Die Auschwitz-Überlebende Trude Simonsohn bei der Verleihung des Ehrenbürgerrechts am 16.10.2016 in Frankfurt am Main

Trude Simonsohn überlebt zwei KZs, die Nazis ermorden ihre Eltern und doch setzt sie sich unermüdlich für Versöhnung ein. Zu ihrem 100. Geburtstag blicken wir zurück auf das Leben der Frankfurter Ehrenbürgerin.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Trude Simonsohn blickt auf bewegte 100 Jahre zurück

Besuch bei Trude Simonsohn 13.07.2018
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Zu jedem Unrecht Nein sagen - das ist das Leitmotiv von Trude Simonsohn. Geboren am 25. März 1921 in Olmütz in der damaligen Tschechoslowakei, geht die junge Jüdin aus liberalem Elternhaus nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 in den Widerstand. Sie organisiert die Flucht von Juden aus dem Deutschen Reich nach Palästina.

1942 wird sie verhaftet. Sie muss ins Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie ihren späteren Ehemann Berthold Simonsohn kennenlernt. Sie blickt dem Tod Dutzende Male in die Augen. Und überlebt doch.

"Sie haben uns nicht brechen können"

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Im KZ Theresienstadt, in dem sich auch ihre Mutter befindet, sterben zeitweise bis zu 100 Menschen täglich. Unter den Gefangenen sind viele Kinder. Mit anderen Gefangenen, darunter auch viele Künstler, organisiert Simonsohn Unterricht für sie. Das sei überlebenswichtig gewesen, sagt sie später, "denn so lange Sie Kultur schaffen oder genießen können, bleiben Sie Mensch. Sie haben uns nicht brechen können."

1944 wird sie ins Vernichtungslager Auschwitz verfrachtet. Sie erinnert sich an den Arzt Joseph Mengele und die hämischen Blicke der deutschen Soldaten. "Das war ganz furchtbar. Tage- und nächtelang mussten wir durch den Kordon der SS", erzählt sie.

Die Kultur hilft zu überleben

Irgendwann aber brechen Simonsohns Erinnerungen ab. Rückblickend nennt sie die Lücke in ihren Erinnerungen "eine Ohnmacht der Seele". Das Schicksal solle einem nicht so viel aufhalsen, wie man aushalten kann, schreibt sie in ihrer Autobiografie.

Simonsohn und ihr Mann überleben den Holocaust. Bis heute wisse sie nicht, "wie wir das geschafft haben. Aber die Kultur hat uns dabei sehr, sehr geholfen". Nach dem Krieg hilft sie in der Schweiz Überlebenden und Traumatisierten.

Frankfurt wird ihre neue Heimat

1955 zieht sie mit ihrem Mann nach Frankfurt, wo sie als erste Frau den Vorsitz der jüdischen Gemeinde übernimmt. Sehr schnell macht sich bei ihr aber auch Enttäuschung breit, denn im Nachkriegsdeutschland sitzen Nazis bald wieder auf hohem Posten in Staat und Justiz. Trude Simonsohn macht das wütend. Ihre Antwort: aufklären und erinnern.

Trude Simonsohn

Simonsohn baut die jüdische Gemeinde neu auf, kümmert sich um Sozialarbeit und Erziehungsfragen. In den 1980er Jahren geht sie an Schulen und erzählt von ihren Erfahrungen: vom Morden und der Grausamkeit im KZ, von der Solidarität im Lageralltag, aber auch von Deutschen, die lügen, um sie und andere Gefangene zu schützen. 2016 erhält sie für ihren Verdienst um Frankfurt als erste Frau die Ehrenbürgerschaft der Stadt.

Erinnern, nicht anklagen

Die Erinnerungen von Simonsohn sind differenziert. Nie schwarz-weiß. Auf die Frage, sie müsse die Deutschen doch hassen, antwortet sie: "Ich habe kein Talent zum Hassen." Die Überlebende erzählt von den wichtigen Zwischentönen und gleichzeitig weiß sie doch: Für heutige Kinder und Jugendliche ist die Zeit ihres Schicksals weit weg und fremd. Umso wichtiger ist es für sie, zu erinnern und aufzuklären.

Trude Simonsohn blickt auf sehr bewegte 100 Jahren zurück. Eine unglaubliche, fast übermenschliche Biografie. Simonsohn fordert uns alle auf, Menschlichkeit zu zeigen und Nein zu sagen, wo sie verweigert wird. Der 100-Jährigen ist Eitelkeit völlig fremd. Ihre ruhige und mitfühlende Art machen sie zu einer wichtigen Zeitzeugin der dunkelsten Epoche Europas - bis heute.

Sendung: hr2-kultur, Am Morgen, 25.03.2021, 07.15 Uhr