Bildkombo: Yvelle Gabriel und seine Fenster und der Thora-Schrein in der Synagoge
Der Maler und Glaskünstler Yvelle Gabriel hat die Synagoge im Sheba-Medical-Center bei Tel Aviv in Israel gestaltet. Bild © Yvelle Gabriel

Er ist Deutscher, er ist Christ - und er hat für eine orthodoxe Synagoge in Israel die Glasfenster und einen Thora-Schrein geschaffen. Im Interview erklärt der hessische Künstler Yvelle Gabriel, wie es dazu kam - und warum das Blau in dem Werk mehr als eine schöne Farbe ist.

Seine Kraft schöpft er zuhause in Hessen: Der Künstler Yvelle Gabriel lebt mit seiner Familie auf einer Hofreite in Gräveneck bei Weilburg an der Lahn. "Ruhig" sei es dort am "schönsten Fleckchen Erde der Welt". Und das sagt einer, der schon in Neuseeland, auf Lanzarote und La Palma gelebt hat.

Aus der hessischen Ruhe entfaltet der Maler und Glaskünstler Aktivität in der ganzen Welt, zuletzt in Israel. Für die Synagoge des Sheba-Medical-Center Tel Aviv, eines der größten Krankenhäuser des Landes, schuf er riesige Glasfenster mit religiösen Motiven und einen schwebenden Thora-Schrein. Warum er beim Stichwort Holocaust an Blumen denkt, warum Blau einen Sturm auslöst und wie er mit buntem Glas Brücken zwischen den Völkern und den Religionen bauen will, erzählt Yvelle Gabriel im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Wie sind Sie, deutscher Christ aus Hessen, an diesen Auftrag gekommen, die Glasfenster der Synagoge in einem der größten Krankenhäuser Israels zu bestücken?

Yvelle Gabriel: Ich habe 2010 Peter Maffay auf einer Tour begleitet, weil ich ein "Lebensbild" für ihn gemalt habe. Auf einer Gala lernte ich die PR-Managerin des Sheba-Krankenhauses in der Nähe von Tel Aviv kennen. Sie lud mich nach Israel ein, und das Krankenhaus hat mich sehr beeindruckt, denn es hatte eine sehr künstlerisch gestaltete Kinderstation. Als die interne Ausschreibung für die Gestaltung der hauseigenen Synagoge kam, hat die Klinik mich aufgefordert, mich zu beteiligen. Mein Entwurf hat dann den Direktor so überrascht und berührt, dass ich gewonnen habe.

 hessenschau.de: Was war die Idee zu Ihrer Arbeit, welche Motive haben sie gewählt?

Yvelle Gabriel: In der Synagoge wollte ich die Wissenschaft und Forschung in der Klinik mit dem Weg der Juden verbinden. Dabei habe ich versucht einzufangen und zu verdichten, was von der Überlieferung her die Essenz des jüdischen Volkes ist. Es gibt eine ziemlich gewagte Darstellung der Genesis in Pixeln, es gibt Atommodelle, eine Darstellung der zwölf Stämme und Motive bis ins neue Jerusalem und bis in die Zukunft hinein.

hessenschau.de: Als deutscher Christ bestücken Sie eine orthodoxe Synagoge mit Ihrer Kunst. Was hat sie inspiriert?

Yvelle Gabriel: Ich bin in Mainz geboren und getauft. Marc Chagall, einer der größten jüdischen Künstler, hat in den 1960er-Jahren die Kirchenfenster in der St. Stephankirche in Mainz gestaltet, obwohl er zuerst gesagt hat, "nach Nazideutschland setze ich keinen Fuß mehr". So wurde ein Zeichen gesetzt zwischen Christen und Juden. Mich haben diese Fenster schon als Kind und Jugendlichen beeindruckt.

hessenschau.de: Sie arbeiten sehr viel mit der Farbe Blau. Ist das eine Hommage an Chagall?

Yvelle Gabriel: Meine Malerei, besonders die Farben, waren auch früher schon stark von Marc Chagall beeinflusst. Jetzt ist der Bezug zu Chagall tatsächlich ganz eindeutig das Blau. Der hängende Thora-Schrein ist auch in dieser tragenden Farbe. Auch die Fenster auf dem Weg zur Frauenempore sind von diesem Kobaltblau in drei Tönen dominiert. Wir haben das von einer französischen Glashütte. Es ist das echte Chagall-Blau, das er auch in all seinen Arbeiten verwendet hat – natürlich auch in der St. Stephankirche in Mainz.

