Stephan Ernst

Am 35. Prozesstag wollte der Hauptangeklagte im Lübcke-Prozess Fragen der Familie des Ermordeten beantworten. Stephan Ernst verlas eine Erklärung, die keine neuen Erkenntnisse brachte.

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In einer neuerlichen Einlassung hat der Hauptangeklagte Stephan Ernst bestätigt, dass Walter Lübcke keine Möglichkeit hatte, sich gegen den Angriff zu verteidigen. "So wie wir Herrn Lübcke antrafen, sitzend, hatte er keine Möglichkeit aus dieser Situation wegzugehen", erklärte Ernst am Donnerstag. Ernst besteht weiterhin darauf, dass bei dem Anschlag auf Lübcke auch der Mitangeklagte Markus H. zugegen war.

Auch sei es dem ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten nicht möglich gewesen, sich zu wehren. Eine Konfrontation im eigentlichen Sinne habe es nicht gegeben - zumindest bis zu dem Punkt an dem Lübcke ihn und H. angeschrien hätte. Im Moment seines Todes habe Lübcke Markus H. angesehen.

Ernst will mit Aussteigerprogramm zusammenarbeiten

Ernst, der den tödlichen Schuss auf Lübcke gestanden hat, bestätigte in seinen Antworten im Grunde seine derzeit gültige Tatschilderung, wonach er und der Mitangeklagte Markus H. den Anschlag gemeinsam durchgeführt haben. Neue Erkenntnisse lieferten seine Schilderungen auch bei weiteren Nachfragen des Anwalts der Familie Lübcke nicht.

Mit der Beantwortung der Fragen hatte die Verteidigung von Stephan Ernst auf eine Bitte der Witwe, Irmgard Braun-Lübcke, eingehen wollen, die sich am 30. Prozesstag direkt an Ernst gewandt hatte. Die Familie des Ermordeten tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf.

Vor der Verlesung der schriftlich vorformulierten Antworten hatte Ernst noch einmal bekräftigt mit dem hessischen Aussteigerprogramm Ikarus zusammenarbeiten zu wollen. Die "furchtbare Tat" und das "unermessliche Leid" seien nicht wieder gut zu machen, betonte Ernst. Seine Zusammenarbeit mit dem Aussteigerprogramm solle daher auch nicht als Versuch der Wiedergutmachung gewertet werden. Vielmehr ginge es ihm darum, sich aus dem Umfeld zu lösen "dass ihn jahrelang" geprägt habe und dem entgegenzuwirken, "was die Tat in rechtsextremen Kreisen ausgelöst" habe.

Beschlagnahmte Akte wenig aussagekräftig

Wenig aufschlussreich gestaltete sich die Verlesung von Teilen der am Mittwoch beschlagnahmten Handakte des ehemaligen Ernst-Verteidigers Frank Hannig. Sowohl die Bundesanwaltschaft als auch die Nebenklage und die aktuelle Verteidigung des Hauptangeklagten hatten die Beschlagnahme beantragt, weil sie sich von den darin enthaltenen Gesprächsnotizen Aufschluss über die "Aussage-Genese" von Stephan Ernst erhofften. Ernst hatte seinen Ex-Verteidiger zu diesem Zweck teilweise von der Verschwiegenheitspflicht entbunden.

Die nun verlesenen Aufzeichnungen enthielten Teile zweier von Ernst auch im Prozess bereits vorgetragener Tatversionen. In der einen hatte er selbst den tödlichen Schuss auf Lübcke abgegeben, in der anderen hielt der Mitangeklagte Markus H. die Waffe in der Hand, aus der sich versehentlich ein Schuss löste. Mit der zweiten Version war Ernst noch in die Hauptverhandlung gestartet, ehe er sich von Hannig trennte und in einem weiteren Geständnis die Verantwortung für den tödlichen Schuss auf Lübcke übernahm.

Urteil wohl erst im kommenden Jahr

Einige der verlesenen Notizen Hannigs enthalten Anmerkungen wie: "Der verarscht uns". Allen Gesprächsnotizen gemein ist, dass Ernst behauptet, dass Markus H. direkt an der Tat beteiligt war. In seinem ersten Geständnis bei einem polizeilichen Verhör im Juni 2019 war davon noch nicht die Rede gewesen. Allerdings sind die Auszüge aus der Handakte nicht duchgängig datiert, was eine chronologische Einordnung von Ernsts Aussagen gegenüber seinem Ex-Verteidiger erschwert.

Mit einem Urteil in dem Prozess ist wohl erst im kommenden Jahr zu rechnen. Das sagte der vorsitzende Richter Thomas Sagebiel am Donnerstag. Nach den Erklärungen von Stephan Ernst zu Fragen der Familie Lübcke habe der Senat viele Fragen und wolle den Angeklagten mit den Ungereimtheiten konfrontieren.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 3.12.2020, 19.30 Uhr