Bildkombo: links ein gesprengter Geldautomat auf einem Supermarktparkplatz, um welchen Metall- und Plastikteile liegen. Rechts eine Hessenkarte mit Punkten und Farbflächen.

Die Schäden gehen in die Millionen, und auch das Risiko für Unbeteiligte nimmt zu: Mit gezielten Tipps für Bankfilialen und neuartigen Risiko-Analysen kämpft das hessische Landeskriminalamt gegen Geldautomaten-Sprenger. Manchmal greifen die Ermittler sogar selbst zum Sprengstoff.

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Automatensprengungen zwingen Banken und Polizei zum Handeln

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Die Wucht der Explosionen ist gewaltig, wenn Geldautomaten von Verbrechern in die Luft gejagt werden. Die Trümmer-Teile fliegen weit, wie auch Testsprengungen der Polizei zeigen. In der Realität sind die Foyers der Banken meist komplett demoliert.

Die Summe der Sachschäden übersteigt die der Beute um ein Vielfaches. In diesem Jahr wurde in Hessen rund eine Million Euro erbeutet. Die Sachschäden nach den Detonationen lagen bei mehr als vier Millionen Euro, wie das Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden mitteilte. Polizei und Banken suchen nach einer Strategie im Kampf gegen die Banden, die auch in Hessen immer wieder auf Beutetour gehen.

Mitte Mai gründeten das Innenministerium, das LKA und 15 hessische Banken öffentlichkeitswirksam die "Allianz Geldautomaten". Darin wollen sie gemeinsam organisiert eine Präventionsinitiative vorantreiben.

LKA: Tatgelegenheiten reduzieren

Als eines der sichtbarsten Zeichen - allerdings zum Nachteil der Kunden - gingen einige Banken dazu über, nachts ihre Foyers abzusperren. So kann dort in Randzeiten niemand rein, um Geld abzuheben. Den Verbrecher-Banden sollen Taten damit erschwert werden. Doch haben der sogenannte Nachtverschluss oder weitere Sicherheitsvorkehrungen etwas gebracht?

"Wir sind überzeugt, dass unsere Maßnahmen ihre Wirkung entfalten", sagte ein LKA-Sprecher dem hr auf Anfrage. Man sei dabei, Tatgelegenheiten zu reduzieren.

Blickt man auf die Statistiken, so kann man der Allianz noch keinen durchschlagenden Erfolg zubilligen. Zwar wurden in diesem Jahr bislang 26 Taten in Hessen registriert - und damit sechs weniger als im Vorjahreszeitraum. Allerdings waren die Täter bislang erfolgreicher und kamen 16 Mal an Beute. Im Vorjahreszeitraum war das nur 13 Mal der Fall gewesen.

Hessenkarte, in welche farbige Punkt und farbige Flächen eingezeichnet sind. Daneben eine Legende, welche die Farben erklärt.

Laut LKA braucht es womöglich noch etwas mehr Zeit, bis die Prävention deutlicher wirkt. Recht neu sei beispielsweise, dass Ermittler die Standorte der Geldautomaten einer Risiko-Analyse unterziehen könnten. Für jeden registrierten Automaten wird dabei die Gefahr einer Sprengung in verschiedene Klassen eingeteilt und auf einer Karte vermerkt. Dementsprechend können sie besonders gefährdete Automaten häufiger und zielgerichtet überwachen, etwa bei Einsatzfahrten von Polizeistreifen.

Auf dem Lagebild zeigt sich etwa: Nahe der großen Verkehrsachsen ist das Risiko größer. Denn nach ihren nächtlichen Beutezügen flüchten die Täter mit Vorliebe über Autobahnen und rasen in hochmotorisierten Fahrzeugen davon.

Nebel, Farbe oder Klebstoff im Einsatz

Je nach Analyse-Ergebnis würden den Banken Schutzmaßnahmen empfohlen, so das LKA. Neben dem Nachtverschluss kann das eine verbesserte Video-Überwachung sein oder die Installation einer Nebeltechnik, damit die Täter nach einer Sprengung nichts mehr sehen können und ohne Beute abziehen müssen.

Eine andere Möglichkeit, den Täter die Tour zu vermasseln, ist das Geld einzufärben oder zu verkleben - und es so unbrauchbar zu machen. Dafür werden in den Automaten Patronen mit Farbe oder Klebstoff deponiert, die sich im Fall einer Sprengung entleeren. "Durch einen klugen Maßnahmen-Mix, samt passgenauer Kombination der verschiedenen Präventionsmittel kann das Risiko von Geldautomatensprengungen erheblich gesenkt werden", erklärte der LKA-Sprecher.

Bundesweit 19,5 Millionen Euro Schaden

5.163 Geldautomaten gibt es laut LKA-Zahlen derzeit in Hessen. Bislang haben 27 Banken Daten zu rund 1.700 Automaten an knapp 970 Standorten ans LKA übermittelt.  Bis Ende September wurden 25 Risiko-Analysen auf Wunsch verschiedener Banken erstellt, darunter für die Volksbank und die Sparkasse Darmstadt sowie die Raiffeisenbank Fuldaer Land, wie das LKA mitteilte.

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LKA-Video: Hier werden Geldautomaten in die Luft gesprengt

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Laut der Wiesbadener Ermittler gibt es bundesweit "aktuell keinen vergleichbaren Analyseprozess" wie in Hessen. Die bayerische Polizei baue derzeit nach diesem Vorbild ein ähnliches Auswertungsprogramm auf. Denn der Handlungsdruck ist groß: Für Deutschland wurden im Jahr 2021 über 390 Fälle verzeichnet, davon 56 in Hessen. Die Höhe von Beute und Schäden summierte sich insgesamt auf 19,5 Millionen Euro. Bei den Tätern handele es sich meist um professionelle Banden, so die Ermittler.

Gefahren auch für unbeteiligte Personen

Um an die Beute zu gelangen, würden zunehmend Festsprengstoffe eingesetzt, warnte das LKA. Deren Sprengkraft ist so extrem, dass die Sachschäden laut Ermittlern deutlich zunehmen. Ganze Gebäudeteile würden zerstört, angrenzende Gebäude oder geparkte Fahrzeuge beschädigt. "Dass unbeteiligte Personen zu Schaden kommen, kann schon lange nicht mehr ausgeschlossen werden", sagte der Sprecher.

Das LKA nahm selbst Testsprenungen an Automaten vor. Auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr in Schwarzenborn (Schwalm-Eder) jagten Experten Ende März drei Automaten in die Luft. Dabei verwendeten sie Festsprengstoff in unterschiedlicher Menge. Die 60 Kilogramm schwere Tresortür sei dabei bis zu 30 Meter weit geflogen, berichtete das LKA. "Das zeigt deutlich, welche Energie bei Sprengungen freigesetzt wird und welche Gefahr damit einhergeht."

Ziel sei es gewesen, die jeweiligen Auswirkungen erkennen und dokumentieren zu können. Dabei sei auch eine Einfärbetechnik getestet worden. Sie habe bei den Sprengungen funktioniert, das Geld wurde verfärbt und somit für potenzielle Täter wertlos gemacht.

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