Prozessbeginn: Vier Angeklagte mit ihren Verteidigern im Landgericht Fulda

Im Prozess um den tödlichen Glatteis-Unfall einer Schülerin an einem Bahnsteig im osthessischen Neuhof haben drei der vier Angeklagten die Vorwürfe bestritten. Die Mutter des getöteten Kindes zeigte sich tief enttäuscht.

Vor neun Jahren, am Morgen des 4. Februar 2010, rutschte eine 16-jährige Schülerin am Bahnhof Neuhof (Fulda) auf einem vereisten Bahnsteig aus. Sie fiel vor einen einfahrenden Zug und wurde getötet. Seit Anfang August verhandelt das Landgericht Fulda über den Unfall.

Drei der vier Angeklagten haben am Freitag erstmals das Wort ergriffen. Sie bestritten die Vorwürfe. Die Aussage eines vierten Angeklagten wird bei der Fortsetzung der Verhandlung am 10. September vor dem Landgericht erwartet.

Wie kam die Schülerin auf den Bahnsteig?

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet auf fahrlässige Tötung durch Unterlassung. Bei den Angeklagten handelt es sich um vier Männer: den Geschäftsführer der damals mit der Ausführung des Winterdienstes beauftragten Gesellschaft, den zum Unfallzeitpunkt diensthabenden Fahrdienstleiter und zwei leitende Bahnmitarbeiter. Sie sollen dafür verantwortlich sein, dass der Winterdienst an jenem Februarmorgen nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurde.

Zudem muss das Gericht klären, wie die Schülerin überhaupt auf den Bahnsteig gelangen konnte. Denn eigentlich sind Bahngleis und Wartebereich in Neuhof durch eine Sicherheitstür getrennt, die sich erst nach Einfahrt des Zuges öffnet. An jenem Februarmorgen allerdings stand sie aus bislang ungeklärter Ursache offen.

"Ich höre immer nur: Ich war nicht zuständig"

Verena Heil-Ruppel, die Mutter des getöteten Mädchens, tritt als Nebenklägerin auf. Sie zeigte sich am Freitag enttäuscht darüber, dass jeder der Angeklagten die Verantwortung für das Unglück weiterzuschieben versuche: "Ich höre immer nur: Ich war nicht zuständig."

So sagte der 67-jährige Winterdienst-Koordinator, er habe mit Anweisungen vor Ort nichts zu tun gehabt. Er habe keinen Einfluss darauf gehabt, wie und mit wie viel Personal vor Ort die Aufgabe erledigt werde. Auch auf die vorausgegangene Auswahl der Firmen haben er keinen entscheidenden Einfluss gehabt. Aber auch er beobachtete, dass die für Neuhof zuständige Firma unzuverlässig gewesen und wiederholt abgemahnt worden sei. Die Firma vor Ort müsse selbst erkennen, wann sie tätig werden müsse.

"Überwachung war nicht meine Aufgabe"

Der damalige Fahrdienstleiter sagte, er trage keine Verantwortung am Unglück. "Die Überwachung des Winterdienstes war nicht meine Aufgabe", betonte der 41-Jährige, der für die Abwicklung des Zugverkehrs am Bahnhof zuständig war. Aber auch er sagte, ihm seien immer wieder Mängel am Winterdienst aufgefallen.

Der in der Hierarchie noch höher als der Winterdienst-Koordinator stehende Ex-Leiter des Bahnhofsmanagements in Kassel sagte: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen." Der Winterdienst habe nicht in seinem Zuständigkeitsbereich gelegen. Er sei für die Verkehrssicherungspflicht nicht verantwortlich gewesen, sagte der 58-Jährige. Für den Bahnhof Neuhof habe ein Bahnhofsmanager in Fulda die direkte Verantwortung getragen. Der wiederum ist aber nicht angeklagt.

"Schrecklicher Unfall"

Verena Heil-Ruppel hatte jahrelang dafür gekämpft, dass der Tod ihrer Tochter überhaupt juristisch aufgearbeitet wird. Nach einigem juristischem Hin und Her hatte ihr das Oberlandesgericht Frankfurt im Dezember 2018 Recht gegeben und die Eröffnung des Verfahrens vor dem Landgericht Fulda angeordnet. Das OLG hatte "hinreichende Anhaltspunkte" dafür gesehen, dass im Februar 2010 der Winterdienst am Bahnhof Neuhof nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden sei.

Die Verteidigung hält den Fall und die Verantwortlichkeiten für weniger klar und eindeutig als die Staatsanwaltschaft. Es gehe um einen "schrecklichen Unfall", an dem aber "kein denkbares Verhalten unserer Mandanten, anders als die Anklageschrift suggeriert, irgendetwas hätte ändern können".

"Schuld von meiner Tochter nehmen"

Insgesamt sind 30 Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird frühestens im Januar 2020 gerechnet. Heil-Ruppel hofft, "dass die Gerechtigkeit siegt und die Schuld von meiner Tochter genommen wird".