Verdächtiger Frankfurter Hauptbahnhof
Der Verdächtige am Dienstag in Frankfurt auf dem Weg zum Haftrichter. Bild © Michael Seeboth (hr)

Der 40 Jahre alte Eritreer, der am Montag in Frankfurt einen Achtjährigen vor einen ICE gestoßen haben soll, war an seinem Wohnort in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben. Habte A. soll dort wenige Tage vor der tödlichen Attacke eine Nachbarin angegriffen haben.

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hs

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  • Verdächtiger wurde in Schweiz seit Tagen polizeilich gesucht
  • Habte A. soll eine Nachbarin mit Messer bedroht haben und sie sowie seine Familie eingeschlossen haben
  • 40-Jähriger ist verheiratet und Vater dreier kleiner Kinder
  • galt zwischenzeitlich in Schweiz als vorbildliches Beispiel für Integration
  • war dieses Jahr in psychiatrischer Behandlung
  • Frankfurter Haftrichter erlässt Haftbefehl

Der Verdächtige im Fall des getöteten Achtjährigen am Frankfurter Hauptbahnhof wurde in der Schweiz seit Tagen von der Polizei gesucht. Er war zur Festnahme ausgeschrieben, wie der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, am Dienstagnachmittag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) berichtete.

Die Kantonspolizei Zürich teilte am Dienstag auf einer Pressekonferenz mit, es habe keine Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung gegeben. Allerdings sei der Mann in diesem Jahr in psychiatrischer Behandlung gewesen.

Nachbarin mit Messer bedroht

Nach dem 40 Jahre alten Habte A. wurde gefahndet, nachdem er am vergangenen Donnerstag (25.07.) an seinem Wohnort in der Schweiz seine Familie und eine Nachbarin in ihren Wohnungen eingeschlossen hatte. Seine Ehefrau rief die Polizei. Der Verdächtige ist laut Schweizer Behörden Vater von drei Kindern im Alter von einem Jahr, drei und vier Jahren.

Er hatte die Nachbarin mit einem Messer bedroht, aber nicht verletzt. Als die Polizei eintraf, war der Mann bereits geflüchtet. Seine Ehefrau und die Nachbarin hätten übereinstimmend berichtet, dass ein solcher Gewaltausbruch überraschend war.

Erst am Dienstag habe sich bestätigt, dass der 40-Jährige der Verdächtige in Frankfurt ist. Wo er sich seit der Flucht nach der Attacke auf seine Familie und die Nachbarin aufgehalten habe, was er gemacht habe, wie er nach Deutschland kam oder mit wem er Kontakt gehabt habe, sei unklar und Teil der Ermittlungen, teilten die Schweizer Behörden mit. Ein Vorfall wie die Attacke in dem Schweizer Wohnhaus passiere "täglich ein Dutzend mal", es habe keinen Anlass gegeben, die Öffentlichkeit zu informieren.

Verdächtiger galt als gut integriert

Habte A. war laut den Sicherheitsbehörden 2006 in die Schweiz eingereist und hatte Asyl beantragt, 2011 erhielt er eine Niederlassungsbewilligung, ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht. Der 40-Jährige galt zwischenzeitlich als gut integriert, hatte eine feste Arbeit und wurde als vorbildliches Beispiel für gelungene Integration sogar in offiziellen Publikationen gezeigt.

Verdächtiger in der Broschüre des SAH Zürich
Der Verdächtige im Jahresbericht 2017 des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) Bild © Screenshot: SAH Zürich Jahresbericht 2017 (S. 11)

Der Verdächtige war seit 2017 bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) beschäftigt und zuvor sechs Jahre lang Bauschlosser in der Stadt Aarau, bis er seine Arbeit verlor. Eine Broschüre des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) von 2017 zeigt Habte A. als Vorbild der Integration. Er ist auf mehreren Bildern zu sehen.

Er sei zufrieden mit seiner Situation in der Schweiz, freue sich über Hilfe und Schulbildung, wird er in der Broschüre zitiert, die dem hr vorliegt. Für die Zukunft wünsche er sich, dass seine Kinder ein "leichteres Leben haben als ich". Sein damaliger Job-Coach sagt über ihn, er sei "zurückhaltend und ein wenig schüchtern", habe gute Leistungen und Professionalität gezeigt. Auch sein damaliger Chef lobt Habte A. in der Broschüre.

Haftbefehl erlassen

Auch am Tag nach der tödlichen Attacke in Frankfurt können die Ermittler das Tatmotiv noch nicht nennen. Der Verdächtige schweigt weiterhin zum Tatgeschehen. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Am Dienstag erließ ein Haftrichter Haftbefehl gegen den Mann. Er kam in Untersuchungshaft.

Er soll am Montag zunächst die 40 Jahre alte Mutter und dann das Kind auf das Gleisbett gestoßen haben. Die Mutter konnte sich im Gegensatz zu dem Achtjährigen auf einen schmalen Fußweg retten. Sie erlitt nach Angaben der Staatsanwaltschaft nur leichte körperliche Verletzungen und einen schweren Schock.

Anschließend soll der Tatverdächtige versucht haben, auch eine 78-Jährige vor den einfahrenden ICE zu stoßen. Die Frau erlitt ebenfalls einen Schock sowie eine Schulterverletzung.

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Nach der Tat sei der mutmaßliche Täter von Passanten - darunter ein Polizeibeamter in Zivil - verfolgt und schließlich in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs festgenommen worden. Nach Angaben der Pressesprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass der Mann unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand. Ein Atemalkohol-Test hätte einen Wert von 0,0 Promille ergeben.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 30.07.2019, 18.00 Uhr