Anklage- und Richterbank beim Prozess in der Gießener Kongresshalle.

In Gießen ist ein Drogen-Prozess mit enormen Dimensionen gestartet: Es geht um hohe Summen, kiloweise Rauschgift - und um die Frage, wer wen kannte.

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Abstand ist das Thema an diesem Mittwoch in der Gießener Kongresshalle. Das betrifft zum einen die 1,50 Meter, die coronabedingt alle zueinander halten sollen, seien es Zuschauer, Richter oder Angeklagte. Weil der Prozess so riesig ist - sieben Männer sitzen im ersten Teil des Verfahrens auf der Anklagebank - wurde er vom Gießener Landgericht in den großen Saal verlegt.

Zum anderen ist Abstand auch inhaltlich ein Thema: Kann man Menschen, die sich zum Teil gar nicht kannten oder womöglich gar nicht alle voneinander wussten, wirklich als eine Drogenbande bezeichnen? Die Angeklagten sollen an Deutschlands größtem Drogen-Onlineshop "Chemical Revolution" beteiligt gewesen sein - aber kann man sie dann auch wegen des bandenmäßigen Drogenhandels schuldig sprechen?

Insgesamt 320 strafbare Taten

Zum Prozessauftakt erklären die meisten Angeklagten, sich entweder sofort oder im Lauf des auf zunächst 14 Verhandlungstage bis November angesetzten Verfahrens äußern zu wollen. Noch vor der Mittagspause berichtete ein 30 Jahre alter Deutscher, wie er online kontaktiert und gefragt worden sei, ob er nicht die Drogen verpacken und verschicken wolle. Einzig der mutmaßliche Kopf der Bande, ein 28 Jahre alter Deutscher aus München, lässt über seinen Anwalt ausrichten, dass er sich je nach Prozessverlauf entscheiden wolle, ob er aussagt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Prozess gegen Chemical-Revolution-Hintermänner in Gießen

Polizisten führen einen Angeklagten zu seinem Platz in der Gießener Kongresshalle.
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Insgesamt geht es um 320 strafbare Handlungen. Im jetzt gestarteten ersten Teil des Verfahrens sind nur die ersten neun Taten relevant, dennoch dauert das Verlesen der Anklageschrift über eine Stunde. Die sieben Angeklagten mit deutscher, polnischer und niederländischer Staatsbürgerschaft sollen im September 2017 angefangen haben, Drogen zu beschaffen, aus den Niederlanden nach Deutschland zu befördern und von dort aus dann per Post an die Kunden zu verschicken. Dafür hatten sie zuvor sowohl im Internet als auch im Darknet die Plattform "Chemical Revolution" gestartet. Das sind die Taten eins bis neun.

Nach der ersten Festnahme ist Pause - aber nur kurz

Bis Januar 2018 nehmen die Männer so umgerechnet rund 465.000 Euro in der Kryptowährung Bitcoin ein, liest die Staatsanwältin aus der Anklageschrift vor. Dann wird ein Mitglied der Bande festgenommen. Es wird still um "Chemical Revolution" - aber nur kurz: Bereits im April nehmen die beiden Hauptangeklagten, ein heute 28-jähriger Deutscher und ein 36 Jahre alter Niederländer, mit neuen Kurieren und Verkäufern das Geschäft wieder auf. Statt wie bisher über Ortenberg (Wetterau) und verschiedene Orte in Niedersachsen wird ab diesem Zeitpunkt das meiste über Hamburg abgewickelt. Über 560.000 Euro nehmen sie so ein, im Prozess sind die einzelnen Verkäufe die Taten zehn bis 320.

Im Dezember 2018 sollen die Männer dann aber laut Anklage beschließen, mit dem Online-Verkauf aufzuhören. Die restlichen Drogen wollen sie im Januar 2019 gesammelt für 40.000 Euro in einer Tiefgarage in Hamburg verkaufen - ausgerechnet an verdeckte Ermittler. Die Verkäufer werden festgenommen, und nach und nach fliegen die weiteren Angeklagten auf. Der mutmaßliche Kopf der Bande, der 28-Jährige aus München, ist im Mai 2019 der Letzte, den die Ermittler fassen.

Insgesamt hat "Chemical Revolution" so rund eine Million Euro in Bitcoins erwirtschaftet - und kiloweise Amphetamin, Cannabis, Ecstasy und Kokain vertrieben. Insgesamt sind elf Männer angeklagt, die anderen vier kommen dann im zweiten Prozessteil vor Gericht.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.08.2020, 16.45 Uhr