Kirche St. Stephan, Mainz
Blau leuchten die Fenster in der Kirche St. Stephan in Mainz, die Marc Chagall in den 1960er-Jahren geschaffen hat. Bild © picture-alliance/dpa

hessenschau.de: Wofür steht dieses Blau?

Yvelle Gabriel: Mein Blau in meiner Arbeit steht für das hebräische Wort "Ruach". Das ist das, was wir den heiligen Geist nennen, der Atem, der durch uns hindurch fließt. Das kann auch ein Sturm sein, der durch die Seele geht, erschüttert - oder das tiefe, blaue Wasser. "Ruach" ist bei den Juden tief in ihrer spirituellen Tradition verwurzelt. Im Jüdischen spricht man der Farbe Blau eine starke Kraft zu.

hessenschau.de: Welche Botschaft transportieren Sie mit ihrer Arbeit?

Yvelle Gabriel: Vergesst niemals den Holocaust! Auf gar keinen Fall. Aber pflanzt Blumen auf die Erinnerung und reicht Euch die Hände. Deutschland war sinnbildlich nach dem Krieg total verbrannt. Und noch heute ist es ja fast unvorstellbar, dass die Generation unserer Großväter und –mütter sechs Millionen Juden einfach umgebracht hat. Wir Deutschen sind gewiss ein Volk, das viel aufgearbeitet hat, schon in der Schule lernen das die Kinder. Aber die Wunden sind noch da. Ob das nun einer ist, der den Holocaust überlebt hat, oder ein Sohn oder ein Enkel, wir sind alle verschmolzen und leiden darunter. Gemeinsam kann man neu anfangen und sich die Hand reichen, obwohl diese Hand vielleicht tätowiert ist mit einer Nummer. Die Versöhnung, auch die innere Versöhnung ist das Wichtigste.

Sheba Medical Center Tel Aviv
Auch den Aufgang zum Frauentrakt der Klinik-Synagoge gestaltete Yvelle Gabriel mit blauen Glasfenstern. Bild © Yvelle Gabriel

hessenschau.de: Sie haben in Ramla in der Nähe von Tel Aviv jahrelang ihre Werkstatt gehabt. Wie und mit wem haben sie dort gearbeitet?

Yvelle Gabriel: Dort treffen Juden, Christen und Muslime auf wirklich einzigartige Weise zusammen: Wir haben zu dritt eine Gemeinschaftswerkstatt dort. Gilles Florent, ein Belgier, Glasmaler, dann der Metallkünstler Nihad Dabeet, ein arabischer Christ mit einer muslimischen, schwarzen Frau, und ich. Das Gebäude ist eine alte Templer-Station, geht also auf die Kreuzfahrer zurück. Es liegt genau zwischen einer französisch-christlichen Kirche und einer kleinen Moschee. Wir hörten ständig Glockenschläge und die Rufe des Muezzin. Das ist Wahnsinn, dieser Ort an sich ist schon irgendwie verrückt.

hessenschau.de: Was haben Sie an Problemen wahrgenommen?

Yvelle Gabriel: In Tel Aviv hört man täglich Explosionen, weiß um die Toten auf beiden Seiten. Ich hatte in Israel die intensivste Zeit meines Lebens, in einem paradoxen Land, das ich liebe, das aber kaum auszuhalten ist, wenn man aus dieser anderen, deutschen Kultur kommt. Es passieren traurige Sachen, die wir in Deutschland eher unvorstellbar finden. Direkt vor unserer Tür etwa hat ein Vater, ein arabischer Christ, seine 17 Jahre alte Tochter umbringen lassen. Das Mädchen hatte sich in einen Moslem verliebt und von dieser Liebe nicht abgelassen. Das hat der Vater nicht geduldet.

Alles ist so verdichtet und so angespannt, schon seit tausenden von Jahren. Wo alle zusammen kommen, auf friedliche Art, aber zugleich auf die größtmöglich kämpferische Art, die man sich vorstellen kann.

Das Gespräch führte Katrin Kimpel.