Tatortreiniger bei der Arbeit in einer Frankfurter Messie-Wohnung

Marcell Engel aus Bad Soden arbeitet seit 27 Jahren als Tatortreiniger. Sein Unternehmen wird jährlich zu bis zu 3.000 Einsätzen gerufen. Was er sieht, ist manchmal hart an der Belastungsgrenze.

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Tatortreiniger Marcell Engel aus Bad Soden
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Es riecht nach Kot, Urin und stickiger Luft. Die Fensterrahmen zur Straße hin sind vergilbt, vertrocknete Zimmerpflanzen und Blumenkübel stehen auf der Fensterbank, der Boden ist übersät mit Zeitungen, Büchern, Glasflaschen, Fahrradtaschen mit Pfandflaschen, Scherben. Aus einer verschimmelten Packung Salat krabbeln Würmer. In den Türrahmen hängen Spinnweben und tote Spinnen.

Mittendrin in dieser 30 Quadratmeter großen Wohnung in der Frankfurter Innenstadt, in diesem Meer voller Abfall, steht Marcell Engel. Für den Hauseingentümer soll er die Wohnung entrümpeln und dort sauber machen, wo der Mieter verstorben ist. "Irgendwo hier", sagt er "unter den Müllerbergen muss er gelegen haben." Vom Wohnungsboden ist nichts zu erkennen.

Der 48-Jährige macht sich auf die Suche nach Leichenflüssigkeit. So fangen viele Aufträge des Tatortreinigers an.

Blut geht besonders schwer weg

Wenn Marcell Engel gerufen wird, sind Polizei und Bestatter mit ihrer Arbeit vor Ort schon fertig. Der Tatortreiniger macht zuerst die Leichenfundstelle sauber. Wenn jemand ohne äußere Gewalteinwirkung starb und wochenlang auf dem Fußboden lag, dann sind die Fußböden häufig mit Leichenflüssigkeit durchsetzt.

Nach heftigen Gewalttaten oder Raubüberfällen entfernt Marcell Engel zuerst Blut von Wänden, Türen, Decken und Böden. "Blut geht besonders schwer aus den Wänden", sagt der Sauberkeitsprofi: "Dafür habe ich ein extra Reinigungsmittel entwickelt."

Messie-Wohnungen muss er auch entrümpeln

Messie-Wohnungen stellen Marcell Engels Reinigungsroutine meistens auf den Kopf. Bevor er den Leichenfundort reinigen kann, muss er erst mal aufräumen. Für jene Wohnung in Frankfurt hat er blaue Müllsäcke mitgebracht, ein Kollege hilft ihm. Doch er hat den Aufwand unterschätzt.

Während sich Engel den Weg durch die Wohnung bahnt, ruft er seinem Mitarbeiter zu: "Wir müssen wiederkommen, mit drei bis vier Mann. Hier brauchen wir mindestens zwei Tage." Es gelte, erst mal zu entrümpeln und Platz zu schaffen, damit die Tatortreiniger überhaupt normal durch die Wohnung gehen können.

Es fing an mit einem gebrauchten Auto

Marcell Engels Unternehmen sitzt in Bad Soden. Bis zu 3.000 Aufträge jährlich erledigen er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Rhein-Main-Gebiet beschäftigt er knapp 90 Menschen, außerdem bildet er aus. Vor seinem Unternehmen stehen mehr als ein Dutzend Sprinter. Sie alle tragen den Namen seines Unternehmens Akut SOS Clean. Auf einigen von ihnen steht: "Alles wird gut."

Buchcover "Die 7 Prinzipien des Tatort-Reinigers"

Eigentlich wollte Marcell Engel Astronaut werden. Das war sein Kindheitstraum. Vom Gymnasium rutschte er aber auf die Realschule und landete dann auf der Hauptschule. Mit 16 Jahren machte er eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Einmal schleppte er ein Auto ab. "In dem hatte sich ein Mann das Leben genommen", erzählt er. Das Auto wurde ihm zum Kauf angeboten. Die Reinigung sei schwierig gewesen, sagt er, letztlich habe er den Wagen aber sauber bekommen.

Marcell Engel erkannte, dass er für solche schwierigen Fälle womöglich ein Talent hat. Er ließ sich ausbilden als Schädlingsbekämpfer und Desinfektor.

10.000 Tatortreinigungen hat er hinter sich

Der 48-Jährige hat vier Kinder. Das älteste ist 29 Jahre und arbeitet auch für seinen Vater. Insgesamt beschäftigt Marcell Engel rund 250 Menschen, außer in Deutschland in Paris, Warschau, Lissabon und New York.

"Tatortreinigungen habe ich schon über 10.000 gemacht", sagt er. Dazu zählt er auch Tatorte, bei denen keine Menschen ums Leben kommen. "Wenn sich zwei kloppen und da fließt viel Blut und jemand hat Angst vor einer HIV-Infektion oder Ähnlichem, dann machen wir auch sauber."

Weiße Ganzkörperschutzanzüge, unter denen man heftig schwitzt, gehören zu seiner Arbeitskleidung. Blaue Überschuhe, Handschuhe und Mundschutz sind Pflicht. Bevor er loslegt, muss er den Tatort desinfizieren. Den Müll, der dort anfällt, entsorgt er als Sondermüll.

Familie und Entspannungsübungen geben Kraft

Wenn es um Gewalttaten innerhalb einer Familie oder um Angriffe auf Wehrlose geht, müsse er manchmal eine Tatortreinigung unterbrechen und eine Pause machen, berichtet Engel. Schlimmer als der Geruch von Leichenflüssigkeit, Urin und Gestank seien für ihn die Schicksale hinter den Toten. Besonders krasse Fälle könne er nicht einfach auf der Sondermülldeponie abkippen. "Meine wichtigste mentale Stütze ist vor allem meine Frau", sagt der 48-Jährige. Mit seinen jüngeren Kindern spreche er nicht über Details seiner Arbeit.

Yoga und Meditationen sind andere Techniken, mit denen Marcell Engel die vielen Extremsituationen verarbeitet, denen er als Tatortreiniger ausgesetzt ist. Das macht er jeden Morgen vor der Arbeit. "Ich stehe dann auf meinem Balkon und hampel herum, ist mir egal, was die Nachbarn denken", erzählt er und lacht.

Er hat schon Härteres gesehen

Nach einer knappen Stunde Suchen und Entrümpeln hat Marcell Engel den Leichenfundort in der Messie-Wohnung in Frankfurt entdeckt. "Er lag genau da, wo ich es vermutet hatte", sagt er. Er zeigt auf eine Stelle in der Wohnung, wo am wenigsten Müll liegt. Daneben liegen ein Schlafsack, Bücher und Zeitungen, die von schwarzer Leichenflüssigkeit durchtränkt sind. "Der lag hier mindestens drei bis vier Wochen unentdeckt, bis die Nachbarn den Leichengeruch im Treppenhaus wahrgenommen haben", sagt Engel.

Das Schicksal des Verstorbenen sei tragisch, das Messie-Syndrom eine Krankheit, für die man Betroffene nicht verurteilen sollte, findet Marcell Engel. "Ich habe schon Härteres gesehen", sagt er. Schlimmer seien Morde auf der Straße oder zerstückelte Leichen. "Letztens musste ich nach einem Raubüberfall sauber machen, da war die gesamte Wohnung voll Blut." Man habe richtig gesehen, wo der Täter für seine Schläge ausgeholt hat.

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