Polizeieinsatz in Dietzenbach

Etwa 50 Männer haben in der Nacht zum Freitag in Dietzenbach Brände gelegt - offenbar nur, um die Polizei anzulocken. Die eintreffenden Beamten wurden mit Steinen beworfen. "Wer Einsatzkräfte angreift, gehört in den Knast", erklärte Innenminister Beuth (CDU).

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Brennende Mülltonnen und ein Bagger in Flammen: Kurz nach Mitternacht meldeten Anwohner einen Brand im Spessartviertel in Dietzenbach (Offenbach). Doch als die ersten Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr in der Nacht zum Freitag eintrafen, wurden sie sofort von einer Gruppe von etwa 50 Männern attackiert. Steine und Flaschen flogen.

Vorbereitete Steinhaufen

"Wir gehen davon aus, dass die Feuer nur gelegt wurden, um die Einsatzkräfte anzulocken", sagte ein Sprecher der Polizei am Freitag. Man gehe von einer bewussten Provokation aus. Die gewaltbereite Gruppe habe auf das Eintreffen der Beamten bereits mit vorbereiteten Steinhaufen gewartet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found hr-Reporter: "Es war eine bewusste Provokation"

Polizeiauto in Dietzenbach
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Etwa zwei Stunden dauerte die Auseinandersetzung. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, auch ein Hubschrauber kam zum Einsatz. Verletzt wurde nach bisherigem Kenntnisstand niemand. Drei Personen wurden festgenommen. Zwei von ihnen hätten den Einsatz gestört und seien Platzverweisen nicht gefolgt. Der Dritte sei ein mutmaßlicher Steinewerfer. Der 19-Jährige wurde am Nachmittag unter Auflagen wieder freigelassen.

Ausgebrannter Bagger in Dietzenbach

Mehrere Einsatzwagen wurden beschädigt. Die Polizei schätzt den Schaden auf mindestens 150.000 Euro. Warum die Gruppe die Polizei angriff, ist unklar. Es habe zuvor keine Hinweise auf den Vorfall gegeben, erklärte die Polizei. Die Ermittler richteten einen Hinweis-Server ein: Zeugen werden gebeten, Videoaufnahmen, Bilder oder sonstige Beobachtungen, die mit den Angriffen in Verbindung stehen können, dort einzustellen.

Sozialer Brennpunkt

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Die Spessartsiedlung, früher Starkenburgring, gilt seit Jahrzehnten als sozialer Brennpunkt. Die Stadt reagierte mit Sanierungs- und Integrationsprojekten, dennoch kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. 2005 war das Viertel über Wochen in den Schlagzeilen, weil wiederholt Autos angezündet und die Einsatzkräfte anschließend mit Steinen beworfen wurden. 13 Jahre sei es an dem Brennpunkt in Dietzenbach verhältnismäßig ruhig geblieben, sagte ein Polizeisprecher. "Dass da immer noch schwarze Schafe wohnen, wissen wir sehr wohl."

Erst am Montag hatten Polizeibeamte mehrere Kellerräume in der Hochhaus-Siedlung durchsucht. Über 200 Fahrräder und andere teils hochwertige Gegenstände wurden sichergestellt. Die Sachen, möglicherweise Diebesgut, wurde in vier Lkw-Ladungen von der Polizei abtransportiert. Ob ein Zusammenhang mit dem späteren Angriff besteht, ist Teil der Ermittlungen. Es sei aber "nicht völlig ausgeschlossen", sagte Innenminister Peter Beuth (CDU).

Beuth: "Ein Wunder, dass kein Helfer verletzt wurde"

Der Minister verurteilte die Angriffe auf Polizisten und Feuerwehrleute in Dietzenbach scharf. "Ein Dutzend Einsatzwagen wurden beschädigt, da grenzt es an ein Wunder, dass kein Helfer verletzt wurde", sagte Beuth. "Wer Einsatzkräfte angreift, gehört in den Knast und darf nicht mit einer Geldstrafe davonkommen."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Beuth: "Wer Einsatzkräfte angreift, gehört in den Knast"

Peter Beuth
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Offensichtlich hätten Gewalttäter die Einsatzkräfte in einen Hinterhalt gelockt. "Die hessische Polizei konnte dank starker Unterstützung aus den angrenzenden Präsidien und dem Einsatz des Helikopters die Lage unter Kontrolle bringen."

