Bilal G. Ex-Koran-Verteiler
Der ehemalige Koran-Verteiler Bilal G. im April 2018 vor Gericht. Bild © hr

Der ehemalige Leiter der Koran-Verteilaktion "Lies!" ist in Frankfurt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Bilal G. hatte einen Schüler in den syrischen Bürgerkrieg geschickt. Dort wurde der 16-Jährige erschossen.

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Der 29-jährige Bilal G. wurde am Freitag wegen Beihilfe zu einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vom Landgericht Frankfurt zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der ehemalige Leiter der salafistischen Koranverteilaktion "Lies!" in Frankfurt im Jahr 2013 einen 16-Jährigen zur Anreise in den Jihad angestiftet hat.

Die Richter liegen mit ihrem Urteil über den von der Staatsanwaltschaft geforderten zwei Jahren und sechs Monaten. Nach ihrer Überzeugung schuf Bilal G. über das "Lies!"-Projekt die Infrastruktur für die Ausreisen von jungen Männern aus Frankfurt in den Jihad geschaffen.

Die Richter werteten das Leid der Hinterbliebenen und der Opfer deutscher Jihadisten als strafverschärfend, weil Bilal G. es durch seine Vorarbeit als Chef von "Lies!" erst ermöglicht habe.

16-Jähriger wenige Wochen nach Ausreise getötet

In dem Prozess ging es um die Ausreise eines 16 Jahre alten Schülers. Der Schüler war aktiv bei "Lies!", als Bilal G. dort der Anführer war. Der 16-Jährige war im Sommer 2013 von Frankfurt mit drei Gleichgesinnten über die Türkei nach Syrien ausgereist und hatte sich dort einer jihadistischen Miliz angeschlossen. Nach einer Kampfausbildung in einem Terrorcamp wurde er Anfang 2014 in der Nähe von Aleppo bei Kämpfen gegen die Armee des syrischen Regimes erschossen.

Bilal G., so urteilten die Richter, ermöglichte die Ausreise des 16-Jährigen und anderer Mitglieder des "Lies!"-Projekts. Er kümmerte sich aus ihrer Sicht um Infrastruktur, Logistik und Finanzielles. Konkret hatte er demnach für den Schüler und drei weitere Ausgereiste die One-Way-Tickets in die Türkei gebucht. Diese vom Verteidiger als Ferientrip gewertete Reise hat Bilal G. dann später von seinem Privatkonto bezahlt, über das auch die Spenden für "Lies!" liefen. Aus Sicht des Gerichts ein "ungewöhnlicher Vorgang".

Verteidigung kündigt Revision an

Außerdem hatte Bilal G. ein Lager in der Mainzer Landstraße in Frankfurt angemietet, in dem der 16-Jährige kurz vor seiner Abreise sein Gepäck unterstellte. Weil der Schüler seine Familie über seine Jihad-Pläne in Unwissenheit gelassen hatte, war das Gericht überzeugt, dass Bilal G. in die Ausreisepläne eingeweiht war. Ebenso werteten die Richter ein Telefonat, das der Getötete kurz vor dem Übertritt der türkisch-syrischen Grenze mitten in der Nacht geführt hatte, als Beleg dafür, dass Bilal G. in die Pläne eingeweiht war.

Bilal G.s Strafverteidiger sagte nach dem Urteil: "In meinen Augen wurde ein Unschuldiger verurteilt." Es sei dem Gericht in dem Prozess darum gegangen, "Lies!" zu einer "großen geheimnisvollen Organisation" zu machen. Das höre mancher in der Politik gerne, sei aber duch die Beweislage in dem Prozess nicht gedeckt. Im Kern gebe es nur den Ticketverkauf als Beleg für den erhobenen Vorwurf der Beihilfe für eine schwere staatsgefährdende Gewalttat. Der Verteidiger kündigte an, vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe Revision einzulegen.

Die lange Verfahrensdauer von über vier Jahren werteten die Richter als strafmildernd. Bilal G. bekommt dafür zwei Monate vom Strafmaß von drei Jahren und sechs Monaten abgezogen.

Sendung: hr-iNFO, 7.12.2018, 16 Uhr