Prozessbeginn: Vier Angeklagte mit ihren Verteidigern im Landgericht Fulda
Prozessbeginn: Vier Angeklagte mit ihren Verteidigern im Landgericht Fulda Bild © picture-alliance/dpa

Vor neun Jahren rutschte eine 16-Jährige am Bahnhof Neuhof auf einem vereisten Bahnsteig aus und fiel vor einen einfahrenden Zug. Nun verhandelt das Landgericht Fulda über den tödlichen Unfall. Die vier Angeklagten trifft laut ihren Verteidigern keine Schuld.

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Verena Heil-Ruppel hat einen langen Weg hinter sich. Mehr als neun Jahre hat die 60-Jährige darum kämpfen müssen, dass der Tod ihrer Tochter gerichtlich aufgearbeitet wird. Im Februar 2010 war die damals 16-jährige Sophia auf einem vereisten Bahnsteig in ihrem Heimatort Neuhof (Fulda) ausgerutscht, ins Gleisbett gefallen und von einem einfahrenden Zug überrollt worden. Am Dienstag begann die Verhandlung vor dem Landgericht Fulda.

Vier Angeklagte müssen sich verantworten

Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung durch Unterlassung. Angeklagt sind vier Männer, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, dafür verantwortlich zu sein, dass der Winterdienst an jenem Februarmorgen nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurde: der Geschäftsführer der damals mit der Ausführung des Winterdienstes beauftragten Gesellschaft, der zum Unfallzeitpunkt diensthabende Fahrdienstleiter und zwei leitende Bahnmitarbeiter.

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Nebenklägerin Verena Heil-Ruppel und ihr Anwalt Rudolf Karras.

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Das Gericht muss unter anderem klären, ob der Bahnsteig seinerzeit ordnungsgemäß geräumt und gestreut wurde. Zudem ist unklar, wie die Schülerin überhaupt auf den Bahnsteig gelangen konnte. Denn eigentlich sind Bahngleis und Wartebereich in Neuhof durch eine Sicherheitstür getrennt, die sich erst nach Einfahrt des Zuges öffnet. An jenem Februarmorgen allerdings stand sie aus bislang ungeklärter Ursache offen.

Die Verteidigung hält den Fall und die Verantwortlichkeiten für weniger klar und eindeutig als die Staatsanwaltschaft. Es gehe um einen "schrecklichen Unfall", an dem aber "kein denkbares Verhalten unserer Mandanten, anders als die Anklageschrift suggeriert, irgendetwas hätte ändern können".

Langer Weg zum Prozess

Um den Fall gab es ein jahrelanges juristisches Tauziehen. "Natürlich freut es mich in gewisser Weise, dass ich jetzt nach neun Jahren Erfolg habe, dass es zur Verhandlung kommt", sagte Verena Heil-Ruppel im Gespräch mit dem hr. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als ob der Unglücksfall zu den Akten gelegt wird.

2012 hatte die Staatsanwaltschaft Fulda das Verfahren zunächst eingestellt. Heil-Ruppel wandte sich an die Generalstaatsanwaltschaft. Die ordnete die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. Im August 2015 erhob die Fuldaer Staatsanwaltschaft dann doch Anklage am Amtsgericht Fulda.

Dieses verwies den Fall an das Landgericht, das im August 2017 die Eröffnung des Verfahren jedoch ablehnte. Es lasse sich nicht mehr klären, ob die Schülerin tatsächlich auf der vereisten Fläche ausgerutscht sei, begründete das Gericht seine Entscheidung.

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Urteil frühestens Anfang 2020

Dagegen legt Verena Heil-Ruppel erneut Beschwerde ein. Im Dezember 2018 gab das Oberlandesgericht Frankfurt ihr Recht und ordnete die Eröffnung des Verfahrens vor dem Landgericht Fulda an. Das OLG sah "hinreichende Anhaltspunkte" dafür, dass im Februar 2010 der Winterdienst am Bahnhof Neuhof nicht ordnungsgemäß durchgeführt worden sei.

Das Verfahren habe sich so lange hingezogen, weil "umfangreiche Ermittlungen" geführt worden seien, sagt Harry Wilke, Sprecher der Staatsanwaltschaft Fulda, dem hr. Die Ermittlungsakten füllen inzwischen 20 Ordner.

Faktor Zeit als großes Problem

Die Verteidigung hat ihre Zweifel, dass der Fall angesichts der verstrichenen Zeit aufgeklärt werden kann. Das Verfahren stütze sich im Wesentlichen auf Zeugenaussagen. Die Zeugen müssten sich an ein neuneinhalb Jahre zurückliegendes Geschehen erinnern. Das sei ein "erschwerender Faktor", der an vielen Stellen Probleme machen werde.

Der Rechtsanwalt der Muter will das so nicht stehen lassen: Die Frau habe einen "furchtbaren Verlust" erlitten. Auch nach Jahren müsse man noch versuchen, das Geschehen aufzuklären. Kurzzeitig drohte die Stimmung im Gerichtssaal zu kippen, weil der Nebenklagevertreter einen Vergleich zu den Auschwitz-Prozessen zog. Diese hätten auch noch nach Jahren Erkenntnisse ans Licht gebracht. Dieser Vergleich sei "absurd", kritisierte die Verteidigung.

Angeklagte kündigen Aussagen an

Drei der vier Angeklagten kündigten am Dienstag für den nächsten Verhandlungstag am 23. August Aussagen an. Verena Heil-Ruppel hofft, "dass die Gerechtigkeit siegt und die Schuld von meiner Tochter genommen wird".

30 Verhandlungstage sind derzeit angesetzt. Mit einem Urteil wird frühestens im Januar 2020 gerechnet.