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Audioseite Die Bundesanwaltschaft geht allen Hinweisen zu Hanau nach

Ein Jahr Hanau

Plante der Attentäter von Hanau seine Tat ganz allein? Welche Rolle spielte sein Vater? Die Ermittlungen zum rassistischen Anschlag laufen gründlich, stoßen aber an Grenzen.

Tobias R. war ein Einzeltäter. Er hatte keine Helfer, keine Unterstützer, keine Mittäter. Das ist der derzeitige Ermittlungsstand. Und es wird vermutlich auch der endgültige sein, denn die Bundesanwaltschaft hat auch ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau keine Hinweise darauf, dass ein anderer daran beteiligt war.

Fragt man in Karlsruhe nach dem Stand des Verfahrens, lautet die nüchterne Antwort: Im November vergangenen Jahres waren alle Ermittlungsschritte erfolgt. Eingestellt ist das Verfahren trotzdem nicht. Noch nicht, obwohl der Täter tot ist und gegen einen Toten kein Strafverfahren geführt werden kann.

Zur Erklärung sagte Generalbundesanwalt Peter Frank im SWR-Podcast "Die Justizreporter*innen" vor kurzem: "Weil sich die Frage aufgedrängt hat, ob in ein solches komplexes Tatgeschehen nicht noch andere Personen in strafrechtlicher Weise involviert sein können."

Akten den Anwälten der Angehörigen übergeben

So läuft etwa noch ein Rechtshilfeersuchen, weil der Attentäter Tobias R. offenbar mit Menschen im Ausland gechattet hat. Die Bundesanwaltschaft will nichts übersehen. Die Karlsruher Ermittler scheinen sehr akribisch gearbeitet zu haben und in weit größerem Umfang tätig geworden zu sein, als es die Strafprozessordnung von ihnen verlangt.

Die Bundesanwaltschaft stellte nach eigener Auskunft Ende 2020 alle Akten den Vertretern der Opfern zur Verfügung. Bis Ende Februar haben sie Zeit, sie zu studieren, Bemerkungen zu machen, Anregungen zu geben. Dass welche kommen werden, gilt als wahrscheinlich. Dass die Bundesanwaltschaft ihnen nachgeht, ebenfalls.

Grenzen eines Strafverfahrens

Der Opferbeauftragte des Landes Hessen, der frühere Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn, rief bereits in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 2020 den Generalbundesanwalt an, damit dieser das Verfahren übernimmt. Heute kümmert sich Fünfsinn um die Hinterbliebenen und Überlebenden des Anschlags.

"Die einzige Zielrichtung des Strafverfahrens ist es, die Schuld eines Täters festzustellen", sagt er. Der Täter ist tot, gegen ihn kann es keinen Prozess mehr geben. Das sei für die Angehörigen sehr schmerzhaft, weil auf diese Weise viele Fragen offen blieben, sagt Fünfsinn.

Eine Frage, die sie sich stellen und die auch die Bundesanwaltschaft sich gestellt hat, ist die nach der Rolle des Vaters des Attentäters. Was wusste er? Hat er seinem Sohn geholfen? Das Attentat mitgeplant, von den mörderischen Plänen des 43-Jährigen gewusst? Aber darauf haben die Ermittler keinen Hinweis gefunden.

Anzeige gegen Vater des Attentäters

Damit bleibt der Vater von Tobias R. lediglich Zeuge in dem Verfahren. Die Angehörigen der Opfer dagegen haben ihn wegen Beihilfe zum Mord angezeigt.

Die Staatsanwaltschaft Hanau, die von sich aus tätig wurde, hat ihn wegen Beleidigung angeklagt, weil er Überlebende und Angehörige der Opfer als "wilde Fremde" bezeichnet haben soll. Sie sollten "das Maul halten und sich dem Deutschen Volk unterordnen".

Unterbesetzter Notruf, verschlossener Notausgang

Außerdem prüft die Hanauer Staatsanwaltschaft, ob die Notrufe der Polizei in der Tatnacht ausreichend besetzt waren. Nach hr-Informationen war nur eine Leitung besetzt. Innenminister Peter Beuth (CDU) räumte ein, dass es in jener Nacht keine Weiterleitung zu einer übergeordneten Leitstelle gab. Notrufe kamen daher nicht durch, unter anderem der des späteren Opfers Vili Viorel Păun.

Und es steht noch der Vorwurf der fahrlässigen Tötung im Raum, weil am Tatort in Hanau-Kesselstadt, der Arena-Bar, ein Notausgang verschlossen gewesen sein soll. Die Polizei wies den Vorwurf zurück, dies sei auf ihre Weisung hin geschehen.

Sendung: hr-iNFO, 19.02.2021,