Adbusting Bushaltestelle Ostendstraße Frankfurt

Nach der Festnahme in der NSU-2.0-Drohmail-Affäre sind Protestplakate in Frankfurt aufgetaucht. Was auf den ersten Blick wie eine Dating-App-Werbung mit Helene Fischer aussieht, ist Polizeikritik. Lange hängen werden die Plakate nicht.

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Guerilla-Plakate
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Helene Fischer als Werbegesicht für eine Online-Partnerbörse? Von wegen: Das Plakat an der Haltestelle Zobelstraße in Frankfurt ist keine Werbebotschaft, sondern eine politische.

"Alle 17 Minuten ruft ein Polizist Daten von Helene Fischer ab", heißt es darauf, und die hessische Polizei bekommt gleich noch das Siegel "Testsieger in der Kategorie illegale Datenabfrage und Zusammenstellen von Feindeslisten" verpasst.

Das veränderte Poster, das in einem Schaukasten des Werbeflächen-Vermarkters Ströer an der Haltestelle hängt, ist eine Anspielung: 2019 hatte der damalige Landespolizeipräsident Udo Münch im Innenausschuss des Landtags eingeräumt, dass Polizisten die Personenabfrage im Polizeisystem während eines Helene-Fischer-Events in Frankfurt grundlos genutzt hatten, um an Informationen über die Sängerin zu kommen. Das Motiv tauchte bereits im März dieses Jahres an mehreren Orten in Hessen auf.

Guerilla-Aktion gegen hessische Polizei

Jetzt, kurz nach der Festnahme des mutmaßlichen Verfassers von NSU-2.0-Drohschreiben, ist es erneut an mehreren Orten in Frankfurt zu sehen, unter anderem an der Haltestelle Eissporthalle/Festplatz, an der Ostendstraße und an der Straßenbahnstation Habsburger/-Wittelsbacherallee.

Bei dem Plakat handele es sich um keinen regulär gebuchten Auftrag, erklärte Ströer auf hr-Nachfrage. Man lasse die Poster deshalb entfernen. In den sozialen Medien zeigte sich das Künstlerkolletiv "Dies Irae" verantwortlich für die Aktion. Auf Facebook veröffentlichte die Gruppe mehrere Bilder und schrieb dazu: "Eins dürfte klar sein: Ohne das Zutun der Ordnungshüter*innen hätte es die Drohschreiben NSU2.0 wohl nicht gegeben."

"Dies Irae" (lat. Tag des Zorns) gilt im deutschsprachigen Raum als die bekannteste Gruppe von Adbustern. Bei diesem "Werbezerschlagen", wie es übersetzt heißt, wird Werbung im öffentlichen Raum überklebt, verfremdet oder umgestaltet, um damit gesellschaftliche und politische Botschaften zu senden.

#parship hat ein neues Design. Aber wir sind konversativ. Deswegen lebt das alte Design dank uns weiter. #polizeiship #Polizeiproblem #NSU20

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Kollektiv verfremdet deutschlandweit Werbung

Laut eigenen Angaben besteht das Kollektiv aus Künstlern, Aktivisten und Mitarbeitern der Werbebranche. Viel genauer wird es nicht: Die Mitglieder bleiben anonym. Auf Facebook folgen ihnen mehr als 25.000 Menschen, auch auf Twitter und Instagram posten sie Bilder ihrer Aktionen.

Die Gruppe ist in mehreren deutschen Städten aktiv. Die selbsterklärten Aktivisten klebten in der Vergangenheit beispielsweise Anti-Nazi-Plakate an Bushaltestellen im sächsischen Freital, protestierten in Essen gegen den Energieversorger RWE und verbreiteten ein vermeintliches Stellengesuch für Kinderarbeit der Modekette H&M in Frankfurt.

Werbeflächen-Vermarkter erstattet Anzeige

Dies Irae Protestplakat mit Horst Seehofer

Auch in Hanau und Wiesbaden tauchten schon "überarbeitete" Plakate des Kollektivs auf, die sich gegen die hessische Polizei richten, beispielsweise eines mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Darauf ist er unfreiwilliges Model für eine Augenklappe mit dem Namen "Korpsgeist". Er trägt sie über dem rechten Auge. Darunter prangt in großen Lettern das Wort "Polizeiproblem".

Laut Werbeflächen-Vermarkter Ströer kommt es "immer einmal wieder vor, dass Plakate illegal ausgetauscht werden." In der Regel würden die Motive zeitnah wieder entfernt, in einigen Fällen werde außerdem Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

"Dies Irae" gibt an, dass es in der Vergangenheit Hausdurchsuchungen bei Mitgliedern des Kollektivs gegeben habe. Auch Gerichtsverfahren seien eingeleitet worden, unter anderem wegen Sachbeschädigung und Diebstahls von Plakaten. Eine Verurteilung wegen Adbusting gab es deutschlandweit bislang noch nicht.