Sanierung Kinzigtalsperre

Die Kinzigtalsperre bei Bad Soden-Salmünster wird aktuell leergefischt. Karpfen, Hechte und andere Fische werden umgesiedelt. Alle 20 Jahre passiert das - aus gutem Grund.

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Sanierung der Kinzigtalsperre erfordert Fischer-Einsatz

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Normalerweise ist Peter Liebe in Norddeutschland tätig. Doch derzeit ist der Fischwirtschaftsmeister im Kinzig-Stausee aktiv. Weil an der Kinzigtalsperre bei Bad Soden-Salmünster (Main-Kinzig) eine große, nur alle 20 Jahre stattfindende Sicherheitsüberprüfung ansteht, muss das Wasser aus einem der größten Stauseen Hessens abgelassen werden.

Damit die Fische nicht verenden, nachdem der Stöpsel gezogen wurde, hat Liebe mit seinem Team den Auftrag bekommen, so viele Fische wie möglich zu fangen. Die werden dann mit Lastwagen abtransportiert und in einem Weiher in Birstein (Vogelsberg) und bei einem Fischzüchter in Gersfeld (Fulda) geparkt. Wenn die millionenschwere Sanierung der Talsperre abgeschlossen und der See wieder eine gewisse Höhe erreicht hat, geht es wieder retour.

"Das ist eine harte Nuss"

Doch bis dahin steht noch viel Arbeit an. Die ist Peter Liebe deutlich anzusehen. Mit seiner Wathose und den Gummistiefeln ist er im Bett des Sees eingesunken, sein Gesicht hat Schlammspritzer abbekommen. "Ich habe mir's ja schon problematisch vorgestellt. Aber dieser Auftrag ist wirklich eine harte Nuss", sagt der 60 Jahre alte Routinier.

Sanierung Kinzigtalsperre

Mit einem 700 Meter langen Netz in einem für ihn unbekannten Gewässer zu hantieren, sei eine "gewaltige Herausforderung". Denn wenn er das Netz mit Booten und schwimmenden Arbeitsplattformen (Pontons) über den Boden zieht, tun sich schnell folgenschwere Hindernisse auf.

Zerrissene Netzteile

Wenn das Netz etwa an eingeschwemmten Bäumen oder eingesunkenen Stahlteilen hängen bleibt, zerreißt es und muss geflickt werden. Deswegen werden die Fischer in dieser Woche auch nicht fertig und müssen Ende nächster Woche noch mal anrücken.

Etwa sieben Tonnen Fische haben sie bereits herausgezogen. "Und noch mal genauso viel ist wahrscheinlich noch drin", sagt Liebe an diesem Donnerstag. Ein Angelverein unterstützt die Arbeiten. Gewässerwart Ralf Schramm erklärt: "Wir haben hier heimische Fisch-Arten wie Karpfen, Hechte, Schleien und Brachsen."

32 Kilo schwerer Marmorkarpfen gefangen

Ein Mann hebt einen großen Marmorkarpfen mit den Händen aus einem Plastikschwimmbecken und schaut in die Kamera.

Im Kinzig-Stausee gab es aber auch manche Überraschung, die Angler-Herzen höher schlagen lässt. Ein 32 Kilogramm schwerer Marmorkarpfen und ein 26 Kilogramm schwerer Spiegelkarpfen wurde unter anderem gefangen, berichtet Schramm. "Das sind kapitale Exemplare", sagt Berufsfischer Liebe anerkennend.

Holger Scheffler, Geschäftsführer vom Wasserverband Kinzig, verfolgt das Abfischen vor der Sanierung vom Ufer aus. Er war schon bei der vorigen Sicherheitsüberprüfung im Jahr 2002 dabei. "Eine große Aufgabe, mit komplexen Prozessen - macht aber riesigen Spaß."

Scheffler rechnet mit keinen größeren Schäden an der 550 Meter breiten und 14 Meter hohen Staumauer. Doch es gibt halt Sachen, die gemacht werden müssen. Das Wichtigste: Die Wehrklappen, die den Wasserstand regulieren, müssen samt Hydraulik erneuert werden. Doch die großen Stahlteile zu bekommen, sei nicht einfach. "Corona" und "Ukraine-Krieg" lauten die Stichworte als Begründung.

Kosten von vier Millionen Euro

Die Staumauer wird ebenfalls begutachtet. Risse müssen behoben werden, Fugen gefüllt und abgeplatzter Beton ausgebessert werden. "Das sind kosmetische oder minimalinvasive Arbeiten", vergleicht Scheffler. In Summe wird die Staudamm-OP vier Millionen Euro kosten. "Aber wenn damit nur ein Hochwasser vermieden wird, sind die Kosten dicke wieder drin", sagt er.

Sanierung Kinzigtalsperre

Die Kinzigtalsperre hat große Bedeutung. Sie schützt vor Hochwasser und sorgt in Phasen von Trockenheit für einen steten Wasserzufluss, der in Sterbfritz entspringenden und in Hanau in den Main mündenden Kinzig. Zudem wird mit Turbinen am Bauwerk noch Energie gewonnen.

Und bald soll sogar Trinkwasser hinzukommen. Bis 2027 ist geplant, nebenan ein Wasserwerk zu bauen. Damit sollen etwa 200.000 Menschen aus dem Main-Kinzig-Kreis und dem Rhein-Main-Gebiet versorgt werden, wie Scheffler sagt.

Schlammiger Untergrund ist lebensgefährlich

Sanierung Kinzigtalsperre

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Aktuell beschäftigten Scheffler andere Gedanken. Er warnt, dass niemand auf die Idee kommen solle, mal durch den teilweise leergelaufenen See zu spazieren. Denn der See zieht viele Menschen an, er ist ein beliebtes Naherholungsgebiet mit einem Kilometer langen Rundweg. Auch von dort kann man die freigelegte Areale sehen. Aktuell beträgt die Wassertiefe nur noch 3,50 Meter im Zentrum des Sees - statt wie im Sommer üblich sieben Meter.

Derzeit besteht die große Gefahr, dass man überraschend im weichen und matschigen Bett des Sees einsinkt. "Das ist lebensgefährlich. Allein kommt man da nicht mehr raus", warnt Scheffler. Vor Jahren sei mal ein Angler unter ähnlichen Umständen in einem trocken gelaufenen See-Abschnitt bis zu Hüfte versunken. "Die Feuerwehr musste kommen", berichtet Scheffler, "die Gummihose des Anglers steckt heute noch im Boden."

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