Kutschfahrt durch das alte Frankfurt

Die Stadt hat eine neue Attraktion: eine virtuelle Zeitreise in das alte Frankfurt. Die Besucher sollen erleben, wie es dort vor rund 130 Jahren war. Ob das Konzept der Dauerausstellung überzeugt? Ein Erfahrungsbericht.

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zum Video Eine Reise ins alte Frankfurt

hs
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Ich schlendere durch die Frankfurter Innenstadt und schaue mir dabei viele Gebäude zum ersten Mal wirklich bewusst an. Besonders jene, die auch unschmeichelhaft "Bausünden" genannt werden und erst ab den 1950er-Jahren hinzugekommen sind. Was hat eigentlich früher mal an dieser Stelle gestanden? Früher - das heißt vor der massiven Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Um das zu erfahren werde in die Vergangenheit reisen, und zwar ins Jahr 1891.

Reporterin Antonia Troschke im Kolonialwarenladen

"Wir haben wieder eine Schippe draufgelegt"

Diese Möglichkeit verspricht zumindest eine neue Ausstellung in der Frankfurter Innenstadt. Der Veranstalter präsentiert eine geführte Zeitreise ins 19. Jahrhundert, bestehend aus zwei festen Ausstellungsräumen und einer Virtual-Reality-Kutschfahrt durch das alte Frankfurt. Auf die bin ich besonders gespannt, denn so richtig kann ich mir noch nichts darunter vorstellen. Doch bevor ich in die Vergangenheit reise, treffe ich Jonas Rothe, er hat die Firma Timeride gegründet, die die Zeitreise anbietet. Rothe ist sehr froh, dass es nun losgeht. Die Eröffnung in Frankfurt hat sich coronabedingt um drei Monate verschoben.

Frankfurt ist nach Köln, München, Dresden und Berlin der fünfte Standort. Jonas Rothe ist sichtlich stolz auf das Ergebnis. "Ich glaube, wir haben wieder eine kleine Schippe drauf gelegt von dem ganzen Zusammenspiel – Dekorationsbau und 3D-Welt – und ich freue mich, wenn wir jetzt endlich, endlich die Pforten öffnen können für die Besucher."

Kolonialwarenladen und Studierzimmer

Ich peile die erste Station der Ausstellung an. Es ist der Kolonialwarenladen des fiktiven Kaufmanns Theodor Riedel. Die Messingklingel schellt laut und ein Mann tritt aus der Tür. "Ei, gude Tach ihr Leut. Der Kolonialwarenladen Riedel heißt Sie willkommen." Die Geschichte um den Kaufmann Riedel soll der inhaltliche rote Faden dieser Zeitreise sein. Im Kolonialwarenladen brauche ich zunächst ein paar Minuten, um mir die vielen Details anzusehen. Sei es bei der originalgetreuen Ladeneinrichtung oder der präsentierten Ware: Süßholzstangen, getürmte Seifen, Knoblauchknollen, die von der Decke hängen, Schubladen voller Gewürze. Der Kolonialwarenladen-Verkäufer erklärt mir etwas zu den einzelnen Produkten und ich fühle mich in meine Kaufmannsladenzeit als Kind zurückversetzt.

Kolonialwarenladen

Der zweite Raum zeigt das Studierzimmer von Theodor Riedel. Auch hier besticht die liebevolle Aufbereitung des Zimmers. Über einen Beamer wird ein kurzer Film abgespielt und ich erfahre etwas mehr zur damaligen Zeitgeschichte. Informativ und schön illustriert, aber insgeheim warte ich nun doch ungeduldig auf die Virtual-Reality-Kutschfahrt, immerhin soll sie als Herzstück der Ausstellung sein.

Die Kutschfahrt bringt die perfekte Illusion

Und tatsächlich erwartet mich schon Benno, der Kutscher. Ein großer Mann im Gehrock - und mit Corona-Visier. Ein lustiger Bruch. Es ist dann halt doch 2020 und nicht 1891. Benno führt mich zu den historisch wirkenden Kutschen. Auf jedem Sitzplatz liegt eine VR-Brille. VR steht für Virtuelle Realität. Und das ist der eigentliche Zauber dieser Zeitreise. Ich ziehe die Brille auf und beim Tragen entsteht die Illusion einer dreidimensionalen Umgebung während der Kutschfahrt. Nein, wir fahren natürlich nicht wirklich, aber durch das animierte Video, das ich über die Brille sehe, die entsprechenden Geräusche und das elektrische Ruckeln der Kutsche, wirkt es tatsächlich so, als würde ich durch das alte Frankfurt im 19. Jahrhundert fahren. Das ist sehr realistisch, bei einer Szene am Mainufer meine ich tatsächlich, es bläst mir ein kühler Wind entgegen.

Virtuelle Kutschfahrt durch die Untermainanlage

Einiges erkenne ich wieder und anderes dafür so gar nicht. So sah mal Frankfurt aus?! Ich hänge an den Kostümen der Figuren, schnappe Gesprächsfetzen auf und beobachte das Handelsgeschäft. Der animierte Kutscher vor mir kommentiert während der Fahrt die Ereignisse rechts und links. Es gibt ständig etwas zu gucken. Bis zur letzten Sekunde. Gerade das Ende finde ich extrem packend.

Zurück aus der Vergangenheit - mein Fazit

Die Ausstellung ist sehr um Authentizität bemüht. Kleidung - abgesehen von der obligatorischen Corona-Maske - Ausstattung und Sprache sind an das 19. Jahrhundert angepasst. Zugegeben — ich konnte mich nicht direkt auf dieses Zeitreise-Schauspiel einzulassen, weil die Umsetzung zu Beginn auf mich etwas gestellt gewirkt hat. Doch es hat nicht lange gedauert und ich war total drin in der Vergangenheit. Die ersten beiden Räume waren ein guter Einstieg, um sich mit dem 19. Jahrhundert näher vertraut zu machen.

Weitere Informationen

Timeride Frankfurt
Berliner Straße 42a, 60311 Frankfurt
Ab 20.06.2020
Empfohlen ab 6 Jahren
Eintritt: 14,50/12,50 Euro

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Das Highlight für mich aber ganz klar: die Virtual-Reality-Kutschfahrt. Die hätte ich direkt danach nochmal anschauen können, weil ich beim ersten Mal bei weitem nicht alles erfassen konnte. Nach knapp 45 Minuten in der Ausstellung habe ich nun wirklich das Gefühl, das 19. Jahrhundert und die Frankfurter Innenstadt etwas besser zu kennen. Jetzt weiß ich mehr über meine Stadt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.06.2020, 19.30 Uhr