Marathon-Läufer mit Formel und Tabletten

Ein Langstreckenläufer und Mediziner bestellt in großen Mengen im Internet ein Anti-Aging-Mittel für sich und seine Frau. Die Behörden betrachten das Präparat hingegen als Doping-Mittel und strengen in Fulda einen Prozess an. Am Ende triumphiert der Mediziner und spricht von einem absurden Verfahren.

Ein begeisterter, aber betagter Ausdauersportler und Mediziner aus Gersfeld (Fulda) hat sich wegen Dopingverdachts vor Gericht verantworten müssen. "Die Anklage war völlig absurd. Die Vorwürfe haben sich am Ende in Luft aufgelöst. Und die Kosten trägt der Steuerzahler", kritisierte Jürgen Freiherr von Rosen. Der 83-Jährige durfte am Dienstag mit weißer Weste das Amtsgericht Fulda verlassen, nachdem er in einem kuriosen Verfahren freigesprochen wurde.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Naturheilkundler von Rosen vorgeworfen, sich zur Leistungssteigerung illegale Aufputschmittel aus dem Ausland beschafft zu haben - und zwar für seine Marathonläufe. Der Zoll wurde auf die im Internet bestellte und per Post versandte Ware aufmerksam.

Als von Rosen auf Befragen der Behörden angab, dass er auch Langstreckenläufer sei, schien für die Ermittler der Fall klar: Verdacht auf Verstoß gegen das Anti-Doping-Gesetz, zudem Einfuhr von Doping-Mitteln in nicht geringer Menge zur Anwendung in Wettkämpfen.

Dr. Freiherr von Rosen sitzt am Schreibtisch

Anti-Aging-Präparat und Dopingmittel

Von Rosen und sein Verteidiger, Jörg-Thomas Reinhard, konnten das Gericht überzeugen, dass der 83-Jährige das Präparat nicht zur Leistungssteigerung für sportliche Aktivitäten einnehme. Vielmehr verwende er und seine Frau es nach eigenem Bekunden als Anti-Aging-Mittel.

Von Rosen sagte: "Es hat den Ruf, wie ein Jungbrunnen zu wirken. Deshalb nehme ich es. Ich will vital bleiben, auch weil ich mich noch gut um meine 90 Jahre alte Ehefrau kümmern können möchte." Sie würden das Mittel beide seit Jahren nehmen und seien zufrieden. "Als sie 80 geworden ist, habe ich begonnen, sie zu dopen", scherzte von Rosen. "Und ich habe gemerkt, dass es mir auch gut tut." In der Literatur werde es als leistungserhaltend beschrieben.

Rechtsanwalt Jörg-Thomas Reinhard vor dem Amtsgericht Fulda

Das Mittel trägt den Namen DHEA. Dehydroepiandrosteron ist ein Steroidhormon und wird vorwiegend in der Nebennierenrinde gebildet. DHEA ist an der Bildung der Sexualhormone von Östrogenen und Androgenen beteiligt.

DHEA soll Altern verzögern

Laut Studien soll DHEA stress- und altersbedingten Vitalitätsstörungen und Ermüdungserscheinungen des Körpers entgegenwirken. Es soll das Altern verzögern und die Libido anheizen. Rechtsanwalt Reinhard sagte: "Es ist in der Medizin ein anerkanntes Anti-Aging-Mittel." Die Deutsche Apotheker-Zeitung berichtete hingegen, dass es keine Beweise für die Anti-Aging-Eigenschaften gebe.

Nahrungsergänzungsmittel mit DHEA sind in Deutschland aber nicht verkehrsfähig, da sie als nicht zugelassene Arzneimittel gelten. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte gibt es in Deutschland nur ein zugelassenes und verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit dem Stoffnamen DHEA.

Darüber hinaus werde der Stoff, so das Bundesinstitut, aber noch in anderen Darreichungsformen angeboten, zum Beispiel in Nahrungsergänzungsmitteln. Was davon legal in welcher Menge und aus welcher Quelle bezogen werden könne, müssten die Überwachungsbehörden im Einzelfall entscheiden.

Großvorrat im Internet geordert

Dopingmittel befinden sich in Tablettenform ein Dosen

Von Rosen bestellte sich nach eigenen Angaben in der Schweiz gleich einen Großvorrat für mehr als vier Monate. "Bei unserer täglichen Dosis hätte ich sonst alle 20 Tage eine kleinere Menge bestellen müssen, die vom Zoll toleriert wird", erklärte von Rosen.

Dass das Mittel auch auf der Dopingliste stehe, habe er gar nicht gewusst. Er habe es auch nie gezielt vor Wettkämpfen genommen, beteuerte der Mediziner. Von Rosen war Besitzer der Schlossparkklinik in Gersfeld (Fulda) und übergab sie 2019 an seinen Sohn Martin.

Verteidiger: Gebrauchszweck entscheidend

Doping mache für ihn als Breitensportler gar keinen Sinn, versicherte von Rosen. "Ob ich in meiner Altersklasse den 17. oder womöglich mit Hilfe den 11. Platz belege, ist ja wohl vollkommen egal." Verteidiger Reinhard sagte, es sei entscheidend, ob man den Artikel zu Doping-Zwecken oder als Anti-Aging-Präparat ordere.

Von Rosen profitierte beim Prozess von der Einschätzung einer Gutachterin, die die Wirksamkeit des Stoffes als Dopingmittel infrage stellte. Ihrer Ansicht nach könnte das Mittel von der Dopingliste gestrichen werden. Am Ende war auch der Staatsanwalt überzeugt. Er plädierte ebenfalls auf Freispruch.

Mediziner wegen Corona-Masken weiter im Fokus der Ermittler

Der Landarzt steht aber trotz seines Freispruchs weiter im Visier der Staatsanwaltschaft. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen vermeintlich falsch ausgestellter Atteste zur Befreiung von Corona-Schutzmasken.

Von Rosen soll im großen Stil falsche Gesundheitszeugnisse ausgestellt haben. Bei einer Protestaktion gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in Fulda war aufgefallen, dass Dutzende von Teilnehmern Atteste vorlegten, die alle von dem Arzt in Gersfeld ausgestellt wurden. Von Rosen sagte dazu, er habe keine Gefälligkeitsgutachten ausgestellt und blicke weiteren Nachforschungen ruhigen Gewissens entgegen.