Ich heiße ja eigentlich Hilke Sellnick. Im Prinzip wünschen die Verlage einen Namen, der zur Geschichte passt. Das ist hilfreich, wenn man zwischendurch mal einen Flop schreibt. Dann kriege ich ein neues Pseudonym von meinem Verlag, weil die wissen, dass ich schreiben kann, und es geht weiter. Ich bin auch nicht so furchtbar eitel. Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen. Ich schreibe gerne und ich freue mich, dass ich inzwischen sehr gut davon leben kann.

Das Interview führte Nicole Bothof.