Sechsmonatiges Auerrind Ciara, das in Lorsch geboren wurde.

Auerochsen gelten seit über 400 Jahren als ausgestorben. Doch im südhessischen Lorsch arbeiten Wissenschaftler seit fünf Jahren daran, eine Rinderrasse zu züchten, die dem Auerochsen zumindest ähnlich ist - im Aussehen, Verhalten und Erbgut.

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Die Artgenossen protestieren lautstark, als der Projektleiter Claus Kropp das kleine Kalb Ciara von der Weide führt. Das sechsmonatige Tier trottet neugierig hinter ihm her. Es ist die dritte Generation seines Versuchs, ein dem Auerochsen ähnliches Rind zu züchten. Kropp fährt dem Kalb über den Rücken und erklärt: "Ihre Farbe ist im Prinzip schon wildfarben, wie das bei einem Auerochsen sein soll."

Und auch sonst ist Ciara ein Schritt in die richtige Richtung. Sie hat lange Beine und einen quadratischen Körperbau, der typisch für Auerochsen ist. Welches Potenzial die Hörner haben, ist bei Ciara unklar, ihre Hörnchen sind noch viel zu klein.

Noch viel Experimentieren notwendig

Wichtig für den Leiter des Freilichtlabors Lauresham in Lorsch ist zudem, dass sich seine Rinder dem Erbgut ihrer Vorfahren wieder annähern. Deshalb hat er als Eltern für das Kalb Ciara Rassen ausgesucht, die dem ursprünglichen Auerochsen genetisch noch nahe stehen.

Die will er jetzt schrittweise so kombinieren, "dass wir diese Einzeleigenschaften, die wir jetzt schon haben - die Farbe, die Hörner, die Größe - die nächsten Jahre vorantreiben werden und alle zusammenbringen." Dafür müsse allerdings noch viel experimentiert werden.

Auerochse hat eine Lücke hinterlassen

Claus Kropp fasziniert vor allem das Majestätische an den Tieren – sowohl an den ursprünglichen Auerochsen, als auch an den heutigen Nachzüchtungen. Die größten Auerochsen hätten sogar Hornspannweiten von 1,40 Metern gehabt.

Schädelknochen eines 30.000 Jahre alten Auerochsen, gefunden im Oberrheingraben.

Eine Größenordnung, die schon der letzte lebende Auerochse kaum mehr erreicht haben dürfte. Das Tier fiel im 17. Jahrhundert Jägern zum Opfer. "Die Lücke, die entsteht, wenn so ein großes Säugetier ausgerottet wird, ist enorm groß", betont der Experte. Demnach war der Auerorchse eines der ersten Opfer dieser Ausrottungswelle, die durch den Menschen und durch die Jagd erfolgt ist."

Ein Quell der Artenvielfalt

Die Lücke, von der Projektleiter Kropp spricht, ist vor allem ökologischer Art. Denn Auerochsen tragen seinen Erkenntnissen nach entscheidend zur Artenvielfalt bei. "Es ist in erster Linie der Kot der Tiere, der einen großen Unterschied macht."

Der Kot werde von Käfern verarbeitet, die wiederum würden von Vögeln gefressen. Auf diese Weise entstehe eine Kette, die auch seltene und lange verschwundene Tiere wieder anlocke. In Lorsch konnten in den vergangenen fünf Jahren des Projekts neun Arten wiederentdeckt werden, die auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten stehen.

Zurück in die Wildnis

Claus Kropp lässt den Blick über eine kleine Bullenherde schweifen, die am Ortseingang von Lorsch steht. 40 Rinder gehören inzwischen zum Projekt. Rund die Hälfte davon steht in Hessen, der Rest verteilt sich auf andere Bundesländer.

Der Projektleiter hat für die nächsten Jahre ein großes Ziel: Er will erreichen, dass dem Auerochsen ähnliche Auerrinder in Zukunft auch in Deutschland wieder als Wildtiere leben können. Sie sollen diese ökologische Nische, die der Auerochse hinterlassen hat, wieder füllen.

Sendung: hr4, 2.08.2019, 6.30 Uhr