450 Jahre alte Ulme bei Pfungstadt

Seit mehr als vier Jahrhunderten steht eine Ulme auf den Feldern vor Pfungstadt. Doch genau dort soll nun die neue ICE-Trasse von Frankfurt nach Mannheim gebaut werden. Die Bahn plant allerdings eine aufwendige Rettung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Aufwendige Rettung für alte Ulme geplant

Der ausgehöhlte Baumstamm der "Reest"
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Diese Ulme hat Kriege kommen und gehen gesehen, die Industrialisierung überstanden, eine Rodung überlebt und dem Feuer getrotzt: Doch ausgerechnet die ökologisch motivierte Verkehrswende könnte dem Naturdenkmal in Pfungstadt (Darmstadt-Dieburg) jetzt den Garaus machen. Denn der 450 Jahre alte Baum steht dort, wo in ein paar Jahren die neue Bahnstrecke von Frankfurt nach Mannheim verlaufen soll. Doch Rettung ist in Sicht.

Die betagte Ulme steht einen Steinwurf entfernt von der A67, umgeben von grünen Wiesen und einem eigens angelegten Feuchtbiotop. Ihr zu Füßen liegt eine kleine Bank mit Tisch, die von den Pfungstädtern gerne als Platz zum Rasten und Verweilen genutzt wird. Doch mit der Idylle ist es bald vorbei, denn in ein paar Jahren rücken die Bagger für die geplante ICE-Trasse an.

Bahn will Ulme verpflanzen

Dann muss auch die "Reest" weichen, wie die alte Ulme im Volksmund genannt wird. Das muss jedoch nicht zwangsläufig ihren Tod bedeuten, denn die Bahn plant bereits eine Verpflanzung des Riesen. Aber ganz so einfach lässt sich so ein tief verwurzelter Baum nicht aus seiner Heimat vertreiben. Bevor die Ulme aus dem Erdboden gehoben werden kann, muss sie über Jahre behutsam auf den Umzug vorbereitet werden.

Zunächst müsse eine genaue Prüfung des Wurzelwerks vorgenommen werden, erklärt Thomas Fischbach von der Unteren Naturschutzbehörde, die für alle Naturschutzdenkmäler im Kreisgebiet zuständig ist. "Dafür werden die Wurzeln ausgegraben und auf ihre Vitalität überprüft." Anschließend könne man dann eine Prognose abgeben, ob eine Verpflanzung überhaupt möglich ist.

Langwierige Wurzelbehandlung

Hebt sich der Daumen, begänne die eigentliche Arbeit. Denn dann müsste sich die Ulme einer langwierigen Wurzelbehandlung unterziehen. Über mehrere Jahre würde spezieller Dünger in den Boden gegeben, damit der alte Baum noch einmal frische Feinwurzeln ausbilden kann. Fischbach erwartet den Antrag der Bahn auf die Wurzelprüfung in Kürze.

450 Jahre alte Ulme bei Pfungstadt

Und wenn alles gutginge, stünde nach Angaben der Bahn in etwa sechs bis sieben Jahren eine gewaltige Umpflanzungsaktion an. Der 23 Meter hohe Baum würde dann großflächig ausgegraben, in Stahlplatten gepackt, mittels eines Schwerlastkrans auf voraussichtlich drei miteinander verbundene Schwertransporter gehievt und an den neuen Standort gebracht, so Fischbach. Für den ganzen Prozess hat die Bahn eine auf Verpflanzung alter Bäume spezialisierte Firma engagiert, wie eine Sprecherin des Unternehmens sagt.

Die "Reest" hat in ihrem langen Leben schon viel mitgemacht. Als einziger Baum überstand sie 1850 eine großflächige Rodung. An Karfreitag 1952 soll ein Junge aus dem Ortsteil Hahn in dem hohlen Stamm der Ulme ein Feuer gelegt haben, wie man sich im Ort erzählt. Die Öffnung wurde daraufhin zugemauert, um Fäulnis zu verhindern. Erst jüngst wurde die Mauer wieder entfernt. 1994 büßte die Ulme durch eine Windhose ihre großen Leitäste ein.

Chancen stehen nicht schlecht

Doch all das hat sie nicht umgebracht. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie auch die Verpflanzung überlebt. Thomas Fischbach beziffert die Erfolgsaussichten auf etwa 90 Prozent. Günther Krämer, Vorsitzender des Pfungstädter Heimatvereins, blutet dennoch das Herz beim Gedanken an das riskante Unterfangen: "Viele Naturdenkmäler haben wir nicht und wir hoffen, dass die Ulme erhalten bleibt." Aber er ist optimistisch: "Ich gehe einfach mal davon aus, dass das klappt."

Auch Pfungstadts Bürgermeister Patrick Koch (SPD) drückt die Daumen. "Wir sind zwar Eigentümer des Baums, kommen aber gar nicht umher, einer Verpflanzung zuzustimmen", sagt der 45-Jährige.

Wo die "Reest" ihr neues Zuhause haben wird, ist noch unklar. Die Verantwortlichen suchen noch nach einem geeigneten Standort für einen solch betagten Baum. Der muss bezüglich Bodenbeschaffenheit und Wasserversorgung schon passen. Im Alter hat man schließlich seine Ansprüche.