Mehr Polizeipräsenz in Dietzenbach

Der Innenminister kündigte an, die Polizeipräsenz in Dietzenbach und Umgebung deutlich zu erhöhen. "Wir werden dafür sorgen, dass der Staat für Recht und Ordnung sorgt."

Dem schloss sich der Bürgermeister von Dietzenbach Jürgen Rogg (parteilos) an. "Es kann nicht sein, dass eine Hand voll Krimineller ein Viertel kontrollieren will", sagte Rogg. Werde es zu weiteren Unruhen kommen, werde die Stadt vorbereitet sein.

"Eine neue Dimension von Gewalt"

Politiker der anderen im Landtag vertretenen Parteien zeigten sich ebenfalls entsetzt über die Vorfälle in Dietzenbach. Der Angriff auf die Einsatzkräfte sei "auf das Schärfste zu verurteilten", sagte Günter Rudolph, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. "Wir müssen endlich Wege finden sie wirksamer zu verteidigen." Eva Goldbach, innenpolitische Sprecherin der Grünen, sprach von einer zunehmenden Verrohung der Gesellschaft. Es gehe hier um gravierende Straftaten, die Täter müssten nun überführt und angemessen bestraft werden. FDP-Innenexperte Stefan Müller sagte, die Ereignisse der Nacht zeigten "eine neue Dimension von Gewalt gegen Vertreter des Staates". Der Rechtsstaat müsse sich nun wehrhaft zeigen.

Klaus Herrmann, innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, verglich die Auseinandersetzung in Dietzenbach mit Zuständen "wie in einem Pariser Vorort". Beuth scheine diese Entwicklung jedoch zu ignorieren, kritisierte Herrmann. Die Einsatzkräfte müssten gezielt "auch auf solche Hinterhalte" vorbereitet und speziell für solche Fälle ausgerüstet werden. "Denn beim nächsten Vorfall könnte es Verletzte, vielleicht sogar Tote geben", sagte Herrmann.

Feuerwehrgewerkschaft fordert strenge Strafen

Hinterhalte gegen Einsatzkräfte sind nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei kein Einzelfall. "Das beobachten wir schon länger", sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Hessen, Andreas Grün, am Freitag. Dass gleich eine Gruppe von rund 50 Angreifern Beamte attackieren, sei allerdings nicht alltäglich.

Im April waren in Frankfurt-Griesheim Polizisten von einer Gruppe junger Männer attackiert worden. Die Beamten waren zunächst eingeschritten, weil die Gruppe gegen die Corona-Kontaktsperre verstieß. Als Steine in ihre Richtung geworfen wurden, riefen sie Verstärkung. Eine zweite Streife wurde daraufhin von etwa 20 Personen mit Steinen, Dachlatten und Eisenstangen bedroht. Aus dem Hinterhalt warfen Unbekannte eine Fünf-Kilo-Hantelscheibe in Richtung der Beamten - trafen aber nicht. Mehrere Männer wurden am Ende festgenommen.

Die Deutsche Feuerwehrgewerkschaft forderte am Freitag eine strenge Strafverfolgung für Angriffe auf Einsatzkräfte. "Es schreckt keinen Straftäter ab, wenn sein Verhalten von überlasteten Gerichten anschließend als Bagatellfall abgehandelt wird", erklärte Gewerkschaftssprecher Tobias Thiele am Freitag. So etwas werde von den Rettungskräften mit Unverständnis zur Kenntnis genommen und führe zu einer enormen Dunkelziffer, da viele Kollegen respektlose Handlungen im Einsatz aus Frustration nicht mehr meldeten.

Das kommt immer häufiger vor

Insgesamt sehen sich Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter auch in Hessen immer häufiger körperlicher Gewalt ausgesetzt. Rein statistisch gesehen kam es im Jahr 2019 pro Tag zu fünf bis sechs Übergriffen alleine auf Polizistinnen und Polizisten.

2.052 derartige Gewalttaten wurden erfasst, wie aus der Antwort des hessischen Innenministeriums auf eine Landtagsanfrage der AfD-Abgeordneten Dirk Gaw und Klaus Herrmann vom April hervorgeht.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.05.2020, 19.30 Uhr