Anne Franks Tagebuch: Zwei verklebte Seiten entziffert
Aus Anne Franks Tagebuch wurden nun zwei verklebte Seiten entziffert. Bild © picture-alliance/dpa

Zwei Seiten des weltberühmten Tagebuchs von Anne Frank sind verklebt und waren bislang unlesbar. Nun haben Experten die Zeilen mit anrüchigen Witzen aus der Hand des jüdischen Teenagers aus Frankfurt entziffert.

Dickes braunes und zugeschnittenes Packpapier klebt auf den Seiten 78 und 79 des Original-Tagebuchs von Anne Frank. Versteckt wurden damit - wahrscheinlich von ihr selbst - die Einträge vom 28. September 1942. Die damals 13 Jahre alte Frankfurterin versteckte sich damals schon mit ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nationalsozialisten.

Mehr als 70 Jahre lang blieb verborgen, was Anne Frank in dem rotkarierten Büchlein auf den beiden Seiten notiert hatte. Die Amsterdamer Anne Frank Stiftung präsentierte nun die Zeilen, die dank digitaler Fototechnik lesbar gemacht werden konnten.

Zoten und eine Passage über Sexualität

Notiert hatte Anne Frank dort zotige Witze, die man sich damals im Weltkriegsalltag erzählte ("Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten."), sowie eine Passage über Sexualität.

Die Anne Frank Stiftung habe lange mit der Entscheidung gezögert, ob sie die überklebten Passagen überhaupt veröffentlichen solle, sagte Stiftungs-Direktor Ronald Leopold. "Anne Frank ist weltweit zu einer Ikone geworden", sagte er. "Ihr Tagebuch gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Wir fanden, dass alle Texte dokumentiert werden mussten."

In der neuen für 2019 geplanten wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebücher sollen die Passagen mit aufgenommen werden.

"Anne Frank ging sehr bewusst ihrem Tagebuch um"

Ein Geheimnis bleibt aber, warum die Seiten überhaupt verklebt wurden. Über Sexualität schreibt Anne Frank schließlich auch an anderer Stelle. "Die nun entzifferten Zeilen zeigen sie nicht nur als gewöhnliches pubertierendes Mädchen, sondern auch als angehende Schriftstellerin", sagt Céline Wendelgaß von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank. "Dass die Seiten nachträglich zugeklebt wurden, zeigt ja, dass Anne Frank sehr bewusst mit ihrem Tagebuch umging."

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"Anne Frank. Morgen mehr"

Das neue "Lernlabor" wird am Anne Frank-Tag der Stadt Frankfurt (12. Juni) in der Bildungsstätte Anne Frank eröffnet.

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Dem Mädchen müsse klar gewesen sein, dass jemand das Tagebuch entdecken und lesen könnte. "Das war schon alles sehr durchdacht, was sie gemacht hat. Und das ist für ihr Alter erstaunlich", findet Wendelgaß. Diesen Aspekt wolle die Bildungsstätte in ihrem neuen Lernlabor "Anne Frank. Morgen mehr" aufgreifen und mit einfließen lassen.

Die Entschlüsselung der verborgenen Seiten mache aber auch deutlich, so Wendelgaß, dass Anne Franks Geschichte stets lebendig bleibe: "Schließlich kann immer wieder was auftauchen und einen anderen Blick auf das Mädchen ermöglichen."

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Anne Frank

Geboren wurde Anne Frank am 12. Juni 1929 in Frankfurt. Im Februar 1934 wanderte sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester Margot nach Amsterdam aus, wo die Familie im Juli 1942 untertauchte. Am 4. August 1944 wurde die Familie verhaftet und wenig später deportiert. Anne Frank starb vermutlich Anfang März im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr Vater Otto Frank überlebte den Holocaust als Einziger aus der Familie und veröffentlichte später das Tagebuch seiner Tochter.

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