Milky Chance

Schwitzen und tanzen in der Menschenmenge vor der Bühne. Wie ist es, wieder Festival zu feiern? Wir waren beim "Andere Welt"-Festival bei Kassel.

Zwei Fahrgäste grübeln darüber, wie viele Dosen Ravioli oder Milchbrötchen wohl für vier Tage ausreichen. Der blaue Shuttlebus, in dem sie sitzen, lässt die grauen Fassaden von Kassel hinter sich und fährt an der Fulda entlang zur "Anderen Welt", einem Festival auf einer Halbinsel in Staufenberg. An der "Schleuse" strömen die Besuchenden aus dem Bus und treten den langen, matschigen Marsch durch den Wald an. Etwa 20 Minuten: bergauf, bergab. Holzschilder weisen den Weg. "Von dort oben hat man einen Überblick über die gesamte Insel. Ich denke, das wird den Menschen ein breites Grinsen auf die Lippen zaubern", sagt Organisator Patrick Schorn. Für ihn ist der Aussichtspunkt einer der schönsten Plätze auf dem Festivalgelände.

Schöner Blick ins Grün

Außer Regentropfen und Vogelgezwitscher ist noch nichts zu hören. An einem Bretterverschlag, mitten im Wald, wartet bereits eine Schlange an Besuchenden auf Einlass in die "Andere Welt". Den gelben Impfpass oder einen Genesenen-Nachweis in der einen, die Eintrittskarte in der anderen Hand. Zum ersten Mal wird das Gut Kragenhof in diesen vier Tagen zur Festivallocation. 2.000 Besuchende werden erwartet. Für Jakob, der als Volunteer auf dem Festival dabei ist, ein ungewohntes Gefühl: "Es ist toll, mal wieder auf einem Festival zu sein, so viele Menschen zu sehen. Wegen Corona fühlt sich das noch ganz komisch an." 

Nachhaltigkeit wird hier großgeschrieben

Versteckt im Grünen steht ein pinkfarbenes Sofa. Überall hängen Lichterketten. Teppiche liegen auf dem Boden. Mitten im Unterholz steht ein Himmelbett mit weißen Vorhängen. An jedes noch so kleine Detail wurde gedacht. Auf einer kleinen Lichtung hinter Ästen steht ein Haus. Es erinnert an einen alten Wild-West-Film. In großen Buchstaben steht "Barbershop" auf den Fenstern. Am Abend soll hier für die richtige Frisur und Tätowierungen gesorgt werden.

Auf insgesamt zwei Bühnen gibt es Indie, Elektro, Techno und Hip-Hop. Das Line-Up, also das genaue Programm, verraten die Organisator:innen nicht. Für eine Überraschung wird der Auftritt der Band Milky Chance am ersten Abend sorgen. Aber um die Musik allein gehe es nicht. Im Vordergrund stehe das Erlebnis mit der Natur. "Wir wünschen uns, dass das Festival ein Gefühl dafür hinterlässt, dass unsere Natur einzigartig ist und wir damit gut umgehen müssen, damit sie das weiterhin bleibt. Das ist nicht wie bei anderen Festivals, wo man vor allem wegen der Künstler:innen hingeht", erzählt Patrick Schorn.

"Ich habe richtig Bock auf dreckige Schuhe und Camping-Erlebnis"

Der Festival-Eintritt ist kostenlos. Die Tickets gelten aber nur in Verbindung mit einem Müllpfand-Ticket für 20 Euro. Beim Verlassen des Festivals werden diese gegen eine volle Mülltüte wieder ausbezahlt. "Wir haben gemerkt, dass die Leute nicht so sehr auf ein neues Festival anspringen, wie wir uns das erhofft haben. Ich glaube, dass der Festivalgast durch Corona ein großes Misstrauen entwickelt hat und nur noch spontan Tickets kauft. Ich finde, das ist auch ein schönes Signal an die Menschen, die jetzt anderthalb Jahre überhaupt keine Kultur hatten", erzählt Patrick Schorn. Er grinst und zwirbelt seinen Schnurrbart. Seine langen blonden Haare hat er zu einem Dutt gebunden. Er sieht müde aus: "Dieses Auf und Ab, können wir überhaupt stattfinden, ist die größte Herausforderung. Das ist ein Gefühl des in der Luft hängens. Das ist ziemlich kräfteraubend."

Von den Anstrengungen des Orga-Teams bekommen die Besucherinnen und Besucher nichts mit. Den Wald im Rücken, mit Blick auf die Fulda schlagen die Ersten ihre Zelte auf. Rechts wird mit den Heringen gekämpft, links gibt's eiskaltes Bier. Dumpfe Technosounds wummern über das Gelände. Eric, seine Freundin Victoria und Peter richten hier ihr Zelt ein. "Ich habe richtig Bock auf dreckige Schuhe, richtig doll tanzen, neue Menschen kennenzulernen und das Camping-Erlebnis", sagt Eric, der gerade aus dem Zelt kriecht. Es ist sein erstes Festvial. Genau wie für Peter: "Ich möchte endlich mal sehen, wie so etwas abläuft. Ich freue mich sehr, dass das wieder geht." 

Förderung vom Kunstministerium

Auf dem Gelände lassen sich die Besuchenden treiben. Hin zu Workshops, Yoga, Kleiderständen, zum Saunawagen oder Ausstellungen von regionalen Künstler:innen. Die Idee zum Festival ist dem Organisator Patrick Schorn, der eigentlich Filme macht, und seiner Crew vor einem Jahr während eines Kinodrehs auf der Fuldaer Halbinsel gekommen. "Wir haben zehn Wochen hier verbracht und wollten so gerne hier hin zurück, weil uns dieser Ort so in seinen Bann gezogen hat."

Ein Bauwagen auf einer Wiese

Vom Land Hessen erhielt das Festival 400.000 Euro. Eine Förderung aus dem Programm "Ins Freie!", mit dem das Kunstministerium in der Pandemie vor allem Open-Air-Veranstaltungen ermöglichen möchte. Darüber hinaus finanziert sich das Festival über den Verkauf von Getränken und Speisen. Gezahlt wird mit der eigenen Währung "Kragen". Ein Kuchenstück kostet beispielsweise sechs Kragen. Bis Montag wird hier gegessen, getrunken und selbstverständlich gefeiert. Dann werden die Zelte wieder abgebaut und alle kehren aus der "Anderen Welt" in ihre eigene Welt zurück.

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