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Lesen und darüber reden: In Corona-Zeiten liegen digitale Buchclubs auf den unterschiedlichsten Plattformen im Trend. Leseratten lieben die lockere Atmosphäre.

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Audioseite Vera Illig hat einen digitalen Buchclub ins Leben gerufen

Vera hat einen digitalen Buchclub gegründet
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Eigentlich suchte Vera Illig nach einem Zeitvertreib für den Sommer. Wegen der Corona-Pandemie war die 31-jährige Grundschullehrerin aus Darmstadt im vergangenen Jahr gezwungen, ihren gesamten Urlaub zu Hause zu verbringen. Also gründete sie zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Anna den "Sommerbuchclub im Herrngarten".

Auf der Plattform "Meetup" registrierten sie sich und luden andere Lesefans ein, zu ihnen in den Park zu kommen - jeden zweiten Sonntag, ganz analog, mit Picknickdecke und Snacks. Jeder durfte kommen und ein Buch vorstellen. Thema: egal. Vera Illig zum Beispiel interessiert sich für Bücher über Lebenshilfe. Aber auch Krimis, Jugend- oder Kinderbücher, selbst verrückte Sachbücher über Epigenetik werden vorgestellt, sagt Mitgründerin Anna Pfannerstill. Auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht so gut Deutsch sprächen, seien dabei gewesen.

Corona verstärkt das digitale Interesse

Genau diese Vielfalt inspirierte die beiden Darmstädterinnen. Und als der Herbst kam und die Picknicksaison in den zweiten Lockdown mündete, war das Interesse weiter so groß, dass die beiden Frauen ins Digitale wanderten. Seitdem heißt der "Sommerbuchclub im Herrngarten" nur "Buchclub in Darmstadt" - auch wenn von den 160 Mitgliedern einige aus Mannheim, Koblenz und Köln kommen.

Natürlich seien nicht alle jeden Sonntag dabei. Das sei auch besser, um ins Gespräch zu kommen, schmunzelt Mitgründerin Anna Pfannerstill. Mit maximal 15 Teilnehmern mache es am meisten Spaß. Und es gehe sehr informell zu. "Am Anfang sind die Teilnehmer eher zurückhaltend und trauen sich nicht direkt, ihr Buch vorzustellen, aber es wird nach und nach immer lockerer und wir lachen viel", sagt Vera Illig, die tagsüber an der Albert-Schweitzer-Schule in Langen unterrichtet.

Mainstream und Nischenthemen

Leonard Fischer hat einen philosophischen Buchclub gegründet

Digitale Lesezirkel schießen gerade wie Pilze aus dem Boden - Corona sei Dank. Auf der Plattform Meetup finden sich hessische Buchclubs zu den unterschiedlichsten Bereichen, etwa Feminismus, Science Fiction oder Business. Leonard Fischer aus Frankfurt gründete seinen philosophischen Lesezirkel im August 2020 - ebenfalls wegen Corona.

Angefangen hat es mit einem informellen Chat am Rechner mit einer Freundin, dann aber registrierte er sich auf Meetup als "Philosophischer Lesezirkel". Immer mehr Interessierte meldeten sich an. Gelesen werden literarische Texte von Kafka und Camus genauso wie philosophische Texte über normative Ethik und Existenzialismus.

Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten ein abgeschlossenes Studium und seien zwischen 25 und 35 Jahre alt, sagt Leonard Fischer. Für sie hätte sich das digitale Format in Anbetracht der Tatsache, dass Treffen anders gar nicht möglich sind, gut bewährt. "Nichtsdestoweniger fände ich es schön, wenn auch Treffen vor Ort stattfinden können." Denn wegen des informellen Tons seien natürlich auch Freundschaften entstanden.

Buchempfehlungen auf allen digitalen Kanälen

Celina Brasch

Auch auf anderen Social-Media-Kanälen rücken Buchfans zusammen, sei es Tiktok, Instagram oder Facebook. Die 14-jährige Celina Brasch aus Bad Soden-Salmünster bloggt ihre Buchempfehlungen schon seit über drei Jahren.

Die Schülerin liest seit ihrem achten Lebensjahr. Schon bevor sie ihren Bücherblog bastelte, war sie zum Thema auf Instagram aktiv. "Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich einen eigenen Blog wollte, um noch ausführlicher über die Bücher zu berichten", erzählt sie. Dort stellt sie ihre Lieblingsbücher vor und ist mittlerweile so erfolgreich, dass Verlage ihr Bücher umsonst zuschicken, damit sie sie bespricht.

Buchclubs wollen Pandemie überdauern

Vera Illig vom Buchclub Darmstadt geht davon aus, dass die Clubs auch nach Corona bestehen bleiben. "Es wird definitiv mehr gelesen", findet sie. Die Motivation und die Lust am Lesen hätten zugenommen. Lesen sei für viele ein Rückzugsort geworden vom Alltag.

Und auch wenn viele Bücherfans am Anfang noch technische Probleme hätten, sich etwa ein geeignetes Mikrofon zu installieren, werde das die Entwicklung digitaler Buchclubs nicht aufhalten. Für Vera Illig sind die Vorteile nämlich ganz klar: "Schließlich können auch Menschen teilnehmen, die nicht in Darmstadt oder Langen wohnen." Man könne von zu Hause aus mit einer Tasse Tee oder ein paar Snacks teilnehmen. Wenigstens da habe die Corona-Pandemie auch mal eine positive Wirkung gehabt.

Sendung: hr2, 23.04.2021, 6.45 Uhr